Was hinter den Wiener Ampelpärchen verborgen ist

Spätestens seit dem „Eurovision Song Contest“ machen sie weltweit Furore: 49 Fußgänger-Ampelanlagen in Wien, die in leuchtenden Farben offensichtlich sehr verliebte Homo- und Hetero-Paare zeigen. Hinter den „Ampelpärchen“ steckt LED-Technik aus Österreich, gepaart mit „Symbolmasken“.
Swarco-Ampelpaerchen
Weiblein mit Weiblein – Männlein mit Männlein oder beides gemischt: Die sehr speziellen Wiener LED-Fußgängerampeln haben spontan enorm viel Sympathie, von homophoben Dumpfbacken aber auch das Gegenteil bekommen. (Fotos: privat, Swarco Futurit-Presse)

Wenn die österreichischen Scharf-Rechts-Populisten der FPÖ oder des „Team Stronach“ was richtig beschissen finden, ist es höchstwahrscheinlich was echt Geiles. Das gilt auch für die Wiener „Ampelpärchen“ oder „Liebesampeln“. Die knapp 50 LED-Lichtsignalanlagen sollten eigentlich nur für ein paar Wochen im Umfeld des „Eurovision Song Contest“ in der Hauptstadt der Alpenrepublik umgerüstet werden; jetzt werden sie dort dauerhaft bleiben und sogar noch Nachwuchs inner– und außerhalb Österreichs bekommen.

Zu groß war die spontane Begeisterung vieler Einheimischer und Touristen; überwältigend das weltweite Medien- und Internet-Echo auf die „gay traffic lights“, das in kürzester Zeit vermutlich eine Werbewirkung im Wert von mehreren Millionen Euro entfaltete. Was zählen dagegen schon die initialen Umrüstungskosten von weniger als 1300 Euro pro Ampelanlage? Über den blitzartigen Kultstatus freuen kann sich unter anderem der Weltmarktführer „Swarco Futurit Verkehrssignalsysteme Ges.m.b.H.“ in Neutal (Burgenland, Österreich). Hier werden die LED-Fußgängerampeln produziert, die bisher eher „herz- und lieblos“ waren – ‚rein von den Motiven her natürlich.

Entstehen die Pärchen via LED-Matrix?

Und wie kriegt man da verliebte Pärchen ‚rein? Ich hatte angesichts der oberflächlichen Optik spontan vermutet, dass in so einem Lichtzeichen zahlreiche farbige Einzel-LED-Chips als Matrix werkeln. Theoretisch könnte man die alle einzeln ansteuern und anschließend mittels individueller Speicherkarten-Programmierung fast beliebige Figuren darstellen lassen – keine große Sache; Materialaufwand für die nachträgliche Umrüstung auf andere Motive: Null.

Ampelpaerchen-gemischtZiemlich überrascht hat mich daher, dass die leuchtenden Weibchen und Männchen (im Bild links die Hetero-Varianten) allein durch zwischen zwei Linsen montierte Kunststoffschablonen erzeugt werden. Ist es nicht extrem ineffizient, wenn ein Großteil des von der Ampel erzeugten Lichts einfach abgeblendet und „verschluckt“ wird?

Gerhard Kral, Pressesprecher der LED-Technologieabteilung von „Swarco Futurit“ im niederösterreichischen Perchtoldsdorf, hat mir diese Laienfrage jetzt einleuchtend beantwortet:

„Es sind nur zwei LEDs vorhanden und da kann man mit individueller Ansteuerung nun einmal keine Symbole darstellen. Die Firma Swarco Futurit baut LED-Verkehrslichtsignale seit mehr als 10 Jahren mit zentralen Lichtquellen, bei denen nur sehr wenige, aber dafür leistungsstarke Leuchtdioden im Zentrum der Signale angeordnet sind.

Ein optisches System sorgt dafür, dass die gesamte kreisrunde Linsenfläche des Signals gleichmäßig beleuchtet wird. Die diversen Symbole werden dann durch die unterschiedlichsten Symbolmasken, die in die immer gleichen Basissignale eingebaut werden, gebildet.

Ein großer Vorteil einer solchen zentralen Lichtquelle ist, dass im Fall eines LED-Ausfalls noch immer das komplette Symbol dargestellt wird, da ja jede der zentralen LEDs die gesamte Linsenfläche beleuchtet.

Bei Signalen mit dezentralen Lichtquellen, bei denen viele LEDs über die gesamte Linsenfläche (oder im Fall von Symbolen über die Symbolfläche) verteilt sind, und bei denen jede einzelne LED nur einen bestimmten Bereich beleuchtet, bedingt ein Ausfall von LEDs hingegen unvollständige Symbole, die dann unter Umständen sogar falsche Informationen vermitteln.“

Dann schauen wir mal, was dahinter steckt

Lüften wir also das „Geheimnis“ – so sieht es hinter der Schablone oder „Symbolmaske“ und dem Doppellinsensystem einer der oben abgebildeten grünen „Swarco Futurit“-Fußgängerampeln aus:

Swarco-Ampel-ohne-Linse

Das Foto zeigt nach Firmenangaben ein Signal ohne Linse, mit zentraler, relativ flächiger LED-Lichtquelle. Eingerahmt wird sie von Abschirmplatten und Reflektoren, die den ursprünglichen 120-Grad-Halbwertswinkel verkleinern und das Licht fokussierter nach außen lenken. Ohne „Symbolscheibe“ vorn würde die Lampe also nur eine runde, homogen (sic!) grün leuchtende und leicht strukturierte Fläche präsentieren – so wie die üblichen Lichtsignale für den Straßenverkehr.

Netterweise ist es der österreichischen Straßenverkehrsordnung relativ egal, welche Figuren eine Fußgängerampel zeigt. Vorgeschrieben werden nur „leicht erkennbare Lichtzeichen“, also alle möglichen Motive, die auch von Passanten ohne Matura als Fußgänger identifiziert werden können – felix Austria! In Deutschland sind dagegen verliebte „Ampelpärchen“ streng genommen gar nicht möglich. Hier heißt es nämlich in der StVO: „Im Lichtzeichen für Fußgänger muß das rote Sinnbild einen stehenden, das grüne einen schreitenden Fußgänger zeigen.“ Offenbar sind bei uns offiziell nur „Alleinstehende“ unterwegs …

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6 Gedanken zu „Was hinter den Wiener Ampelpärchen verborgen ist

  1. Danke für den Einblick in die Technik.

    Wie sollen Ampelfiguren beschaffen sein?
    Da es sich dabei im öffentlichen Straßenraum nicht um beliebige Designelemente handelt, sondern Lichtzeichenanlagen verbindliche staatliche Verbote bedeuten, handelt es sich augenscheinlich nicht um eine Fläche für Demonstrationen gesellschaftlicher Partikularinteressen. Aber was sollte gegen gestalterische Vielfalt einzuwenden sein?

    Vor allem soll die straßenverkehrsrechtliche Aussage mit durchschnittlicher Aufmerksamkeit durch einen beiläufigen Blick deutlich erkennbar sein, vgl. [1]. Diesen Anforderungen gilt es möglichst nichtdiskriminierend gerecht zu werden, und zwar insbesondere unter Berücksichtigung der Bedürfnisse auch stark unterdurchschnittlich geistig oder körperlich Befähigter (Verständlichkeit; Farbe; Schärfe) und rechtlich besonders auf den Symbolinhalt der Lichtscheibe Angewiesener (= Rad Fahrender). Den Nachweis der Gleichwertigkeit bzw. der ggf. verbesserten Tauglichkeit wäre vor Änderung des Symbolsystems zu erbringen – die Hochschulen in Dortmund, Ilmenau oder Karlsruhe wären da geeignete Kooperationspartner, die Meinungsseiten in Presse und Netz eher nicht.

    Üblicherweise (Sportstätten, Flughäfen usw.) werden schon bei nichtstaatlichen, sanktionsfreien Ordnungssystemen stark abstrahierende Piktogramme im Sinne weltanschaulicher Neutralität eingesetzt (z.B. generische Segelbootform; generische Geldscheindarstellungen statt Dollar-Symbol) statt maximale Vielfalt gesellschaftlicher Anliegen oder politischer Botschaften demonstriert. Im Bereich staatlicher Piktogramme schien beispielsweise das blau-weiße Gehweg-Zeichen des Fußgängeronkels mit Hut und Kind irgendwann nicht mehr abstrakt genug, aber auch die Rockform auf heutigen Verkehrszeichen irritiert durch ihre unbegründete Übertreibung.

    Zwei Figuren nebeneinander statt einer schmalen sind bei entsprechender Richtcharakteristik früher aus weiteren Winkeln und hinter Verdeckungen auftauchend wahrnehmbar, möglicherweise aber leichter mit kombinierten Fuß/Rad-Lichtscheiben verwechselbar. Auch hier wäre der Nachweis gleichwertiger oder verbesserter Tauglichkeit vor Änderung des Symbolsystems zu erbringen.

    Der wichtigste zu symbolisierende Gegensatz, Schreiten (Querlinien) / Stehen (vertikale Linien), ist bei den vorgestellten genderistischen Gestaltungen zumindest weniger ausgeprägt als bei manch herkömmlich schreitender bzw. stehender Ampelfigur. Mit Personenstands- und Schlafzimmerpräferenzen hat funktionelle Straßenverkehrsgestaltung nichts zu tun und soll es meiner Meinung nach auch weiter nichts zu tun haben.

    [1]
    „Verkehrseinrichtungen müssen so gestaltet sein, dass sie für einen Verkehrsteilnehmer mit durchschnittlicher Aufmerksamkeit durch einen beiläufigen Blick deutlich erkennbar sind und eine möglichst gefahrlose Abwicklung des Verkehrs ermöglichen.“
    „Eine unzweckmäßige oder irreführende Gestaltung von Verkehrszeichen kann je nach Sachlage entweder das Verschulden eines Verkehrsteilnehmers, der den Sinn des Zeichens missversteht, mindern und ein Mitverschulden des für die Gestaltung Verantwortlichen begründen oder aber zur Folge haben, dass dem Verkehrsteilnehmer aus der Fehldeutung des Zeichens überhaupt kein Schuldvorwurf zu machen ist.“
    (Thür. OLG Jena, Beschl. v. 06.05.2010 – 1 Ss 20/10).

    • Zum einen ist es richtig, dass die Verkehrszeichen eine Funktion haben, die sie nur bei zweckmäßiger Gestaltung ausüben können.

      Zum anderen aber ist die Wirkung eines solchen staatlichen Symbols nicht auf den Straßenverkehr beschränkt, sondern entfaltet eine Wirkung auch darüber hinaus. Es könnten davon also weitere Rechtsnormen berührt werden.

      Interessanterweise war bei der erwähnten Umgestaltung des Gehwegonkels im Jahr 1970 nicht der Genderismus Ausschlag gebend. Es war vielmehr die Annahme, Kinder würden durch den Anblick dieses Verkehrszeichens eher dazu verleitet, mit fremden Männern spazieren zu gehen.

      Was die Piktogramme betrifft: In arabischen Ländern etwa gibt es für Toiletten neben den international gebräuchlichen Zeichen auch solche, die Männerkopfe mit Kufiya und Agal und Frauenköpfe mit Hijab darstellen.

  2. Der maßgebliche Erkennungsfaktor für Ampelzustände dürfte mittlerweile international immer noch die Farbe sein, von daher sollte man den geometrischen Aspekten sicherheitstechnisch vielleicht auch keine übertriebene Aufmerksamkeit zollen. Also warum nicht in zweifacher Hinsicht ’symbolisch‘ Zeichen setzen…

    – Carsten

  3. (Kommentar gelöscht, „R“ ist keine zulässige Namensangabe und anonymes Bashing nicht erwünscht – bitte den auch hier geltenden Kodex beachten / d. Red.)

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