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Der große Reibach am Ring

Nein, das geht eigentlich nicht. In Deutschland hat noch kein Rennstreckenbetreiber nennenswerte Gewinne erzielen können; im Gegenteil. Der EuroSpeedway Lausitz in Brandenburg war schon zwei Jahre nach der Eröffnung des erste Mal pleite, das Land Baden-Württemberg und die Gemeinde Hockenheim buttern seit Jahren Steuergelder in den Hockenheimring, Rheinland-Pfalz versenkte unter dubiosen Umständen hunderte Millionen in den unrentablen Nürburgring-Umbau.

Aber einer hat es möglicherweise geschafft, seinen Reibach mit dem Ring in der Eifel zu machen: Der Düsseldorfer “Projektentwickler” Kai Richter und seine GmbH Mediinvest sollen nach SWR-Informationen mit Hilfe von Steuermitteln mehrere Millionen Gewinn aus dem Projekt “Erlebniswelt Nürburgring” gezogen haben.

Nach Erkenntnissen des Landesrechnungshofs gelang dies mit direkt erhaltenen Honoraren, aber auch mit Zinsgewinnen aus “durchgeleiteten” und zeitweise “geparkten” Investitionsmitteln des Landes. Hier ist offenbar mal wieder der Traum eines jeden Abzockers wahr geworden: Verluste sozialisiert, Gewinne privatisiert.

Die ganze Geschichte gibt’s heute abend zuerst im Radio (SWR 1 Rheinland-Pfalz, “Thema heute Landespolitik”, ab 19.30 Uhr) und dann im TV (SWR-Fernsehen Rheinland-Pfalz, “Ländersache”, ab 20.15 Uhr).

Update 20.8.: Wer’s verpasst hat, kann den TV-Beitrag in der SWR-Mediathek sehen.

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Für dumm verkauft

Ich bin, ehrlich gesagt, heilfroh, dass ich zur Zeit nicht mehr als öffentlich-rechtlicher Radiomoderator das harte Tagesgeschäft mit der Aufarbeitung des aktuellen Geschehens vom Wochenende absolvieren muss. Es würde mir sehr schwer fallen, eine distanzierte und annähernd objektive Haltung zu wahren - etwa zur Loveparade-Katastrophe in Duisburg und zur Formel-1-Farce in Hockenheim.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Ereignisse haben sie doch etwas gemeinsam: Die jeweils Verantwortlichen versuchen auf bizarren Pressekonferenzen, mit hanebüchenen und absurden Ausreden ihr eigenes Fehlverhalten zu beschönigen; in der Hoffnung, damit heil aus der Affäre zu kommen. Und leider zeigen Beispiele aus der Vergangenheit, dass diese Hoffnung gar nicht so unberechtigt ist.

In Duisburg erklärt der Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf der Sonntags-PK, er sei bei der Planung der Loveparade nicht involviert gewesen. Die größte Veranstaltung in der Geschichte der Stadt fand also ohne konkrete Beteiligung des OB statt - erstaunlich.  Der kommissarische Polizeipräsident Detlef von Schmeling betont, man könne bei Weitem nicht von den vom Veranstalter Lopavent zuvor genannten 1,4 Millionen Besuchern ausgehen, er rechne eher mit rund einem Zehntel dieser Zahl. Das Veranstaltungsgelände war für 250.000 Raver ausgelegt, also aus Sicht der Genehmigungsbehörden eine völlig problemlose Angelegenheit; auch das Konzept der Zu- und Abwege über die beiden Tunnelhälften und die einzige Rampe zum Gelände sei absolut in Ordnung gewesen.

Rätselhaft, wie es da zu 19 20 21 Toten und weit über 500 Verletzten (Update Stand 28.7.) kommen konnte. OB Sauerland hatte am Samstagabend in einer ersten Erklärung sogar von einem Fehlverhalten der betroffenen Besucher gesprochen, Reichs-Obermoralistin Eva Herman sah die Schuld in der Verkommenheit der Veranstaltung, ihrer Besucher und dem unseligen Erbe der 68er-Generation. Der aktiv in die Veranstaltung eingebundene WDR pflegte nach der Katastrophe stundenlangen Betroffenheitsjournalismus mit Techno-Beats im Hintergrund; auch die geplante 1 Live-Aftershow-Party des WDR-Hörfunks fand - offenbar auf Bitte der Polizei - noch statt in der Nacht zum Sonntag. Nachher (zurecht) über die verkorkste Planung mosern, aber vorher als enger Partner der Veranstalter das Maul nicht aufmachen, wenn das Konzept, für jeden erkennbar, nicht aufgehen kann? Liebe Leute, für wie doof haltet Ihr uns?

Offenbar für strohdoof, wie am Sonntag auch beim Formel-1-Grand-Prix in Hockenheim klar wurde. Dieser - für echte Motorsportler ohnehin fragwürdige - Zirkus geriet vollends zur Farce, als die beiden führenden Ferrari in der 49. Runde erkennbar kampflos die Plätze tauschten, nachdem Renningenieur Rob Smedley per Funk Felipe Massa erklärt hatte, der hinter ihm fahrende Fernando Alonso sei schneller und ob Massa das bestätigen könne. Das tat er und führte bald darauf diese verkappte Stallorder aus, in dem er nach der Spitzkehre nur schwach beschleunigte (was durch das Data-Recording bestätigt werden wird) und damit von Alonso vor dem nächsten Rechtsknick (geht voll, weiß ich aus eigener Erfahrung) problemlos überholt werden konnte.

Erste Konsequenzen: Ein erbostes Publikum und eine von den Rennkommissaren verordnete lächerliche 100.000 US-Dollar-Strafe wegen verbotener Stallorder. Weitere Konsequenzen: Unklar, weil der Automobilsport-Weltverband FIA von Ex-Ferrari-Sportchef Jean Todt geführt wird und wahrscheinlich keine angemessene Sanktion (mindestens Disqualifikation beider Ferrari) beschließen wird.

Peinlich genug war die nachträgliche Erklärung von Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali: „Wir haben nichts gemacht. Wir haben Felipe keine Anweisung gegeben. Wir haben ihn nur über die Situation informiert.” Noch peinlicher der Einwand vom Drittplatzierten Sebastian Vettel bei der Pressekonferenz: “Das Wichtigste ist, dass du an dein Team denkst. Wir kriegen die Schecks ja von unseren Arbeitgebern und nicht von euch Journalisten”. Sorry, Herr Vettel, aber damit haben Sie meine Sympathien verspielt und sich als Ignorant geoutet.

Die Schecks für die Fahrer werden zwar von den Teams überreicht, aber - in umgekehrter Reihenfolge - von den Sponsoren, von Bernie Ecclestones Formel-1-Organisation, den übertragenden TV-Anstalten, deren Werbekunden und damit letztendlich von uns als Konsumenten der Produkte gedeckt. Ein paar Prozent kommen noch indirekt von den Renstreckenbetreibern über Eintritts- und Steuergelder dazu, also ebenfalls von uns. Wir Zuschauer und Steuerzahler sorgen also für Eure Schecks, Ihr verarscht uns nach Strich und Faden und findet es auch noch in Ordnung? Danke, damit hat sich das Thema “Formel 1″ für mich endgültig erledigt.

Dabei geht’s doch anders: Ein zwar unüberlegter und mit Kleinholz endender, aber dafür echter Kampf auf der Rennstrecke - so wie der von Vettel und Teamkollege Webber in Istanbul: Das ist Motorsport ohne Stallregie und Taktiererei, das ist glaubwürdig. Alles andere hat nur Trash-TV-Niveau und sollte nicht mehr von Werbepartnern und Politikern unterstützt werden.

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Alles Müller, oder was?/Update 4.7.


ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein macht seit Januar 2010 Werbung für die Molkerei Weihenstephan, die seit dem Jahr 2000 zur Gruppe Theo Müller (”Müllermilch”) gehört - das hat bisher niemand groß aufgeregt und war offenbar im Herbst 2009 noch mit dem damaligen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender abgesprochen (oder doch nicht? / siehe Update 4.7. unten). Nun klagte aber sein Nachfolger Peter Frey - bis dahin wohl uninformiert - auf Nachfrage des Branchenblatts “medium magazin“:

Ihr Internet-Auftritt auf den Seiten von Weihenstephan ist nicht glücklich und kann so nicht bleiben.

Diese harsche Kritik schlug umgehend hohe Wellen in der Medienszene, weil Müller-Hohenstein derzeit durch ihren Einsatz bei der Fußball-WM in Südafrika hohe Bildschirmpräsenz genießt und generell die privaten Werbeaktivitäten von öffentlich-rechtlich bezahlten Moderatoren kritisch betrachtet werden sollten.

Die veröffentlichten Fakten sind jedoch nicht die ganze Wahrheit. Die Werbeaktivitäten von Katrin Müller-Hohenstein für die Molkerei Weihenstephan beschränken sich nicht auf den Internet-Auftritt, sie war ebenso als “Schirmherrin des Qualitätsbeirats” in Radio-Spots zu hören (auch in ARD-Stationen, was Peter Frey offenbar ebenfalls entgangen ist). Als freie Mitarbeiterin des ZDF (ohne Pensionsansprüche) wollte sie hier wohl die gleichen Rechte haben wie etwa ZDF-Kollege Thomas Gottschalk als Werbebotschafter für “Haribo“. Chefredakteur Frey sieht das jedoch anders:

 Der Vertrag enspricht nicht den Vorstellungen des ZDF von Auftritten seiner journalistischen Köpfe. Ich gehe davon aus, dass dieser Internet-Auftritt schon bald Geschichte ist.

Kein Wort darüber, dass auch die Wettervorhersagen im ZDF-Morgenmagazin von der Molkerei Weihenstephan präsentiert wurden, obwohl sich diese noch bis 2008 irreführend als “Staatliche Molkerei Weihenstephan” bezeichnet hatte und illegal das bayerische Staatswappen verwendet hatte. Kein Wort auch darüber, warum sich ein durch knallharte politische Intervention ins Amt gehievter Chefredakteur öffentlich Gedanken über die möglicherweise fehlende Unabhängigkeit oder Glaubwürdigkeit von “Journalisten” machen muss.

Immerhin hat das ZDF ja auch kein Problem damit, dass seine WM-Berichterstattung teilweise durch Sponsoren finanziert wird und dass der Experte an der Seite von Katrin Müller-Hohenstein, Oliver Kahn, hochgeschätzter Werbepartner von Unternehmen wie Boehringer Ingelheim, DWS Investments, Riva-Verlag und Sonax ist. In diesem Umfeld dürfte es öffentlich-rechtlichen Sender schwerfallen, eine Grenze zwischen “hui” und “pfui” zu ziehen; bisherige Versuche erinnern eher an eine diffuse Doppelmoral. Peter Frey erklärte im medium magazin dazu:

Wir müssen, vielleicht in einer Art Selbstverpflichtung, uns die Kriterien noch klarer machen.

Vielleicht sollte beim ZDF auch mal über die unternehmensinterne Kommunikation geredet werden. Katrin Müller-Hohenstein will nämlich laut Spiegel-Online erst an diesem Freitag telefonisch von Peter Frey über dessen Kritik unterrichtet worden sein, als die Vorwürfe schon längst publik gemacht worden waren. Und weil sie ihren Job beim ZDF natürlich ungern verlieren will, muss sie sich jetzt hektisch darum bemühen, den noch bis Jahresende laufenden Vertrag mit der Molkerei Weihenstephan vorzeitig aufzulösen.

Update 13.30 Uhr: Inzwischen hat sich KMH für ihren Werbeauftritt entschuldigt und ihre “Schirmherrschaft” niedergelegt: „Das Engagement war ein Fehler, den ich bedaure“, erklärte sie an diesem Samstag dem “Spiegel“.

Update 4.7.: Ebenfalls im “Spiegel” widersprach sie allerdings auch ihrem eigenen Management, das (wie oben geschrieben) dem “medium magazin” von einer vorherigen Absprache mit Nikolaus Brender berichtet hatte. Brender selbst erklärte dem “Spiegel”, er habe die Genehmigung “für die Mitwirkung bei einer unabhängigen Stiftung zur gesunden Ernährung von Kindern” erteilt: “Eine Aktion für irgendein Produkt hätte ich niemals genehmigt.” Nach eigenen Angaben war Katrin Müller-Hohenstein selbst nicht klar, dass sie für Werbezwecke verwendet werden würde, was allerdings für einen Medienprofi sehr naiv wäre. Spätestens bei der Umsetzung der Zusammenarbeit (wie bereits erwähnt auch mit Werbespots im Radio) hätte sie es wissen müssen.

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Rundfunkbeitrag: 20 Thesen und viele Fragen offen

Die Rundfunkgebühr ist tot, lang lebe der “Rundfunkbeitrag”! So soll es ab 2013 sein, wenn die 20 Thesen zur Zukunft der Finanzierung des öffentlich- rechtlichen Rundfunks, die der Verfassungs- und Steuerrechtler Paul Kirchhof diese Woche vorgestellt hat, zur Realität werden.

Paul Kirchhof
Stellt die Weichen für ein neues Rundfunk-Finanzierungssystem: Professor Paul Kirchhof. (Foto: Euku@Wikimedia)

Stark verkürzt sagen diese Thesen: Frei empfangbarer und unabhängiger Rundfunk ist ein unverzichtbares Nutzungsangebot, das von der Allgemeinheit finanziert werden muss. Ein haushaltsbezogener Pflichtbeitrag von monatlich rund 18 Euro - unabhängig von der Art und Anzahl der Empfangsgeräte - wäre verfassungskonform. Die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) könnte aufgelöst werden. Beitragspflichtig wären auch einkommensschwache Haushalte, die bisher gebührenbefreit sind. Diese erhalten jedoch einen Ausgleich bei den Sozialleistungen. Eine Beitragsbefreiung gibt es nur in besonderen Einzelfällen. Dafür wird der Anteil der Werbefinanzierung von öffentlich-rechtlichen Programmen schrittweise auf Null abgebaut.

GEZ-Gebäude
Die GEZ-Verwaltung in Köln - ein Auslaufmodell. (Foto: GEZ.de)

Trotz der immerhin 78 Seiten ist dieses Gutachten aber nur ein Skelett, das noch zu einem vollständigen Gebilde ausgestaltet und geformt werden muss. Es hinterlässt noch sehr viele offene Fragen, zum Beispiel: Wieso sollen künftig Haushalte, die bewusst auf ein Fernsehgerät verzichten, trotzdem 18 Euro bezahlen statt wie bisher nur 5,76 Euro für Radio und “neuartige Empfangsgeräte” (Internet-PC, Smartphone etc.)? Wer entscheidet nach welchen Richtlinien über eine Beitragsbefreiung?

Und was ist mit den Millionen Freiberuflern und Selbständigen mit Büro oder Arbeitszimmer und beruflich genutztem Auto? Zu denen gehöre ich auch und das bedeutet bisher: Monatlich einmal die volle Gebühr von 17,98 Euro plus 5,76 (Radio im Auto) oder sogar noch mal 17,98 Euro (Fernsehgerät im getrennten Büroraum), macht monatlich also bis zu 35,96 Euro; völlig unabhängig von der Anzahl der Personen im Haushalt. Der geplante neue Beitrag soll zwar per se “personenbezogen” sein, würde aber an der Lage nichts ändern oder gerechter machen - im Gegenteil: Dann könnten monatlich volle 36 Euro fällig sein. Das läppert sich und schmerzt in Zeiten sinkender Einnahmen; zum Beispiel für freie Journalisten, die ohnehin schon häufig an der Armutsgrenze lavieren.

Ähnliches gilt übrigens auch für kuriose Fälle, die kaum publik werden: Wenn Sie etwa auf Ihrem mit Radio ausgestatteten Privatwagen mittels Aufkleber Werbung für einen Betrieb machen (und sei es auch nur für die Nebenerwerbs-Winzerei eines Verwandten oder Familienangehörigen), dann gilt das Fahrzeug als “beruflich” genutzt - egal, ob Sie dafür Geld bekommen oder nicht - und es fällt die reduzierte Rundfunkgebühr von 5,76 Euro an. Werden das künftig ebenfalls volle 18 Euro? Das wäre fürwahr ein teurer Aufkleber.

Schon am 9. Juni - wenn sich der erste Pulverdampf verzogen hat - könnten die Länder-Ministerpräsidenten einen Grundsatzbeschluss zur Zukunft der Rundfunkfinanzierung fassen; unangebrachte Eile bei der konkreten Ausgestaltung würde sich aber angesichts der vielen Detailfragen schnell rächen. Ich sehe schon zahlreiche Prozesse gegen die Neuordnung und massive Proteste von Zwangsbeitragszahlern, die schon jetzt durch die bekannten Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach allen Regeln der Kunst desinformiert und angestachelt werden.

Dabei tummeln sich fachfremde Politiker, die immer noch die Begriffe “Rundfunk” und “Radio” durcheinander würfeln und gleichsetzen, sowie Medien mit eigenen Interessen und Engagements, die das öffentlich-rechtliche Angebot als Konkurrenz oder Bedrohung empfinden und im “Kampf” dagegen keine Peinlichkeit scheuen.

Völlig blödsinnig ist es zum Beispiel, den öffentlich-rechtlichen Programmen das Existenzrecht abzusprechen, weil die Marktanteile zu gering seien, und diese Behauptung auch noch durch eine mehr als lückenhafte Berechnung beweisen zu wollen. Zwar ist es richtig, dass nur ARD, ZDF und Deutschlandradio das Kirchhof-Gutachten in Auftrag gegeben haben. Wenn aber RP Online höchst tendenziös schreibt:

Eine Haushaltspauschale könnte den öffentlich-rechtlichen Sendern Entlastung bringen und wird zugleich eine neue Generaldebatte über Gebührenverschwendung und den grundsätzlichen Sinn von Milliarden-Ausgaben für Sender auslösen, die die Mehrheit der Deutschen längst für verzichtbar hält. Am Montag lag der gemeinsame Marktanteil der Sendungen von Das Erste und ZDF bei 23,8 Prozent.

… dann wird offenbar absichtlich unterschlagen, dass der gebührenfinanzierte Rundfunk weit mehr als nur Das Erste und ZDF ist. Addieren wir nämlich die Marktanteile aller ARD-Programme (also auch der Dritten und Digitalangebote), des ZDF und seiner Digitalprogramme, Phoenix, 3Sat, ARTE und KiKa im Zeitraum September-Dezember 2009, dann kommen wir auf rund 42,5 Prozent.

Und daraus will RP Online ableiten, dass “die Mehrheit der Deutschen” diese Sender “für verzichtbar” hält? Aber hallo! Mit der gleichen, schiefen Argumentation könnte man auch die CDU, die SPD und alle anderen Parteien für verzichtbar erklären (kosten alle viel Geld, haben unter 40 Prozent und stören nur bei der Zusammenstellung der RTL II-”News”), das Hallenbad in der Stadt (schweineteuer im Unterhalt, wird höchstens von 30 Prozent genutzt) und natürlich die Zeitung “Rheinische Post” und ihren Internet-Ableger RP Online (bundesweite Quote sicher deutlich unter 25 Prozent).

Und dabei haben wir noch gar nicht vom öffentlich-rechtlichen Radio geredet, das zwar auch Gebührengelder kostet, aber bei der letzten Media-Analyse immerhin einen Marktanteil von 51,7 Prozent verbuchen konnte. Muss ich jetzt im Umkehrschluss daraus folgern, dass die Mehrheit der Deutschen Privatradios für verzichtbar hält? Vermutlich ja, wenn ich bei RP Online arbeiten würde.

New “Plopp” Festival

Das “SWR 3 New Pop Festival” in Baden-Baden hat dieses Jahr einen neuen Sponsor. Es ist “das einzig Wahre - … (hier bitte den Namen einsetzen, der Ihnen spontan einfällt)”. Ein Musik-Festival im Schwarzwald mit junger Zielgruppe lässt sich also von einem Alkoholproduzenten aus dem Sauerland finanzieren - ein “Plopp” zum Pop - das perlt.

Andererseits war der alte “New Pop”-Sponsor auch nicht grade ein Vorbild für die junge Generation; scheint schwer, heutzutage jemanden zu finden, der keinen Dreck am Stecken hat.

Pop-Shop-Revival

Zufall oder nicht? Manchmal finden gleichzeitig Ereignisse statt, bei denen man spontan an einen zwingenden Zusammenhang denkt. So hat mein Kollege Frank Laufenberg gestern am Abend seines 65. Geburtstages seine letzte Show beim Hörfunksender SWR1 in Baden-Baden gemacht und wird dort ab heute als Rentner angesehen. Er selbst sieht das etwas anders und arbeitet nun am Aufbau eines Internetradios unter der Präsenz Frank Laufenberg’s Pop Shop.

Gleichzeitig reaktiviert SWR3 einen altbekannten Sendungstitel aus fernen SWF3-Zeiten (damals unter anderem mit Frank Laufenberg) und nennt seine abendliche Musik-Spezialsendung Intensiv seit dem Jahreswechel Pop Shop. Natürlich wird keiner der Moderatoren “Laufenberg” heißen und auch sonst hat der neue wohl eher wenig mit dem alten Pop Shop aus den 1970er-Jahren zu tun.

Aber vielleicht ist es ja einfach nur Ausdruck eines neuen Nostalgie-Trends beim SWR, der zum Jahreswechsel auch eine schon etwas abgehangene Neujahrsansprache des rheinland-pfälzischen SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck ins aktuelle Programm gehievt hat.

Mal wieder ein Abschied

Seit über 21 Jahren turne ich nun - neben diversen anderen Tätigkeiten - auf verschiedenen Radio-Antennen herum, anfangs beim Stadtradio Freiburg, danach bei SWF3 (sehr kurz), Radio Luxemburg (zur Schulung), Radio Merkur (Rastatt), Radio (7) Victoria (Baden-Baden), RPR1 (Ludwigshafen), Radio Regenbogen (Mannheim) und die letzten gut acht Jahre bei SWR1 in Baden-Baden (den Schnauzbart auf dem Bild gibt’s inzwischen nicht mehr). Zum Jahresende läuft dort nun mein Vertrag als “fester Freier” aus und wird nicht verlängert; meine letzte Sendung ist in der Nacht vom 14. auf den 15. Dezember.

Nein, ich habe keine silbernen Löffel geklaut oder meine Arbeit schlecht erledigt. Der offizielle Grund ist, dass der SWR für mich keine Zukunftsperspektive bis zum Renteneintritt sieht (zum Hintergrund siehe hier). Das muss man leider so akzeptieren, ist aber auf lange Sicht kein Anlass für Mitleid und Traurigkeit. Acht Jahre lang Sendungen spätabends und (vor allem) nachts, sekundengenaues Arbeiten als “selbstfahrender” Moderator und blitzschnelles Reagieren auf aktuelle Ereignisse gehen nicht spurlos an Körper, Geist und Privatleben vorüber, das habe ich zwischendurch auf die harte Tour erfahren. Mit zunehmendem Alter wird außerdem das Ankämpfen gegen den natürlichen Biorhythmus nicht leichter, das sollte man nicht unbedingt bis 66 durchziehen.

Der Personalabbau wird weiter gehen in den Sendern und Redaktionen, auf die verbliebenen Mitarbeiter kommen immer neue Aufgaben und Herausforderungen zu und damit steigt die individuelle Belastung mittelfristig an die Grenze des Machbaren und teils auch darüber hinaus. Mein Neid auf die “Zurückbleibenden” hält sich also im Rahmen. Stattdessen werde ich erst mal eine längere Auszeit nehmen, eine neue Wohnung zusammenbasteln (tue ich nebenher schon seit einigen Monaten), die Batterien aufladen und dann schauen, was sonst so geht und was mir Spaß machen könnte für den nächsten Lebensabschnitt.

In der Rückschau waren das - beruflich und finanziell gesehen - acht meist exzellente Jahre, in denen ich als “Die Nacht”- und “Kopfhörer”-Moderator und teils auch als Redakteur trotz vermeintlicher Formatradio-Zwänge sehr weitgehende Freiheiten hatte, von denen Kollegen auf anderen Sendestrecken oder gar bei anderen Sendern nur träumen können. Fehlen werden mir außer einigen Kolleginnen und Kollegen vor allem auch einige treue Hörer, die mir immer wieder per Mail, in ihren Blogsin Foren oder durch Anrufe aus allen Teilen der Welt das Gefühl vermittelt haben, hier etwas Sinnvolles zu tun.

Mit der Zeit habe ich vielleicht auch einen Teil meiner anerzogenen Dipfeleschisserei abgebaut (für Nicht-Baden-Württemberger steht die Erklärung hier), obwohl gute Vorbereitung (auf Neudeutsch: Show-Prep) und ein wenig Pedanterie nicht schaden können, wenn man in jeder Stunde ein ordentliches Backtiming hinbekommen oder für eine 5-Stunden-Sendung teils 20 verschiedener Themen Herr werden will, ohne zwischendurch Unsinn zu erzählen. Da bin ich vom eigenen Anspruch her immer noch meilenweit entfernt von locker-flockigen DJs, denen so ziemlich wurscht ist, wie irgendwelche Minister heißen, auf welchem Tabellenplatz grade der VfB Stuttgart steht oder ob für den letzten Musiktitel der Stunde nur noch eine Minute Zeit ist.

Für mich ist eine ideale Sendung immer “durchkomponiert”; also eine abwechslungsreiche und in sich stimmige Mischung, die dem Langzeithörer (den’s in der Nacht weitaus häufiger gibt als tagsüber) einen gewissen Flow vermittelt, der sich auch vom Moderator überträgt. Da traf es sich gut, dass SWR1 auch die passende Musikmischung für meine Altersgruppe bietet - inclusive vieler Songs, mit denen ich musikalisch aufgewachsen bin in den 1970ern und 80ern. So musste ich mich auch selten “verbiegen”, um das Programm mit Pride and Passion zu präsentieren - ein Luxus heutzutage.

Im Übrigen gibt’s natürlich tausende Dinge, die wichtiger sind als die Dienstleistung “Radio” - das sollte man als Moderator nie vergessen. Wir drücken zwar an unseren Mischpulten manchmal rote Knöpfe, aber keiner davon zündet eine Atombombe oder ist sonst irgendwie lebenswichtig.

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