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Sarkozy, die Roma und wir

Heute haben wieder zahlreiche Roma Frankreich in Richtung Rumänien verlassen; auf Druck der Regierung des Immigrantensohnes Nicolas Sarkozy und mit finanzieller “Rückkehrhilfe”. Das könnte man “Abschiebung” nennen, ist es aber eigentlich nicht, denn als europäische Bürger haben die Mitglieder dieser Volksgruppe automatisch Aufenthalts- und Rückkehrrecht in Frankreich.

Prominente Roma
Prominente Roma (v. l. o. nach r. u.): Grigoras Dinicu, Drafi Deutscher, Charlie Chaplin, Pantoja, Ceija Stojka, Dzej Ramadanovski, Irini Merkouri. (Fotomontage: Olahus@Wikimedia Commons)

An sich also sinnloser Aktionismus, der aber die französische Gesellschaft spaltet. Ein großer Teil begrüßt die Auflösung der illegalen Lager und die verkappte Ausweisung der Roma, andere fühlen sich an die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und den Völkermord an den Sinti und Roma erinnert. Gestern hörte ich einen Franzosen, der sich über den Populismus des Staatspräsidenten mokierte und mutmaßte, Sarkozy sei es wohl am liebsten, er könne die “Zigeuner” nach Auschwitz-Birkenau deportieren.

Mit dieser drastischen Anspielung auf das ehemalige Vernichtungslager schließt sich die gedankliche Verbindung zwischen Sarkozy, den Franzosen, den Roma und uns Deutschen. Natürlich ist der Völkermord einerseits schon vor über sechs Jahrzehnten verübt worden und kaum einer der heutigen Deutschen kann dafür noch zur Verantwortung gezogen werden. Andererseits müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass unsere europäischen Nachbarn die deutschen Greueltaten in und außerhalb der beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert nicht vergessen und teils auch nicht verziehen haben.

Sinti- und Romafrauen 1928
Sinti- und Roma-Frauen mit Kind 1928 in Deutschland - vor dem Völkermord. (Foto: Bundesarchiv@Wikimedia Commons)

Noch immer begegnen den Deutschen zahlreiche Ressentiments auf der anderen Seite des Rheins - nicht wegen einer individuellen Schuld, sondern allein wegen der Zugehörigkeit zu einem zeitweise barbarischen Volk. Die kollektive, überlieferte Erinnerung selbst jüngerer Franzosen kann dabei durchaus bis zum deutsch-französischen Krieg 1870-1871 zurückreichen; bereits hier wurden die Wunden aufgerissen, die später noch vertieft und erweitert wurden. Zwei, drei Generationen genügen hier bei Weitem nicht, um geschehenes Unrecht zu verzeihen.

Eine Rolle spielt dabei sicher auch das Verhalten einiger Deutscher, die sich nach dem 2. Weltkrieg in Frankreich immer noch fast wie eine Kolonialmacht aufführen - als Immobilienkäufer, Unternehmer oder auch nur als großkotzige Touristen und renitente Restaurantgäste.

Angesichts dessen halte ich die Entwicklung der offiziellen deutsch-französischen Beziehungen nach 1950 schon fast für ein Wunder - es hätte auch ganz anders kommen können. Schließlich gab es ja auch zahlreiche Greueltaten der Franzosen gegen Deutsche - eine meiner beiden Großmütter wurde beispielsweise nach dem 2. Weltkrieg von einem französischen Besatzungssoldaten in Baden vergewaltigt (ein Fremdenlegionär aus Nordafrika, kein Einzelschicksal), die Truppen ließen den halben Schwarzwald abholzen, um ihren Bedarf an Brennstoff und Baumaterial zu decken und natürlich gab es auch Demontage-Aktionen bei Industrieanlagen; ähnlich denen der Sowjet-Truppen in deren Besatzungszone.

Das dies alles heutzutage noch eine Rolle spielen soll, mag jungen Deutschen völlig absurd vorkommen, ist aber tatsächlich Bestandteil der aktuellen politischen Realität in Europa. So wäre eine “Abschiebung” von Roma, wie sie derzeit in Frankreich geschieht, in Deutschland völlig undenkbar. Und die Berichterstattung über strafunmündige Roma-Kinder, die offenkundig von ihren Eltern vom Elsass aus auf regelmäßige Diebstahl- und Einbruchstouren über den Rhein geschickt werden, fällt meist sehr zurückhaltend aus. So wird etwa Ulrich Heffner, der Sprecher des Landeskriminalamtes in Stuttgart, so zitiert:

Es handelt sich schon häufig um Angehörige reisender Familien aus Ost- und Südosteuropa.

Eine Zurechnung zu einer bestimmten Volksgruppe will er nicht vornehmen. Weniger zurückhaltend ist man schon ein paar Kilometer weiter im schweizerischen Basel:

Die Ermittlungen des Kriminalkommissariates, die Beobachtungen der Polizei sowie einzelne Festnahmen lassen den Verdacht zu, dass etliche dieser Taten durch Gruppierungen von Romas verübt wurden, die aus mehreren Camps im nahen Elsass stammen und gezielt nach Basel einreisen, um hier Einbrüche zu verüben.

Solche Zuordnungen würden einem deutschen Polizeibeamten in der Öffentlichkeit nie über die Lippen kommen, sähe er sich doch schnell einem Rassismusverdacht ausgesetzt. Im Übrigen gebietet der deutsche Pressekodex:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründeter Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber schutzbedürftigen Gruppen schüren könnte.

Zu diesen “schutzbedürftigen Gruppen” zählen bei uns natürlich auch die Sinti und Roma. Denn, seien wir mal ehrlich mit uns selbst: Haben wir nicht jede Menge Vorurteile? Haben uns nicht Eltern oder Großeltern den Begriff “Zigeuner” als negativ besetzte Bezeichnung eingebleut? Sind wir nicht auch beunruhigt, wenn “fahrendes Volk” mit Wohnwagen auf dem Festplatz unseres Ortes campiert und dunkelhäutige Kinder durch die Wohngebiete streifen? Ähnlich wie die weißen US-Amerikaner in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts “Schwarze” nur als Dienstboten, Tänzer, Komödianten, Sänger und Musiker akzeptierten, so beschränken sich unsere positiv erlebten Kontakte mit Roma meist auf musikalische Begegnungen - als Zuschauer oder in wenigen Fällen auch als Mitwirkender (been there, done that).

Alle lieben den Gypsy-Jazz von Django oder Schnuckenack Reinhardt, Biréli Lagrène, Häns’che Weiss oder Titi Winterstein, aber: “Lasst die Sippe bitte schön nicht in meiner Nachbarschaft wohnen” - das denken viele Deutsche sicherlich, denen Sinti und Roma privat völlig fremd sind. Und das liegt absurderweise auch daran, dass es wegen der Ermordung von hunderttausenden Roma nur noch wenige von ihnen gibt. Meist ist die Fremdenfeindlichkeit gegenüber einer Volksgruppe umgekehrt proportional zu ihrer Präsenz in der Gesamtbevölkerung. Sehr schön ist das bei den Neonazis zu beobachten, die vor allem in den neuen Bundesländern Zulauf haben, wo der Emigranten- bzw. Ausländeranteil weitaus geringer ist als im Westen der Republik.

Das haben wir offenbar auch mit den Franzosen gemeinsam. Die hätten an sich genug Probleme und Aufgaben mit den Millionen hoffnungslosen legalen und illegalen Emigranten in den Vorstädten, kaprizieren sich aber jetzt ausgerechnet auf die geschätzt rund 15.000 Roma - eine verschwindend geringe Minderheit im bunten, multikulturellen Frankreich, dessen Staatspräsident ungarisch-griechische Wurzeln hat und der sich offenbar von seiner sinnlosen Anti-Roma-Aktion einen politischen Vorteil verspricht. Gerade wir Deutsche sollten das nicht unkommentiert lassen.

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Der große Reibach am Ring

Nein, das geht eigentlich nicht. In Deutschland hat noch kein Rennstreckenbetreiber nennenswerte Gewinne erzielen können; im Gegenteil. Der EuroSpeedway Lausitz in Brandenburg war schon zwei Jahre nach der Eröffnung des erste Mal pleite, das Land Baden-Württemberg und die Gemeinde Hockenheim buttern seit Jahren Steuergelder in den Hockenheimring, Rheinland-Pfalz versenkte unter dubiosen Umständen hunderte Millionen in den unrentablen Nürburgring-Umbau.

Aber einer hat es möglicherweise geschafft, seinen Reibach mit dem Ring in der Eifel zu machen: Der Düsseldorfer “Projektentwickler” Kai Richter und seine GmbH Mediinvest sollen nach SWR-Informationen mit Hilfe von Steuermitteln mehrere Millionen Gewinn aus dem Projekt “Erlebniswelt Nürburgring” gezogen haben.

Nach Erkenntnissen des Landesrechnungshofs gelang dies mit direkt erhaltenen Honoraren, aber auch mit Zinsgewinnen aus “durchgeleiteten” und zeitweise “geparkten” Investitionsmitteln des Landes. Hier ist offenbar mal wieder der Traum eines jeden Abzockers wahr geworden: Verluste sozialisiert, Gewinne privatisiert.

Die ganze Geschichte gibt’s heute abend zuerst im Radio (SWR 1 Rheinland-Pfalz, “Thema heute Landespolitik”, ab 19.30 Uhr) und dann im TV (SWR-Fernsehen Rheinland-Pfalz, “Ländersache”, ab 20.15 Uhr).

Update 20.8.: Wer’s verpasst hat, kann den TV-Beitrag in der SWR-Mediathek sehen.

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Guter Rutsch, Steven Slater!/Update

Vergessen Sie Roland Koch, Horst Köhler, Ole von Beust und alle anderen, das hier ist wohl der Abgang des Jahres: JetBlue-Flugbegleiter Steven Slater (38) war es jetzt nach 20 Dienstjahren offenbar leid, sich ständig mit aufsässigen Flugpassagieren herumzuärgern.

Als in New York sein üblicher Hinweis nach der Landung, dass die Damen und Herren bitte bis zum Stillstand der Maschine angeschnallt zu bleiben hätten, mal wieder mit Missachtung gestraft wurde und sogar in einer Auseinandersetzung mit einer renitenten Reisenden gipfelte, gingen Slater die Gäule durch. Er beschimpfte per Borddurchsage die Passagiere, schnappte sich ein kühles Bier aus der Pantry, löste die Notrutsche aus, sauste nach unten, rannte zu seinem Wagen und fuhr nach Hause.

Dort fand ihn die Polizei kurz darauf und nahm ihn fest. Nach unbestätigten Berichten soll Slater gelächelt haben, was auch daran liegen könnte, dass er gerade mit seinem Freund im Bett lag. Dieser rasante Abgang wird ihn seinen Job kosten und möglicherweise auch eine Haftstrafe einbringen, aber auch viele Sympathisanten und neue Freunde. Auf seiner Facebook-Seite (Update: Nein, es ist nicht seine Facebook-Seite, sondern eine Fan-Page) wurde die Reisende, die ihm eine Gepäckklappe auf’s Haupt schlug und ihn übel beschimpfte, anfangs so gegrüßt:

To the passenger who called me a m—f–er, f— you

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Bundesnetzagentur: Zahnlos, machtlos

Fast jeder von uns hat es schon erlebt, viele sogar mehrfach oder andauernd: Unerwünschte Werbe- oder Betrügeranrufe, häufig mit unterdrückter Nummer, immer häufiger auch durch Automaten mit aufgezeichneten Stimmen. Das ist nicht nur verboten und lästig, sondern kann bei Gutgläubigen auch zum Verlust hoher Geldbeträge führen. Um mitzuhelfen, dieses üble Treiben mittelfristig zu verhindern, melde ich regelmäßig solche Anrufe per Formblatt an die Bundesnetzagentur in Bonn.

Bundesnetzagentur Bonn
Eingang zur Bundesnetzagentur am Bonner Tulpenfeld. Hier versickern offenbar zahlreiche Beschwerden im Behörden- und Ermittlungsdickicht (Foto: Leit@Wikimedia Commons).

Das ist ein wenig mühsam, erfordert manchmal auch etwas Recherche oder das Geschick, dem Call-Center-Mitarbeiter während des Cold Calls ein paar Angaben zu entlocken. Ich habe bisher aber immer die Hoffnung gehegt, dass das illegale Tun früher oder später in irgend einer Form geahndet wir. Das ist nach Angaben der Bundesnetzagentur zwar tatsächlich ab und zu der Fall, scheint aber trotz erheblich gestiegener Fallzahlen wohl nur in homöopathischen Dosen möglich zu sein. Ein von der “Süddeutschen Zeitung” am Samstag publizierter “interner Bericht” der Behörde wird zum Beispiel von der Agentur afp unter anderem so zitiert:

An die mutmaßlichen Täter kommt die Netzagentur … meist gar nicht heran. Viele Hintermänner säßen im Ausland, wo sie Scheinfirmen gegründet hätten. Versuche, Bußgelder zu vollstrecken, liefen regelmäßig “ins Leere”. Die Bundesnetzagentur beklagt in ihrem Bericht laut “SZ” auch das mangelnde und unkoordinierte Durchgreifen von Polizei und Justiz: Selbst bei großen Betrugsfällen finde “faktisch keine Strafverfolgung statt”. Viele Ermittlungsverfahren würden “sanktionslos” eingestellt - dies sei eine “untragbare Situation”.

Bereits am Donnerstag veröffentlichte die Bundesnetzagentur allerdings eine themengleiche und ganz und gar nicht interne Pressemitteilung, in der sich Präsident Matthias Kurth unter anderem darüber bitter beklagte:

“Von August 2009 bis April 2010 sind bei uns über 57.000 schriftliche Beschwerden allein wegen unerlaubter Telefonwerbung eingegangen. Wir können nicht alle Beschwerden aufgreifen, weil ein Teil nicht als unerlaubte Telefonwerbung verfolgt werden kann. Dies ist z. B. bei klassischen Meinungsumfragen, beim Abfragen von Kontodaten ohne Werbebezug oder bei automatisierten Werbeanrufen, bei denen keine Person am Telefon ist, der Fall.”

Dieser Teil der Pressemitteilung ist ziemlich weit unten zu finden und wurde deshalb wohl auch konsequent verschwiegen - wer kann schon so viel Text auf einmal lesen? Wenn ich Kurth aber richtig verstanden habe, dann zählen automatisierte Cold Calls offenbar nicht zu den illegalen Praktiken. Hallo, geht’s noch? Gerade bei solchen Anrufen wird dreist versucht, die Adressaten mit Gewinnversprechen zum Wählen einer teuren 0900-Nummer zu verleiten, bei der es aber nichts zu gewinnen, sondern viel zu verlieren gibt. Und das darf nicht als unerlaubte Telefonwerbung verfolgt werden (mal davon abgesehen, dass natürlich die Beweislage bei Automaten-Anrufen etwas dünn ist)?

Und wenn dann doch eine der zahlreichen Beschwerden (über 66.000 allein von Januar bis April 2010, davon - wie oben zitiert - mehr als 57.000 in schriftlicher Form) an die Ermittlungsbehörden weitergegeben wird, dann scheint meist nichts zu passieren. Das führt zwangsläufig zum Frust bei den genervten Beschwerdeführern und zu wachsender Frechheit bei den Betrügern. Denen ist es ja ohnehin egal, ob sie sich auf dem Boden des Gesetzes bewegen; sie können aber auch in den meisten Fällen damit rechnen, ihre dreisten Abzockereien ungestraft durchzuziehen. Und wenn’s mal nicht klappt, dann ist es auch nur eine Ordnungswidrigkeit und die verhängte Geldbuße möglicherweise weit geringer als der bereits erzielte Gewinn.

Damit aber ist die Bundesnetzagentur ein zahnloser Tiger und das “Gesetz zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung und zur Verbesserung des Verbraucherschutzes bei besonderen Vertriebsformen” ein Placebo, das nur der Sedierung der ahnungslosen Konsumenten aus wahlkampftaktischen Gründen dient. An diesem Mittwoch wird das Gesetz ein Jahr alt, einen Grund zum Feiern gibt’s nicht.

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TV-Tipp: “betrifft: Nürburgring”

An diesem Mittwochabend ist zwischendurch mal Platz und Zeit für was Fußballfernes und sehr Empfehlenswertes im Fernsehen: Der SWR sendet in seinem “Dritten” ab 20.15 Uhr die Dokumentation “betrifft: Nürburgring“. Spätestens um 21 Uhr dürfte auch dem letzten Laien klar sein, dass der “Ring” weit mehr ist als nur eine Rennstrecke und ein Mythos - er war und ist auch Schauplatz für einen mindestens 330 Millionen Euro teuren Halbwelt-Krimi namens “Nürburgring-Affäre“, der zu einem finanziellen und politischen Debakel führte.

Nürburgring-Luftbild 2004
Der Nürburgring - wie auf diesem Luftbild liegt auch hinter den Kulissen Einiges im Halbdunkel. (Foto: Stahlkocher@WikimediasCommons)

Besonders weh tat mir diese Entwicklung in den letzten Jahren gerade auch als aktiver Motorsport-Freund; ich hatte das Vergnügen, noch vor dem monströsen Umbau zum Erlebnis- und Freizeitpark einen Tag lang auf dem Grand-Prix-Kurs herumzukurven - bei typisch wechselhaftem Eifelwetter, aber unbelästigt von der pannenträchtigen “schnellsten Achterbahn der Welt” und den zahlreichen neuen und nicht immer geschmackssicheren Gebäuden. Ich gehöre halt zu den unverbesserlichen Puristen, die eine Rennstrecke primär als Sportplatz sehen und nicht als Hallodri-Zirkus für die ganze Familie.

NSX@Nürburgring
August 2004: Der Autor dieses Blogs im Honda NSX auf dem Nürburgring-GP-Kurs. (Foto: PVW - Michael Pietsch)

Der damalige Nürburgring-GmbH-Geschäftsführer Dr. Walter Kafitz galt unter Motorsportlern bis 2009 noch als ehrenwerter, engagierter Mann, der nichts unversucht ließ, die Anlage zu vermarkten und das schon traditionelle Defizit zu minimieren. Inzwischen wurde Kafitz fristlos entlassen und soll rund 7 Millionen Euro Schadenersatz an die GmbH bezahlen. Das allein macht schon die Dimension des Debakels deutlich, ist aber nur ein kleines Puzzleteil des Skandals, in den die SPD-geführte Landesregierung ebenso verwickelt ist wie dubiose Investoren und Geschäftemacher im Halbdunkeln.

Die Finanzierung der “Erlebniswelt Nürburgring” war von Anfang an eine Luftnummer, aber alle, die den Crash hätten verhindern können, schauten weg, kassierten vielleicht sogar mit und waschen nun ihre Hände in Unschuld. Die ganze Komplexität der Ereignisse kann eine 45minütige TV-Sendung natürlich nicht beleuchten - wahrscheinlich gelingt das nicht mal den damit befassten Ermittlungsbehörden und Gerichten -, aber der Film von Christoph Würzburger gibt einen erhellenden Einblick in den unfassbaren Finanz- und Polit-Krimi rund um die “grüne Hölle”.

Gäbe es da nicht die einzigartige Nordschleife und den ebenfalls sehr unterhaltsamen Grand-Prix-Kurs, man müsste den Nürburgring in diesem Licht leider den “Ring, der nie gelungen” nennen.

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Wikipedia-Kulturkampf um Vulva & Co.

Unter der Oberfläche der Online-Enyklopädie brodelt es seit Monaten; jetzt hat auch das Fachblatt für blanke Brüste und sonstige “nackte Tatsachen” entdeckt, dass es in Wikipedia bzw. Wikimedia einen Streit um vermeintliche “Pfui”-Bilder gibt. In der deutschsprachigen Wikipedia war die Diskussion darüber, ob man entsprechende Artikel mit entblößten Geschlechtsteilen bebildern kann, schon lange virulent, kochte aber jüngst am 21. März richtig hoch, als der mit “exzellent” ausgezeichnete Eintrag “Vulva” Artikel des Tages war.

Ellenlange Diskussionen und Abstimmungen gingen der Entscheidung über das “Titelbild” voraus, setzten sich am betroffenen Sonntag fort und rissen auch danach nicht ab. Kann man ahnungslosen Kindern, die mal kurz was bei Wikipedia nachgucken wollen, völlig unvorbereitet solche expliziten Abbildungen zumuten? Ist das nicht schon Pornografie? Hat Wikipedia eine moralische Verantwortung für das sittliche Empfinden seiner Benutzer? Oder sind solche Bilder unverzichtbarer Bestandteil der Information über den Gegenstand des Artikels und dürfen keiner Zensur zum Opfer fallen? Können 10jährige Kinder, die unbeaufsichtigt im Internet surfen, nicht ohnehin problemlos und ohne Altersbarriere harte Pornografie in allen Spielarten sehen? Solche und ähnliche Fragen wurden heiß diskutiert; die gegensätzlichen Positionen standen sich unversöhnlich gegenüber.

Anti-Porn-Sign
Die “Anti-Porno”-Bewegung greift jetzt auch nach Wikipedia. (Grafik: Piast@Wikimedia Commons)

In diesem Zusammenhang entdeckten einige bis dahin fachlich unbeleckte Wikipedia-Neulinge, dass es im Medienarchiv Wikimedia Commons noch weitaus heftigere Abbildungen in den Kategorien “Sexualität” und “Nacktheit” (vor allem in einigen Unterkatagorien) zu sehen gibt. Im April legte dann sogar der Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger noch eine Schippe drauf und schwärzte sein ehemaliges Projekt beim FBI an - wegen “Verbreitung von Kinderpornografie”. Konkret bezieht er sich auf zwei Kategorien in Wikimedia, die unter anderem künstlerische Darstellungen zeigen, wie sie häufig auch in Museen ausgestellt werden. Das muss man nicht toll finden, ist allerdings auch nicht verboten.

Vor allem in prüden und heuchlerischen Kreisen der USA öffnete Sangers Anklage aber natürlich alle Dämme: Wikipedia ist ein Werk des Teufels, das unsere Jugend verdirbt! Abschalten! Zensieren! Bloß keine Spenden mehr aus der Wirtschaft für Wikipedia!

Der Verweis auf “Kinderpornografie” ist aber auch bei uns in Deutschland inzwischen ein Totschlagargument, bei dem der Stammtisch häufig ohne nähere Begutachtung wahlweise “Kopf ab!” oder “Schwanz ab!” ruft. Besonders laut sind dann die Stimmen der stark angegrauten oder haarlosen älteren Herren, die grade von einem längeren Pattaya-Urlaub zurückgekehrt sind, oder von Vertretern der katholischen Kirche, die aus eigenem Erleben eine gewisse Fachkenntnis mitbringen.

Diese heuchlerische Einstellung zeigte nun aber auch “Wikipedia-GodfatherJimmy Wales. In diversen Nacht- und Nebelaktionen löschte Wales zuerst zahlreiche vermeintlich anstößige Dateien, erhielt dafür heftige Kritik und entschuldigte sich am Wochenende für einige seiner Aktionen. Bis dahin war jedoch das Kind schon in den Brunnen gefallen. Wikipedia-Autoren wiesen darauf hin, dass Wales doch sein Geld mit leicht bekleideten Damen gemacht habe, dass ihm die europäische Kultur und der Umgang mit Nacktheit hier fremd sei, dass ihm seine bisherigen Sonderrechte in den verschiedenen Wikipedia-Projekten entzogen werden sollten und drohten mit Streik oder gar Rückzug aus dem Projekt.

Andererseits hatten sich schon einige Administratoren in vorauseilendem Gehorsam Wales’ Löschaktion angeschlossen, so dass insgesamt wohl eine vierstellige Anzahl von Dateien im Nirwana verschwand; auch solche Bilder, die bis dahin in verschiedenen Wikipedia-Sprachversionen klaglos verwendet werden konnten.

Jimbo Wales
Wikipedia-Gründer Jimmy “Jimbo” Wales streitet sich mit Teilen seines Projekts. (Foto: Chrys@Wikimedia Commons)

Derzeit laufen bzw. liefen auf der Meta-Ebene mehrere Petitionen bzw. Abstimmungen, die sich gegen Wales richten; als Konsequenz hat er bereits auf einige seiner Founder-Sonderrechte verzichtet. Das klingt jetzt erst mal wie ein Sieg der Zensurgegner, aber es ist nur eine kleine Etappe auf dem Weg der endlosen Diskussionen über “sexuelle Inhalte” in Wikipedia. Das Pendel kann auch wieder in die andere Richtung ausschlagen; vor allem nachdem sich die Boulevard-Presse (und stockkonservative Medien wie Fox News in den USA) der Sache angenommen haben und daraus Auflage und Quote generieren. Womöglich mit ein paar leicht verpixelten Beispielbildchen, die bei Lesern und Zuschauern diese seltsame Mischung aus Empörung und Faszination hervorrufen, ohne die solche populistische Heuchelei nicht funktionieren würde.

Ganz toll, Herr Goll!

Der Mann ist grade 60 geworden, fährt Harley-Davidson und Ferrari, trägt Bart und hat zuhause im Tresor eine “Heckler & Koch”-Pistole, Kaliber neun Millimeter, und einen “Smith & Wesson”-Revolver, Kaliber 22. Klingt doch sehr nach Hells Angel, Outlaw oder Bandido, oder? Haben ja jüngst erst wieder Schlagzeilen gemacht, die Rocker-Buben. Aber nein, wir reden von diesem Herrn hier:

Ulrich Goll
Der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll (Foto: ulrich-goll.de).

Dieser FDP-Politiker also hat vor kurzem in einer Pressekonferenz so nebenbei verraten, dass er rechtmäßiger Waffenbesitzer sei und dies auch nach dem Amoklauf von Winnenden (und dem anschließenden Abgabe-Appell an Waffenbesitzer) zu bleiben gedenke. Er brauche die Handfeuerwaffen zu “seinem persönlichen Schutz” und dem seiner Familie. Außerdem - so legte Ulrich Goll nach - verzichte er auf Personenschützer, weil diese “nicht sehr hilfreich” seien. Goll wörtlich in Anspielung auf einen Vorfall Ende 2007: “Wenn man dem (damaligen Ministerpräsidenten, d. Red.) Günther Oettinger eine Torte auf die Brust werfen kann, dann weiß ich eigentlich schon alles. Und die Personenschützer machen erstaunte Gesichter.”

Das rief nun wiederum herben Protest aus Polizeikreisen hervor. Von dort hieß es, man sei über diese Äußerung “geladen vor Wut” und fühle sich “durch den Kakao gezogen”. Die SPD-Opposition mokierte sich, ob Goll nun bei einem Tortenwurf oder Ähnlichem in der Öffentlichkeit “wild um sich ballern” wolle. Fürwahr: Ein Landesminister als “Ballermann” - ein absurdes Szenario.

Aber wie ernst kann man die Äußerungen des nun unter Beschuss geratenen (Selbst-)Justizministers denn überhaupt nehmen? Ja, er übt seit vielen Jahren regelmäßig am Polizei-Schießstand, dürfte also durchaus treffsicher sein. Gilt das aber auch für eine konkrete Bedrohungssituation bei einem öffentlichen Auftritt, wenn Stress und Erschrecken die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen? Geht der ministeriale Schuss dann daneben und trifft einen Unbeteiligten? Eher nein, denn - wir erinnern uns: Golls Waffen liegen zuhause im Tresor, werden damit nicht ständig am Mann getragen und stehen deshalb bei einem Attentatsversuch auch nicht als Verteidigungsinstrument zur Verfügung.

Das mit dem “persönlichen Schutz” muss er also irgendwie anders gemeint haben. Kann er vielleicht noch Karate? Thai-Boxen? Judo? Mikado? Oder ist Goll einfach jeder Realitätssinn abhanden gekommen? Das mag ja für ein FDP-Mitglied vielleicht noch Karrierevoraussetzung sein, bei einem Justizminister wäre das äußerst beunruhigend.

Im Übrigen dürften die im Tresor verwahrten Knarren auch kaum zur Verteidigung im häuslichen Bereich taugen - im Gegenteil. In den USA zum Beispiel werden mit zuhause abgeschossenen Waffen weitaus mehr Familienoberhäupter und -mitglieder getroffen und getötet als fremde Eindringlinge.

Todsicheres Timing

Das deutsche Handwerk versucht seit diesem Monat, sein Image unter anderem mit einem TV-Spot aufzupolieren. Besonders beeindruckend wirkt das alptraumhafte Szenario einer zusammenbrechenden Welt nach vorangegangenen Berichten oder Spendenaufrufen zur Erdbebenkatastrophe in Haiti. Beim ersten Anschauen habe ich sogar spontan geglaubt, dies sei ein toller, brandneuer Spenden-Spot.

Die Idee wäre ja auch bestechend gewesen: Stell’ Dir vor, Deine bekannte Welt (in Deutschland) sieht plötzlich so aus wie das jetzt größtenteils zerstörte Haiti. Diese apokalyptische Sicht der Dinge würde doch gleich eine ganz andere Nähe zur Katastrophe und somit auch eine größere Hilfsbereitschaft generieren. Bloß blöd, dass mit diesem Spot nur gezeigt werden soll, wie unser Land ohne die Leistungen der Handwerker aussähe und dass die Idee dafür natürlich lange vor dem Erdbeben entstand.


Der neue Imagefilm des deutschen Handwerks: Passt todsicher zum Erdbeben in Haiti.

Besprechung verboten

Freudsche Versprecher gibt’s ab und zu auch mal in schriftlicher Form; ein besonders hübscher steht im neuen Spiegel (43/2009) auf Seite 110. In der kurzen Meldung über ein Urteil des Oberlandesgerichtes Frankfurt zum Roman Ende einer Nacht von Olaf Kraemer, der sich an das Leben von Romy Schneider anlehnt und der nun wieder (fast) ohne Streichungen erscheinen darf, findet sich dieser Satz:

Blumenbar-Verleger Wolfgang Farkas misst dem Urteil, gegen das keine Rezension zugelassen wurde, deshalb grundsätzliche Bedeutung bei:…

Fällt Ihnen was auf? Da hat wohl ein Literaturkritiker des Spiegel seine Sprachwelt in die der Justiz übertragen. Gemeint war natürlich Revision, was aber offensichtlich nicht mal den strengen Dokumentaristen des Magazins aufgefallen ist, die alle Texte auch nach kleinsten Fehlern durchflöhen. Aber die haben wohl in diesem Fall - wie das OLG - für die Kunstfreiheit entschieden.

Tri-tra-Ulla-la, der Dienstwagen ist wieder da!

Die gute Nachricht für unsere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: Ihr gepanzerter S-Klasse-Mercedes ist - offenbar nach einem gewaltsamen Carjacking - unbeschädigt in der Nähe ihres spanischen Urlaubsortes Alicante wieder aufgetaucht.

Gepanzerter S-Klasse-Mercedes
Quelle: Wikimedia Commons

Die schlechte Nachricht für die Ministerin: Ihre politischen Zukunftsaussichten sind trotz des überraschenden Fundes nachhaltig beschädigt; die Diskussion um die Verwendung eines Dienstwagens samt Chauffeur im Urlaub hat zu viel Staub aufgewirbelt und (teils auch geheuchelte) Empörung verursacht.

Soweit die Fakten, jetzt die munteren und bitte nicht ernstzunehmenden Spekulationen: Hat die Ärzteorganisation “Hartmannbund” den Diebstahl in Auftrag gegeben, um mit dieser “Bypass-Operation” dafür zu sorgen, dass eine unbequeme Gegnerin im Kampf um auskömmliche Honorare diskreditiert wird? War’s CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, der um jeden Preis eine erneute große Koalition nach der Bundestagswahl verhindern will und der ja sowieso vor nix zurückschreckt? War’s ein SPD-Ministerkollege, der neidisch auf den tollen Wagen ist und selbst mal ein paar Kilometer drin fahren wollte? Nee, das kann nun nicht sein, denn diese Minister haben ebenfalls ihre B6/B7-gepanzerten Mercedes, BMW oder Audi zur Verfügung - einige davon auch im Urlaub.

Mein Verdacht: Es war zuerst ein ganz gewöhnlicher Diebstahl, wie er öfter mal der S-Klasse widerfährt, bis die Diebe entdeckten, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Limousine handelt. Die Panzerung ist nämlich von außen für Laien nicht erkennbar und die Absatzmöglichkeiten für geklaute Sonderschutzfahrzeuge sind äußerst begrenzt. Ganz zu schweigen vom Fahndungsdruck und dem Medienrummel, der bei einem Minister-Fahrzeug deutlich größer ist als bei geklauten “normalen” Luxuskarossen. Es war deshalb wohl gesünder für die Langfinger, den Wagen der Gesundheitsministerin wieder auftauchen zu lassen.