Der Westen contra China: Warum Lichttechnik-Deals scheitern können

Lumileds, Aixtron, Ledvance, „Philips Lighting“, Osram – nur fünf der großen Namen auf dem globalen LED-Hersteller- und Zulieferer-Markt, die für chinesische Investoren äußerst interessant sind oder bereits gekauft werden sollten. Die geplanten Lichttechnik-Deals sind jedoch teils schon geplatzt, teils droht ihnen das Scheitern, weil es Sicherheits- und Wettbewerbs-Bedenken westlicher Regierungsbehörden gibt. Und dabei spielt Berlin nur eine untergeordnete Rolle, obwohl das häufig anders dargestellt wird.

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Da schien die Welt noch in Ordnung, als im Juli eine „strategische Liefervereinbarung“ zwischen Osram und dem chinesischen Lichtunternehmen MLS unterzeichnet wurde (das PR-Foto zeigt von links nach rechts Osram-Vorstandschef Dr. Olaf Berlien, MLS-Chef Sun Qinghuan und Aldo Kamper, Geschäftsführer von „Osram Opto Semiconductors“) – parallel zum Vertrag über einen Verkauf der Osram-Tochter Ledvance an ein chinesisches Konsortium. Der wird jetzt aber vom Bundeswirtschaftsministerium intensiv geprüft.

Sie heißen „Go Scale Capital“, „Fujian Grand Chip Investment“ (FGC oder GCI), „IDG Capital Partners“ oder „Yiwu State-Owned Assets Operation Center“, haben teils sehr komplexe Eigentümerstrukturen und -verflechtungen, meistens was mit dem chinesischen Staat oder seinen Regionalregierungen zu tun (auch als „Kader-Kapitalismus“ bekannt) und interessieren sich als Investoren-Konsortien unter anderem sehr für westliche Halbleitertechnik im Zusammenhang mit Lichterzeugung.

pierre-yves-lesaicherre-neuAuf ihren Investitions- und Einkaufslisten stehen deshalb beispielsweise Firmen wie die Philips-LED-Modul- und Autolicht-Tochter Lumileds in den USA (PR-Foto rechts: Geschäftsführer Pierre-Yves Lesaicherre), die in den Niederlanden börsennotierte Abspaltung „Philips Lighting“, der Spezial-Halbleitermaschinen-Produzent Aixtron mit Hauptsitz in Deutschland oder diverse Teile des Osram-Konzerns bzw. die neu gegründete, seit Juli rechtlich selbstständige Tochter Ledvance.

Häufig verbünden sich diese chinesischen Fonds mit Firmen aus der Licht- bzw. LED-Branche in der Volksrepublik China, unter deren Dach dann die Neuerwerbungen aufgenommen werden sollen – etwa „San’an Optoelectronics“, MLS (bzw. „Harmony Zhuoyue“) oder „Sengled Optoelectronics“.

Käufer und Verkäufer sind meist nicht das Problem

Prinzipiell ist dagegen auch nichts zu sagen, zumal solche Investitionen von den potenziellen Verkäufern in der Regel ausdrücklich gewünscht wurden und werden. Dass die Übernahmeversuche dennoch scheiterten oder zu scheitern drohen, liegt an westlichen Regierungsbehörden wie dem Ausschuss für Auslandsinvestitionen in den USA (CFIUS) oder dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin.

Bevor nämlich ein ausländisches Konsortium wesentliche Teile eines heimischen Unternehmens beherrschen darf, braucht es eine staatliche Genehmigung oder Unbedenklichkeitsbescheinigung. Könnte ja sein, dass sicherheitssensible Technologien in fremde Hände gelangen oder der Wettbewerb in der Branche aus dem Gleichgewicht gebracht wird.

Zwei Systeme prallen aufeinander

Spätestens hier prallen völlig verschiedene Interessenlagen und Wirtschaftssysteme aufeinander: Aus der chinesischen, expansiven und protektionistischen Sicht sind alle – nur von der Finanzkraft begrenzte – eigenen Investitionen und Übernahmen im Ausland möglich, aber keine einzige ausländische Komplett-Akquisition in China. Dort gibt’s höchstens „Joint Ventures“ von ausländischen und einheimischen Firmen.

Westliche Regulierungsbehörden können wegen wesentlich liberalerer Systeme bei chinesischen Übernahmeversuchen meist nicht so rabiat durchgreifen, besinnen sich jedoch zunehmend auf ihr Protektionismus-Repertoire.

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Aus der Perspektive westlicher Unternehmen wiederum will man Firmenteile, die zu wenig Gewinn bringen und/oder nicht mehr in die Gesamtstrategie passen, möglichst lukrativ verkaufen – am besten ohne staatliche Beschränkungen und natürlich auch an chinesische Interessenten, wenn die Kasse stimmt. Das klappte bei „Philips Lighting“ (oben der Geschäftsführer Eric Rondolat/Foto: W. Messer) nicht wie ursprünglich geplant (wegen ausbleibender Groß-Investoren) und bei „Philips Lumileds“ überhaupt nicht (wegen eines CFIUS-Vetos im Januar 2016 gegen den Verkauf an „Go Scale Capital“).

Aixtron-Übernahme schien anfangs unbedenklich

Aixtron hatte sich nach einigen finanziellen Rückschlägen dieses Jahr als Ganzes angeboten; „Fujian Grand Chip Investment“ schien der Retter in der Not zu sein und sicherte sich bereits fast zwei Drittel der schwächelnden Aktien. Beim Bundeswirtschaftsministerium löste das anfangs offensichtlich keinen Alarm aus: Dort stellte jemand am 8. September eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus, schien anschließend die andere Seite des Kopfs auf den Schreibtisch zu legen und den unterbrochenen Schlaf fortzusetzen – Business as usual.

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Bis plötzlich laut „Handelsblatt“ namentlich nicht genannte US-Geheimdienste in Berlin anklopften und irgendwas von „sensibler Technik“ erzählte, die möglicherweise für die chinesische Nuklearindustrie genutzt werden könnte. Nun baut Aixtron selbst keine LEDs, OLEDs oder sonstige Halbleiter, sondern nur große Anlagen, mit denen man sie produzieren kann (im PR-Foto oben die Aixtron-OVPD-Demonstrationsanlage OLAD [„Organic Large Area Demonstrator“]).

Aber wie das halt so ist mit komplexen Maschinen und Geräten: Vieles taugt nicht nur für einen Zweck, sondern mindestens für zwei („Dual Use“), wovon einer beispielsweise militärisch sein könnte. Und so wurde am 21. Oktober – für alle Beteiligten überraschend –  ganz fix der bereits erteilte „Persil-Schein“ zurückgezogen und eine intensive Nachprüfung gestartet.

Das Weiße Haus sagt „No!“

Update 20.11.: Jetzt liegt es offensichtlich am scheidenden US-Präsidenten Barack Obama, ob die Übernahme genehmigt wird. Wie Aixtron am Wochenende berichtete, habe CFIUS beiden Firmen mitgeteilt, dass es „ungelöste nationale US-Sicherheitsbedenken“ gebe und deshalb nahegelegt, das Fusionsvorhaben aufzugeben. Andernfalls werde dem US-Präsidenten, der in der Sache das letzte Wort habe, empfohlen, die Freigabe nicht zu erteilen. Aixtron und GCI hätten jedoch entschieden, der Rücknahmeempfehlung nicht zu folgen. Nun habe Obama 15 Kalendertage Zeit für eine Entscheidung.

Update 02.12.: Wie das Wirtschaftsnachrichten-Portal „Bloomberg“ aus den USA berichtet, habe das Weiße Haus erwartungsgemäß gegen die Aixtron-Übernahme votiert – wegen „nationaler Sicherheitsbedenken“. Die ohnehin taumelnde Aktie des Unternehmens verlor darauf hin weiter an Wert. Die Kurse von Osram und „Philips Lighting“ folgten diesem Negativ-Trend. „Tagesschau.de“ bestätigte in der Nacht die Entscheidung. Obwohl Obamas Dekret konkret nur den US-Ableger von Aixtron betreffe (siehe die Erklärung im nächsten Absatz), bedeute es de facto die Blockade der gesamten Transaktion.

Warum interessieren sich die USA für Aixtron?

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: „Was zur Hölle hat es die USA zu interessieren, wenn ein deutsches Unternehmen ganz oder teilweise an Chinesen verkauft wird?“ Die offizielle Antwort: Weil zur Aixtron-Gruppe unter anderem auch die „Aixtron Inc. Sales & Service“ im kalifornischen Sunnyvale gehört. Damit werden auch US-Interessen berührt und eine Verkaufsgenehmigung ist nicht allein von Berlin abhängig. Inoffiziell wird allerdings auch gemunkelt, dass die USA den heimischen Mitbewerber von Aixtron, „Veeco Instruments“, vor zu starker chinesischer Konkurrenz schützen will.

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Sinngemäß gilt die erste, offizielle Erklärung ebenso für den bereits unterzeichneten Verkauf der Osram-Abspaltung Ledvance an ein chinesisches Konsortium. Diese neue GmbH mit Geschäftsführer Jes Munk Hansen (PR-Foto oben) hat zwar ihren Hauptsitz in Garching, generiert aber einen großen Teil ihres Umsatzes außerhalb Deutschlands und ist natürlich auch in Nordamerika vertreten.

Von der US-Intervention in Sachen Aixtron aufgeschreckt, reagierte das Bundeswirtschaftsministerium hier deutlich fixer und lehnte den Antrag der Käufer auf schnelle Erteilung einer Unbedenklichkeitsbescheinigung erstmal ab. Nun muss man sich auch in diesem Fall auf eine ausführliche Prüfung einstellen, die mehrere Monate dauern kann, den Verkaufsprozess mindestens verzögern, eventuell auch ganz verhindern kann. Die Beamten werden sich beispielsweise wohl anschauen, auf welche der rund 20.000 Osram-Patente die Chinesen künftig Zugriff haben könnten.

Osram/Ledvance-Patente haben nicht nur mit LEDs zu tun

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Sie glauben, LED-Technologie sei doch eigentlich keine militärisch oder sonstwie „sensible“ Angelegenheit? Von wegen. Das Osram/Ledvance-Know-How umfasst jede Menge Lösungen aus der großen, weiten Welt der Halbleiter-, Funk-, Laser-, Steuerungs- und „Internet of Things“ (IoT)-Technik – denken Sie nur mal an die vermaschten „Lightify“-Netzwerke (in meinem Foto oben sehen Sie eine Auswahl der „Lightify Home“-Produkte).

Wir haben ja gerade wieder mehrfach erfahren, wie man solche Systeme von außen „hacken“ und missbrauchen kann, obwohl sie eigentlich nur für die Fernsteuerung und Programmierung von harmlosen Licht-Szenen zuhause gedacht sind. Vereinfacht gesagt: Einiges von dem, was Osram/Ledvance weiß und kann, könnte auch für einen „Cyber War“ eingesetzt werden.

Was wird aus dem größeren Osram-Teil?

Umso lauter schrillen die Alarmglocken in Berlin, wenn sich Chinesen nun auch für die Ledvance-Mutter „Osram Licht AG“ interessieren – inklusive hübschen Töchtern wie „Osram Opto Semiconductors“, „Osram Sylvania“ (Nordamerika), Radium, Siteco oder „Clay Paky“.

olaf-berlien-neu-grossVariante 1: Ex-Osram-Eigentümer Siemens will seinen verbliebenen 17%-Anteil loswerden, weil Vorstandschef Joe Kaeser die Zukunftsstrategie seines Osram-Pendants Olaf Berlien (PR-Foto links) für nicht erfolgversprechend hält und deshalb missbilligt. Gute Kumpels werden die beiden in diesem Leben jedenfalls nicht mehr.

„Go Scale Capital“, dessen Lumileds-Kaufversuch im Januar fehlschlug, äußerte starkes Kaufinteresse. Allein schon die Gerüchte sorgten im Oktober für einen heftigen Anstieg des „Osram Licht AG“-Börsenkurses.

Variante 2: Chinesische Investoren wollen Osram mehrheitlich oder komplett übernehmen. Für Ledvance würde das ja – vorbehaltlich einer Behörden-Genehmigung – sowieso schon gelten. Für den Mutterkonzern interessiert sich offenbar „San’an Optolectronics“. Diesen Namen haben wir übrigens schon mal im Oktober 2015 im Zusammenhang mit Aixtron gehört. Damals strichen die Chinesen einen Großauftrag über die Lieferung von LED-Produktionsanlagen radikal zusammen – statt 50 kauften sie den Deutschen nur noch drei Maschinen ab.

Auftrags-Storno spielte Investoren in die Hände

Der überraschende Order-Verlust verschärfte die ohnehin angespannte Finanzlage bei Aixtron, was wiederum der „Grand Chip Investment GmbH“ (einer deutschen Tochterfirma des chinesischen Investors „Fujian Grand Chip Investment“) den Kauf einer Aktienmehrheit erleichterte.

Wobei es über den Umweg „Sino IC Leasing“ und den Firmensitzen in Xiamen durchaus finanzielle und räumliche Zusammenhänge bzw. Verflechtungen zwischen San’an und FGC gibt. Diese Kombination hätte zumindest im miltärischen Sinn eine gewisse Stringenz: Erst schießen die Panzertruppen eine Festung sturmreif, dann kann die Infanterie entspannt ’reinspazieren. Eine solche Strategie wird allerdings von allen Beteiligten heftig bestritten.

Erfolg von Lichttechnik-Deals könnte kurzlebig sein

Tatsache ist jedenfalls, dass die chinesischen und westlichen Vorstellungen über Menschenrechts- und Wirtschaftspolitik, Staats- und Mitarbeiterführung, Urheber- und Nutzungsrechten sehr weit auseinander liegen und auf völlig unterschiedlichen ideologischen, historisch-kulturellen Wurzeln beruhen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat das gerade wieder bei seinem China-Besuch wieder hautnah erleben müssen.

Ob es angesichts dessen wirklich so eine gute Idee ist, in Mitteleuropa verwurzelte große Lichttechnik-Anbieter mit Milliarden-Umsätzen, tausenden Mitarbeitern und samt ihrer riesigen Patent-Portfolios in Teilen oder komplett ans „Reich der Mitte“ zu verkaufen, wo ohnehin schon eine unüberschaubare Zahl von Herstellern und Zulieferern bei schwächelnder Konjunktur um stetig schrumpfende Renditen kämpft? Kurzfristig bringt das zwar erstmal eine Stange Geld in die europäischen Firmen- und Aktionärskassen, könnte aber mittel- bis langfristig wichtige Forschungs-, Innovations- und Produktions-Standorte bei uns schwächen.

Update: Osram-Betriebsrat gegen Übernahmeversuche

Update 24.11.: Nach dem bayerischen IG-Metall-Bezirk hat sich jetzt auch der Osram-Betriebsrat vehement gegen jeden Übernahmeversuch aus China ausgesprochen. Konzern-Betriebsratschef Werner Leyer erklärte, dass Osram als unabhängiges Unternehmen bessere Wachstumschancen habe. Eine Übernahme sei weder im Interesse der Arbeitnehmer noch der deutschen Politik. Das Unternehmen halte schließlich „viele Patente in wichtigen Zukunftstechnologien, auch in militärischen Anwendungsgebieten“.

Irene Weininger, die Betriebsratsvorsitzende des größten deutschen Osram-Werks in Regensburg (ca. 3500 Arbeitsplätze), ergänzte: „Es ist wichtig, dass bei Osram und seiner Belegschaft wieder Ruhe einkehrt.“ Trotz hervorragender Geschäftszahlen seien viele Beschäftigte verunsichert und befürchteten langfristig eine Abwanderung ihrer Jobs.

Mehr zum Thema:

Ledvance geht an chinesisches Konsortium

LED-Tagebuch (KW 03): … Lumileds-Verkauf geplatzt

LED-Tagebuch (KW 42): Aixtron-Pläne, …

LED-Tagebuch (KW 18): „Philips Lighting“-Börsengang, …

China schwächelt – gibt’s bald neue Tiefstpreise für LED-Leuchtmittel?

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Ein Gedanke zu „Der Westen contra China: Warum Lichttechnik-Deals scheitern können

  1. Als ich gegen 2010 zum ersten Mal in Shanghai war, hörte ich von der Deutschen Mutter einer Chinesischen Niederlassung, daß uns die Chinesen für bodenlos naiv halten. Daran hat sich nichts geändert.
    In Westeuropa und vor allem in D herscht in weiten Teilen die irrige Meinung alle Menschen seien gut und meinten es auch mit uns gut. Wunschdenken.

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