Diesen Eintrag drucken

Bundesnetzagentur: Zahnlos, machtlos

Fast jeder von uns hat es schon erlebt, viele sogar mehrfach oder andauernd: Unerwünschte Werbe- oder Betrügeranrufe, häufig mit unterdrückter Nummer, immer häufiger auch durch Automaten mit aufgezeichneten Stimmen. Das ist nicht nur verboten und lästig, sondern kann bei Gutgläubigen auch zum Verlust hoher Geldbeträge führen. Um mitzuhelfen, dieses üble Treiben mittelfristig zu verhindern, melde ich regelmäßig solche Anrufe per Formblatt an die Bundesnetzagentur in Bonn.

Bundesnetzagentur Bonn
Eingang zur Bundesnetzagentur am Bonner Tulpenfeld. Hier versickern offenbar zahlreiche Beschwerden im Behörden- und Ermittlungsdickicht (Foto: Leit@Wikimedia Commons).

Das ist ein wenig mühsam, erfordert manchmal auch etwas Recherche oder das Geschick, dem Call-Center-Mitarbeiter während des Cold Calls ein paar Angaben zu entlocken. Ich habe bisher aber immer die Hoffnung gehegt, dass das illegale Tun früher oder später in irgend einer Form geahndet wir. Das ist nach Angaben der Bundesnetzagentur zwar tatsächlich ab und zu der Fall, scheint aber trotz erheblich gestiegener Fallzahlen wohl nur in homöopathischen Dosen möglich zu sein. Ein von der “Süddeutschen Zeitung” am Samstag publizierter “interner Bericht” der Behörde wird zum Beispiel von der Agentur afp unter anderem so zitiert:

An die mutmaßlichen Täter kommt die Netzagentur … meist gar nicht heran. Viele Hintermänner säßen im Ausland, wo sie Scheinfirmen gegründet hätten. Versuche, Bußgelder zu vollstrecken, liefen regelmäßig “ins Leere”. Die Bundesnetzagentur beklagt in ihrem Bericht laut “SZ” auch das mangelnde und unkoordinierte Durchgreifen von Polizei und Justiz: Selbst bei großen Betrugsfällen finde “faktisch keine Strafverfolgung statt”. Viele Ermittlungsverfahren würden “sanktionslos” eingestellt - dies sei eine “untragbare Situation”.

Bereits am Donnerstag veröffentlichte die Bundesnetzagentur allerdings eine themengleiche und ganz und gar nicht interne Pressemitteilung, in der sich Präsident Matthias Kurth unter anderem darüber bitter beklagte:

“Von August 2009 bis April 2010 sind bei uns über 57.000 schriftliche Beschwerden allein wegen unerlaubter Telefonwerbung eingegangen. Wir können nicht alle Beschwerden aufgreifen, weil ein Teil nicht als unerlaubte Telefonwerbung verfolgt werden kann. Dies ist z. B. bei klassischen Meinungsumfragen, beim Abfragen von Kontodaten ohne Werbebezug oder bei automatisierten Werbeanrufen, bei denen keine Person am Telefon ist, der Fall.”

Dieser Teil der Pressemitteilung ist ziemlich weit unten zu finden und wurde deshalb wohl auch konsequent verschwiegen - wer kann schon so viel Text auf einmal lesen? Wenn ich Kurth aber richtig verstanden habe, dann zählen automatisierte Cold Calls offenbar nicht zu den illegalen Praktiken. Hallo, geht’s noch? Gerade bei solchen Anrufen wird dreist versucht, die Adressaten mit Gewinnversprechen zum Wählen einer teuren 0900-Nummer zu verleiten, bei der es aber nichts zu gewinnen, sondern viel zu verlieren gibt. Und das darf nicht als unerlaubte Telefonwerbung verfolgt werden (mal davon abgesehen, dass natürlich die Beweislage bei Automaten-Anrufen etwas dünn ist)?

Und wenn dann doch eine der zahlreichen Beschwerden (über 66.000 allein von Januar bis April 2010, davon - wie oben zitiert - mehr als 57.000 in schriftlicher Form) an die Ermittlungsbehörden weitergegeben wird, dann scheint meist nichts zu passieren. Das führt zwangsläufig zum Frust bei den genervten Beschwerdeführern und zu wachsender Frechheit bei den Betrügern. Denen ist es ja ohnehin egal, ob sie sich auf dem Boden des Gesetzes bewegen; sie können aber auch in den meisten Fällen damit rechnen, ihre dreisten Abzockereien ungestraft durchzuziehen. Und wenn’s mal nicht klappt, dann ist es auch nur eine Ordnungswidrigkeit und die verhängte Geldbuße möglicherweise weit geringer als der bereits erzielte Gewinn.

Damit aber ist die Bundesnetzagentur ein zahnloser Tiger und das “Gesetz zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung und zur Verbesserung des Verbraucherschutzes bei besonderen Vertriebsformen” ein Placebo, das nur der Sedierung der ahnungslosen Konsumenten aus wahlkampftaktischen Gründen dient. An diesem Mittwoch wird das Gesetz ein Jahr alt, einen Grund zum Feiern gibt’s nicht.

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

Einladung zum geselligen Rauchen

Qualmende Zigaretten haben jede Menge schädliche Wirkungen, das muss ich auch als Raucher unumwunden zugeben, den Einfallsreichtum bayerischer Gastwirte beeinträchtigen sie aber offenbar nicht. Eigentlich gilt ja nach dem Volksentscheid in Bayern vom 4. Juli ab dem 1. August ein weitreichendes Rauchverbot, unter anderem in der Gastronomie, von dem es entgegen landläufiger Meinung auch für das Münchener Oktoberfest 2010 keine Ausnahme gibt. Merken wird man das aber vorerst kaum, denn zum Einen kann im Sommer noch ohne Frostbeulengefahr und völlig legal im Freien geraucht werden - also vor der Kneipe oder im Biergarten -, zum Anderen hatten findige Kneipiers schon kurz nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses eine Lücke im Gesetzentwurf entdeckt.

Zigarette
(Foto: Challiyil Eswaramangalath Vipin@Wikimedia Commons)

Bereits am Abend nach dem erfolgreichen Volksbegehren ließen Kneipiers im Fernsehen und in den Tagen danach auch in den Printmedien die Katze aus dem Sack: Ab nächsten Monat wird wohl in den bayerischen Raucherlokalen jeden Tag gefeiert, denn “geschlossene Gesellschaften” sind vom Rauchverbot ausgenommen und schließlich hat ja immer irgend jemand von den Gästen oder vom Personal Geburtstag, Namenstag, Hochzeitstag, Arbeitsjubiläum oder sonst einen feierlichen Anlass zum fröhlichen Beisammensein mit ritueller Glimmstängel-Verbrennung.

Man hätte also schon vor gut drei Wochen wissen können, wie windelweich das neue Gesetz ist, aber erstaunlicherweise wurden selbst ausgewiesene Insider nun kalt erwischt. Und erst heute wird auch die Lücke zur echten Schlagzeile, weil das bayerische Gesundheitsministerium die weitgehend vorhersehbaren Vollzugshinweise veröffentlichte. Darin heißt es unter anderem:

Nur im Fall einer echten geschlossenen Gesellschaft, die einen abgetrennten Raum oder die gesamte Gaststätte ausschließlich nutzt und bei der die Öffentlichkeit insoweit räumlich ausgeschlossen ist, greift das gesetzliche Rauchverbot in Gaststätten nicht.

Bei echten geschlossenen Gesellschaften ist der Kreis der Teilnehmer in der Regel von vorneherein auf eine meist kleine Zahl feststehender, namentlich geladener Personen begrenzt. Der Zutritt wird grundsätzlich nur diesen, im Vorhinein bestimmten, also nicht beliebig wechselnden Einzelpersonen gewährt. Beispiele sind private Familienfeiern mit persönlicher Einladung, wie Hochzeit, Geburtstag, Taufe oder eine unter solchen engen Voraussetzungen einberufene Vorstandssitzung einer Gesellschaft. Hier werden nur bestimmte Einzelpersonen bewirtet.

Dieser Definition dürfte bei nicht allzu strenger Auslegung wohl auch die Vorstandssitzung oder Mitgliederversammlung eines beliebigen Vereins entsprechen - wenn es denn kein “Raucherclub” ist. Denn über die heißt es:

Durch die Gründung sogenannter Raucherclubs kann das Rauchverbot nicht umgangen werden. Raucherclubs haben eine offene Mitgliederstruktur, das heißt ein Wechsel der Mitglieder ist jederzeit möglich. Sogenannte Raucherclubs sind keine geschlossene Gesellschaft.

In der Praxis hat sich schon bisher gezeigt, dass selbst das aktuelle, weniger strenge Nichtrauchergesetz in der Gastronomie kaum beachtet und kontrolliert wurde. Das neue Gesetz und seine Ausführungsbestimmungen dürfte diese Situation kaum verändern, bietet aber genug Raum für juristische Spitzfindigkeiten und Auseinandersetzungen. Immerhin hat der Hauptinitiator des Volksbegehrens, Sebastian Frankenberger, schon erklärt, dass er nicht gegen die Vollzugshinweise vorgehen werde.

Ein wenig Aufwand wird es jedenfalls für die Wirte bedeuten, die ihren qualmenden Kundenkreis zur “echten geschlossenen Gesellschaft” machen wollen. So dürfte das Drucken von personalisierten Einladungskarten mit wechselnden Anlässen unumgänglich sein - für jeden Gast und für jeden Tag, an dem in der Kneipe geraucht werden soll. Könnte ja sein, dass ein Kontrolleur die mal sehen will.

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

Für dumm verkauft

Ich bin, ehrlich gesagt, heilfroh, dass ich zur Zeit nicht mehr als öffentlich-rechtlicher Radiomoderator das harte Tagesgeschäft mit der Aufarbeitung des aktuellen Geschehens vom Wochenende absolvieren muss. Es würde mir sehr schwer fallen, eine distanzierte und annähernd objektive Haltung zu wahren - etwa zur Loveparade-Katastrophe in Duisburg und zur Formel-1-Farce in Hockenheim.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Ereignisse haben sie doch etwas gemeinsam: Die jeweils Verantwortlichen versuchen auf bizarren Pressekonferenzen, mit hanebüchenen und absurden Ausreden ihr eigenes Fehlverhalten zu beschönigen; in der Hoffnung, damit heil aus der Affäre zu kommen. Und leider zeigen Beispiele aus der Vergangenheit, dass diese Hoffnung gar nicht so unberechtigt ist.

In Duisburg erklärt der Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf der Sonntags-PK, er sei bei der Planung der Loveparade nicht involviert gewesen. Die größte Veranstaltung in der Geschichte der Stadt fand also ohne konkrete Beteiligung des OB statt - erstaunlich.  Der kommissarische Polizeipräsident Detlef von Schmeling betont, man könne bei Weitem nicht von den vom Veranstalter Lopavent zuvor genannten 1,4 Millionen Besuchern ausgehen, er rechne eher mit rund einem Zehntel dieser Zahl. Das Veranstaltungsgelände war für 250.000 Raver ausgelegt, also aus Sicht der Genehmigungsbehörden eine völlig problemlose Angelegenheit; auch das Konzept der Zu- und Abwege über die beiden Tunnelhälften und die einzige Rampe zum Gelände sei absolut in Ordnung gewesen.

Rätselhaft, wie es da zu 19 20 21 Toten und weit über 500 Verletzten (Update Stand 28.7.) kommen konnte. OB Sauerland hatte am Samstagabend in einer ersten Erklärung sogar von einem Fehlverhalten der betroffenen Besucher gesprochen, Reichs-Obermoralistin Eva Herman sah die Schuld in der Verkommenheit der Veranstaltung, ihrer Besucher und dem unseligen Erbe der 68er-Generation. Der aktiv in die Veranstaltung eingebundene WDR pflegte nach der Katastrophe stundenlangen Betroffenheitsjournalismus mit Techno-Beats im Hintergrund; auch die geplante 1 Live-Aftershow-Party des WDR-Hörfunks fand - offenbar auf Bitte der Polizei - noch statt in der Nacht zum Sonntag. Nachher (zurecht) über die verkorkste Planung mosern, aber vorher als enger Partner der Veranstalter das Maul nicht aufmachen, wenn das Konzept, für jeden erkennbar, nicht aufgehen kann? Liebe Leute, für wie doof haltet Ihr uns?

Offenbar für strohdoof, wie am Sonntag auch beim Formel-1-Grand-Prix in Hockenheim klar wurde. Dieser - für echte Motorsportler ohnehin fragwürdige - Zirkus geriet vollends zur Farce, als die beiden führenden Ferrari in der 49. Runde erkennbar kampflos die Plätze tauschten, nachdem Renningenieur Rob Smedley per Funk Felipe Massa erklärt hatte, der hinter ihm fahrende Fernando Alonso sei schneller und ob Massa das bestätigen könne. Das tat er und führte bald darauf diese verkappte Stallorder aus, in dem er nach der Spitzkehre nur schwach beschleunigte (was durch das Data-Recording bestätigt werden wird) und damit von Alonso vor dem nächsten Rechtsknick (geht voll, weiß ich aus eigener Erfahrung) problemlos überholt werden konnte.

Erste Konsequenzen: Ein erbostes Publikum und eine von den Rennkommissaren verordnete lächerliche 100.000 US-Dollar-Strafe wegen verbotener Stallorder. Weitere Konsequenzen: Unklar, weil der Automobilsport-Weltverband FIA von Ex-Ferrari-Sportchef Jean Todt geführt wird und wahrscheinlich keine angemessene Sanktion (mindestens Disqualifikation beider Ferrari) beschließen wird.

Peinlich genug war die nachträgliche Erklärung von Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali: „Wir haben nichts gemacht. Wir haben Felipe keine Anweisung gegeben. Wir haben ihn nur über die Situation informiert.” Noch peinlicher der Einwand vom Drittplatzierten Sebastian Vettel bei der Pressekonferenz: “Das Wichtigste ist, dass du an dein Team denkst. Wir kriegen die Schecks ja von unseren Arbeitgebern und nicht von euch Journalisten”. Sorry, Herr Vettel, aber damit haben Sie meine Sympathien verspielt und sich als Ignorant geoutet.

Die Schecks für die Fahrer werden zwar von den Teams überreicht, aber - in umgekehrter Reihenfolge - von den Sponsoren, von Bernie Ecclestones Formel-1-Organisation, den übertragenden TV-Anstalten, deren Werbekunden und damit letztendlich von uns als Konsumenten der Produkte gedeckt. Ein paar Prozent kommen noch indirekt von den Renstreckenbetreibern über Eintritts- und Steuergelder dazu, also ebenfalls von uns. Wir Zuschauer und Steuerzahler sorgen also für Eure Schecks, Ihr verarscht uns nach Strich und Faden und findet es auch noch in Ordnung? Danke, damit hat sich das Thema “Formel 1″ für mich endgültig erledigt.

Dabei geht’s doch anders: Ein zwar unüberlegter und mit Kleinholz endender, aber dafür echter Kampf auf der Rennstrecke - so wie der von Vettel und Teamkollege Webber in Istanbul: Das ist Motorsport ohne Stallregie und Taktiererei, das ist glaubwürdig. Alles andere hat nur Trash-TV-Niveau und sollte nicht mehr von Werbepartnern und Politikern unterstützt werden.

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

Hitze lässt Hirnschmalz schmelzen

Eigentlich wollte ich ja diese Woche hier noch so Einiges schreiben; zum Beispiel über den rätselhaften Freitod einer jungen Frau und die Berichterstattung der Bild-Zeitung dazu, über den Verkauf des Schlosshotels “Bühlerhöhe” im Schwarzwald an eine Immobiliengesellschaft mit anonymen Investoren mutmaßlich ukrainischer Herkunft und dubioser Historie, über die teils geheuchelte, teils völlig überzogene Aufregung über den Wechsel eines ZDF-Moderators auf den Chefsessel des Bundespresseamtes und, und und….

Eigentlich. Aber Temperaturen über 30 Grad und Luftfeuchtigkeitswerte um 70 Prozent machen mich irgendwie zu träge und hirnfaul, um diese sehr komplexen Themen (obwohl schon teilweise recherchiert) angemessen zu behandeln. Also lesen Sie hier nichts davon, sondern sehen heute aus Anlass des heißen französischen Nationalfeiertags nur ein kleines erfrischendes Beispiel zur Hitzebewältigung dort mit landestypischer Ignoranz behördlicher Verbote:

Brunnen in Paris
Foto: Julien Haler (Paris)@Wikimedia Commons

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

TV-Tipp: “Die letzten 30 Jahre”

Nein, Sie müssen - nach der Fußball-WM und wegen des traditionell etwas kümmerlichen Fernsehprogramms in den Sommermonaten mit unzähligen Wiederholungen - nicht jeden Tag die Existenzberechtigung Ihres TV-Geräts hinterfragen. Ab und zu lohnt sich auch im Juli und August noch das Einschalten, zum Beispiel an diesem Freitag (16. Juli) ab 20.15 Uhr bei ARTE. Die Kurz-Inhaltsangabe des 88-Minuten-Films “Die letzten 30 Jahre” bei Arte.tv liest sich zwar ein wenig nüchtern…

Die bürgerliche Jurastudentin Resa verliebt sich in den linksradikalen Oskar, der allerdings seinen politischen Aktivitäten einen höheren Stellenwert beimisst als der Liebe zu Resa. 30 Jahre später stoßen beide wieder aufeinander…

…, die 2009 gedrehte und nun zum ersten Mal ausgestrahlte Produktion von ARTE, Odeon Pictures und WDR hat aber weit mehr zu bieten als Links-Nostalgie mit Klassenkampf-Phantasien. Das beginnt bei der Besetzung, vor allem mit der von mir hochgeschätzten Barbara Auer und dem Grimme-Preisträger August Zirner in den Rollen des älteren “Immer-noch-Liebespaars” Resa und Oskar, aber auch mit der hervorragenden Rosalie Thomass als junge Resa.

Barbara Auer
Spielt die ältere “Resa” in “Die letzten 30 Jahre”: Barbara Auer. (Foto: Rainer Lück@Wikimedia Commons)

Autorin Ruth Toma und Regisseur Michael Gutmann gelingt mit einer gut aufgelegten Crew und dem passenden 70er-Jahre-Soundtrack (zum Beispiel von James Brown, den Rolling Stones, Dexy’s Midnight Runners und David Bowie) ein stimmiger Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung, zwischen Drama und Romantik, der bei vielen Zuschauern sicher auch das eine oder andere nostalgische Gefühl aufkommen lässt - nicht nur bei Altlinken und Kommunarden. Denn natürlich gibt es da eine politische Ebene, eng verwoben mit der auch mir wohlbekannten, in den 1970ern virulenten und vorwiegend linken Oppositionshaltung der Nach-68er-Generation; viel wichtiger ist aber die von konkreten Zeitläuften völlig unabhängige persönliche Ebene.

Was bleibt nach Jahrzehnten von der Anziehungskraft zwischen zwei Menschen, wenn das frühere gemeinsame Ziel (der Feind meines Feindes ist mein Freund) bedeutungslos geworden ist? Wenn sich beide auf eigenen Wegen in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt haben? Wenn die Ideale der Jugend nicht mehr zählen, vielleicht sogar - gewollt oder nicht - völlig negiert werden? Diese Fragen berühren auch Menschen, die nicht in den 1960ern oder 1970ern groß geworden sind, die sich nicht politisch engagiert haben - der Einfluss von Zeit und Entwicklung auf Liebe und Leidenschaft ist universell.

Ein Klassentreffen oder eine zufällige Begegnung nach Jahrzehnten, bei der man feststellt, dass eine Jugendliebe immer noch eine überraschend mächtige Anziehungskraft hat - das sind keine Einzelfälle, das haben wohl schon viele ehemalige Paare erlebt und können sich sehr gut in die Gefühlswelt von Resa und Oskar hineinversetzen. Es dürfte ein stimmungsvoller und vielleicht auch ein wenig wehmütiger Fernsehabend werden an diesem Freitag ab 20.15 Uhr bei ARTE.

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

Betrug mit Betfair?/Update


Identitätsdiebstahl, dubiose Werbung und Geschäftemacherei sind im Internet längst Alltag, beschränken sich allerdings auch nicht auf’s Netz. So hat vor einiger Zeit mal ein Unbekannter in meinem Namen auf eBay nicht existierende Fotoapparate an ahnungslose Kunden verkauft, die dann von mir ihr Geld zurückhaben wollten. Dabei war ich nie bei eBay angemeldet. Es hat viel Mühe und Zeit gekostet, um das gefälschte eBay-Konto löschen zu lassen. Bis heute ist mir nicht klar, mit welchen Dokumenten der Unbekannte diesen Account eröffnen konnte.

Heute gab’s wieder eine unangenehme Überraschung dieser Art: Die britische Wettbörse Betfair schickte mir einen personalisierten Werbebrief (laut Umschlag “per Luftpost”), in dem mir für die Anmeldung gedankt und ein Benutzername zugewiesen wurde. Damit gehörte ich jetzt zu den über zwei Millionen Kunden weltweit.

Betfair-Werbebrief

Der Betfair-Werbebrief - Adresse und Benutzername habe ich gelöscht (für größere Ansicht draufklicken).

Natürlich habe ich mich niemals bei Betfair angemeldet und kann mir deshalb den Ursprung dieses Schreibens nicht erklären. In einer Mail an das Unternehmen bat ich um Aufklärung, die sofortige Löschung eines eventuell auf meinen Namen lautenden Kontos und kündigte rechtliche Schritte an. Falls es noch weitere “Opfer” dieser Aktion gibt, bitte in den Kommentaren melden.

Update 13.15 Uhr: Schon jetzt gab’s eine Antwort vom Betfair-Kundenservice:

“…., vielen Dank für Ihre e-mail.
Wir haben das Konto fuer Sie geschlossen.
Sollten Sie weitere Fragen haben, zögern Sie bitte nicht, sich erneut an uns zu wenden.”

Das lässt darauf schließen, dass tatsächlich ein Konto auf meinen Namen existierte, das aber nie von mir eingerichtet wurde. Stellt sich die nächste Frage: Wer war’s? Betfair selbst ist offenbar nicht sehr an der Aufklärung interessiert. Auf meine erneute Anfrage hieß es:

“Sie können eine Anzeige bei der Polizei erstatten und diese dann an uns per Fax an 00442070747320 faxen. Das Schreiben sollte in englisch sein.”

Ahja - ich soll also die deutsche Polizei dazu überreden, die Anzeige mal ausnahmsweise auf Englisch zu schreiben? Sehr lustig. Zu diesem seltsamen Bild passt auch eine Veröffentlichung des deutschen Betfair-Pressebüros (”wbpr Public Relations” in Berlin), die mit Grammatik- und Kommafehlern gespickt ist, aber immerhin die Information bereit hält, dass Betfair nun über drei Millionen Kunden habe (passt nicht so ganz zu den “über zwei Millionen” im Werbebrief). Eine Pressemitteilung eines seriösen Unternehmens sieht in der Regel jedenfalls anders aus.
http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

Alles Müller, oder was?/Update 4.7.


ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein macht seit Januar 2010 Werbung für die Molkerei Weihenstephan, die seit dem Jahr 2000 zur Gruppe Theo Müller (”Müllermilch”) gehört - das hat bisher niemand groß aufgeregt und war offenbar im Herbst 2009 noch mit dem damaligen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender abgesprochen (oder doch nicht? / siehe Update 4.7. unten). Nun klagte aber sein Nachfolger Peter Frey - bis dahin wohl uninformiert - auf Nachfrage des Branchenblatts “medium magazin“:

Ihr Internet-Auftritt auf den Seiten von Weihenstephan ist nicht glücklich und kann so nicht bleiben.

Diese harsche Kritik schlug umgehend hohe Wellen in der Medienszene, weil Müller-Hohenstein derzeit durch ihren Einsatz bei der Fußball-WM in Südafrika hohe Bildschirmpräsenz genießt und generell die privaten Werbeaktivitäten von öffentlich-rechtlich bezahlten Moderatoren kritisch betrachtet werden sollten.

Die veröffentlichten Fakten sind jedoch nicht die ganze Wahrheit. Die Werbeaktivitäten von Katrin Müller-Hohenstein für die Molkerei Weihenstephan beschränken sich nicht auf den Internet-Auftritt, sie war ebenso als “Schirmherrin des Qualitätsbeirats” in Radio-Spots zu hören (auch in ARD-Stationen, was Peter Frey offenbar ebenfalls entgangen ist). Als freie Mitarbeiterin des ZDF (ohne Pensionsansprüche) wollte sie hier wohl die gleichen Rechte haben wie etwa ZDF-Kollege Thomas Gottschalk als Werbebotschafter für “Haribo“. Chefredakteur Frey sieht das jedoch anders:

 Der Vertrag enspricht nicht den Vorstellungen des ZDF von Auftritten seiner journalistischen Köpfe. Ich gehe davon aus, dass dieser Internet-Auftritt schon bald Geschichte ist.

Kein Wort darüber, dass auch die Wettervorhersagen im ZDF-Morgenmagazin von der Molkerei Weihenstephan präsentiert wurden, obwohl sich diese noch bis 2008 irreführend als “Staatliche Molkerei Weihenstephan” bezeichnet hatte und illegal das bayerische Staatswappen verwendet hatte. Kein Wort auch darüber, warum sich ein durch knallharte politische Intervention ins Amt gehievter Chefredakteur öffentlich Gedanken über die möglicherweise fehlende Unabhängigkeit oder Glaubwürdigkeit von “Journalisten” machen muss.

Immerhin hat das ZDF ja auch kein Problem damit, dass seine WM-Berichterstattung teilweise durch Sponsoren finanziert wird und dass der Experte an der Seite von Katrin Müller-Hohenstein, Oliver Kahn, hochgeschätzter Werbepartner von Unternehmen wie Boehringer Ingelheim, DWS Investments, Riva-Verlag und Sonax ist. In diesem Umfeld dürfte es öffentlich-rechtlichen Sender schwerfallen, eine Grenze zwischen “hui” und “pfui” zu ziehen; bisherige Versuche erinnern eher an eine diffuse Doppelmoral. Peter Frey erklärte im medium magazin dazu:

Wir müssen, vielleicht in einer Art Selbstverpflichtung, uns die Kriterien noch klarer machen.

Vielleicht sollte beim ZDF auch mal über die unternehmensinterne Kommunikation geredet werden. Katrin Müller-Hohenstein will nämlich laut Spiegel-Online erst an diesem Freitag telefonisch von Peter Frey über dessen Kritik unterrichtet worden sein, als die Vorwürfe schon längst publik gemacht worden waren. Und weil sie ihren Job beim ZDF natürlich ungern verlieren will, muss sie sich jetzt hektisch darum bemühen, den noch bis Jahresende laufenden Vertrag mit der Molkerei Weihenstephan vorzeitig aufzulösen.

Update 13.30 Uhr: Inzwischen hat sich KMH für ihren Werbeauftritt entschuldigt und ihre “Schirmherrschaft” niedergelegt: „Das Engagement war ein Fehler, den ich bedaure“, erklärte sie an diesem Samstag dem “Spiegel“.

Update 4.7.: Ebenfalls im “Spiegel” widersprach sie allerdings auch ihrem eigenen Management, das (wie oben geschrieben) dem “medium magazin” von einer vorherigen Absprache mit Nikolaus Brender berichtet hatte. Brender selbst erklärte dem “Spiegel”, er habe die Genehmigung “für die Mitwirkung bei einer unabhängigen Stiftung zur gesunden Ernährung von Kindern” erteilt: “Eine Aktion für irgendein Produkt hätte ich niemals genehmigt.” Nach eigenen Angaben war Katrin Müller-Hohenstein selbst nicht klar, dass sie für Werbezwecke verwendet werden würde, was allerdings für einen Medienprofi sehr naiv wäre. Spätestens bei der Umsetzung der Zusammenarbeit (wie bereits erwähnt auch mit Werbespots im Radio) hätte sie es wissen müssen.

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

“Schreckschuss”: 600:499

Herber Denkzettel für die bereits siegessichere Angela Merkel und die Regierungskoalition: Ihr Bundespräsidentenkandidat Christian Wulff hat im ersten Wahlgang 23 Stimmen weniger bekommen als zum Wahlsieg notwendig gewesen wären - von heute.de im Vorfeld als “Variante Schreckschuss” vorgestellt. Offenbar gab es in der Bundesversammlung 44 Abgeordnete aus dem CDU/CSU/FDP-Lager, die sich nicht für Wulff entscheiden konnten.

Daran wird sich wohl auch im zweiten Wahlgang nichts Wesentliches ändern, wo ebenfalls wieder 623 Stimmen für einen Gewinn nötig sind. Allenfalls könnte Joachim Gauck seine 499 Stimmen aus Runde eins noch vermehren, so dass die von mir bereits prognostizierte “Variante Endspiel” wahr wird: Ein Sieg zweiter Klasse für Christian Wulff im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit.

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

TV-Tipp: “betrifft: Nürburgring”

An diesem Mittwochabend ist zwischendurch mal Platz und Zeit für was Fußballfernes und sehr Empfehlenswertes im Fernsehen: Der SWR sendet in seinem “Dritten” ab 20.15 Uhr die Dokumentation “betrifft: Nürburgring“. Spätestens um 21 Uhr dürfte auch dem letzten Laien klar sein, dass der “Ring” weit mehr ist als nur eine Rennstrecke und ein Mythos - er war und ist auch Schauplatz für einen mindestens 330 Millionen Euro teuren Halbwelt-Krimi namens “Nürburgring-Affäre“, der zu einem finanziellen und politischen Debakel führte.

Nürburgring-Luftbild 2004
Der Nürburgring - wie auf diesem Luftbild liegt auch hinter den Kulissen Einiges im Halbdunkel. (Foto: Stahlkocher@WikimediasCommons)

Besonders weh tat mir diese Entwicklung in den letzten Jahren gerade auch als aktiver Motorsport-Freund; ich hatte das Vergnügen, noch vor dem monströsen Umbau zum Erlebnis- und Freizeitpark einen Tag lang auf dem Grand-Prix-Kurs herumzukurven - bei typisch wechselhaftem Eifelwetter, aber unbelästigt von der pannenträchtigen “schnellsten Achterbahn der Welt” und den zahlreichen neuen und nicht immer geschmackssicheren Gebäuden. Ich gehöre halt zu den unverbesserlichen Puristen, die eine Rennstrecke primär als Sportplatz sehen und nicht als Hallodri-Zirkus für die ganze Familie.

NSX@Nürburgring
August 2004: Der Autor dieses Blogs im Honda NSX auf dem Nürburgring-GP-Kurs. (Foto: PVW - Michael Pietsch)

Der damalige Nürburgring-GmbH-Geschäftsführer Dr. Walter Kafitz galt unter Motorsportlern bis 2009 noch als ehrenwerter, engagierter Mann, der nichts unversucht ließ, die Anlage zu vermarkten und das schon traditionelle Defizit zu minimieren. Inzwischen wurde Kafitz fristlos entlassen und soll rund 7 Millionen Euro Schadenersatz an die GmbH bezahlen. Das allein macht schon die Dimension des Debakels deutlich, ist aber nur ein kleines Puzzleteil des Skandals, in den die SPD-geführte Landesregierung ebenso verwickelt ist wie dubiose Investoren und Geschäftemacher im Halbdunkeln.

Die Finanzierung der “Erlebniswelt Nürburgring” war von Anfang an eine Luftnummer, aber alle, die den Crash hätten verhindern können, schauten weg, kassierten vielleicht sogar mit und waschen nun ihre Hände in Unschuld. Die ganze Komplexität der Ereignisse kann eine 45minütige TV-Sendung natürlich nicht beleuchten - wahrscheinlich gelingt das nicht mal den damit befassten Ermittlungsbehörden und Gerichten -, aber der Film von Christoph Würzburger gibt einen erhellenden Einblick in den unfassbaren Finanz- und Polit-Krimi rund um die “grüne Hölle”.

Gäbe es da nicht die einzigartige Nordschleife und den ebenfalls sehr unterhaltsamen Grand-Prix-Kurs, man müsste den Nürburgring in diesem Licht leider den “Ring, der nie gelungen” nennen.

http://www.wikio.de

Diesen Eintrag drucken

Die Runde der letzten Vier

Kleine Erinnerung, falls es wegen des südafrikanischen Wintermärchens etwas in Vergessenheit geraten sein sollte: Es gibt in den zwei Fußball-losen Tagen zwischen Achtel- und Viertelfinale (mit teilweise ganz schlimmen Entzugserscheinungen) schon morgen ein äußerst spannendes Turnier in Berlin. Vier Kandidaten stellen sich der Wahl zum Bundespräsidenten, zwei scheiden beim Halbfinale aus und die beiden Favoriten Christian Wulff und Joachim Gauck könnten dann für ein nervenzerreißendes Finale sorgen.

Heute.de hat mal die möglichen Szenarien für diesen Mittwoch beschrieben; ich persönlich halte die “Variante Endspiel” für wahrscheinlich, wäre aber mit “der Coup” am glücklichsten. Dann nämlich würde sich die von mir bereits Anfang des Monats gestellte “Bundestrainer-Frage” aufdrängen und das Sommerloch (das wegen der Fußball-WM ohnehin schon kaum stattfindet) komplett ausfallen.

Leider ebenfalls möglich ist bei den herrschenden Mehrheitsverhältnissen die Variante “die Ordentliche“, bei der Wulff schon im ersten Wahlgang erfolgreich ist. Das würde auch zur derzeit grassierenden Bürgerverdrossenheit von Politikern passen, die sich den Staat als Beute genommen haben, denen Macht und Pfründe wichtiger sind als das Volk, das sie ordentlich regieren sollen, und dessen Wille ihnen sichtlich am Allerwertesten vorbei geht.

http://www.wikio.de