Typisch deutsche Sprachverwirrung

Kennen Sie Monaco di Baviera? Oder den „Lac de Constance“? Oder „Renania-Palatinado“? Liegt alles in Deutschland, heißt aber in Italien italienisch, in Frankreich französisch und in Spanien spanisch. Umgekehrt bemühen wir deutschen Sprecher uns meist, den Namen von ausländischen Orten möglichst nahe am Original zu belassen und höchstens „gemäßigt“ einzudeutschen. Das ist nicht immer einfach und teilweise auch inkonsistent und unlogisch.

Arte-Eingang2
Hier wird offiziell bilinguales Fernsehen produziert – in Wirklichkeit hat man’s dort aber mit zahlreichen Sprachen zu tun: Die Zentrale des europäischen Kultursenders ARTE im französischen Strasbourg/Straßburg. (Foto: W. Messer)

Fragen Sie mal einen Franzosen nach einem Aussprache-Wörterbuch – so was wie der rot eingebundene Aussprache-Duden bei uns oder sein Online-Ableger. Sie werden vermutlich nur ein Schulterzucken ernten. Gibt’s dort nicht, wozu auch: Selbst französische Profi-Sprecher interessiert kaum, wie sich beispielsweise ausländische Namen oder geografische Bezeichnungen im Original aussprechen. Stattdessen werden „Frankofonisierungen“ verwendet oder komplett andere, französisch klingende Wörter.

So wird der Bodensee zum „Lac de Constance“, Rheinland-Pfalz zu „Rhénanie-Palatinat“ (rheinische Palatschinken?), Niedersachsen offenbar zu einem Musik-Duo („Basse-Saxe“) oder München zu „Munich“ (Mü-’nihk, Betonung auf zweiter Silbe). Ähnlich handhaben das Engländer, Italiener, Spanier etc. in ihrer Sprache. Dort haben sich fremdländische Namen dem eigenen Zungenschlag anzupassen; teils sogar unterschiedlich je nach Region. Etwa die lothringische Stadt Metz: Sie hat innerhalb Frankreichs zwei offizielle Aussprachevarianten: „Mets“ (Ostfrankreich, so kennen wir es auch in Deutschland) und „Mess“ (im Rest des Landes).

Für die französischen Off- und „Voice-over“-Sprecher/innen beim TV-Sender ARTE sind das annähernd paradiesische Zustände. Nur selten haben sie bei ihrer Arbeit Rückfragen, wie denn eine Stadt außerhalb Frankreichs auszusprechen sei. Im Zweifel: Französisch.

Wolfgang Messer im ARTE-Produktionsstudio
Die „schnelle Stimme“ in einem der ARTE-Vorproduktionsstudios – hier überspreche ich gerade für die Nachrichtensendung um 19.10 Uhr fremdsprachige Originaltöne mit deutschem Text. (Foto: Melissa Hertzog/ARTE)

Ganz anders bei uns deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen. Da gibt’s vor der Produktion der Nachrichtenbeiträge teils umfangreiche Recherchen, wie denn dieser arabische oder afrikanische Politiker und jene syrische oder tunesische Stadt genau genannt wird. Gerade in diesem Jahrzehnt kamen durch die revolutionären Umwälzungen in Afrika und dem Nahen Osten täglich neue Namen und Bezeichnungen in die Berichterstattung, von deren Existenz zuvor höchstens langjährige Völkerkundler wussten. Ganz zu schweigen von den vielen japanischen Städten, die 2011 vom katastrophalen Erdbeben und Tsunami betroffen waren.

Erste Hilfe von der ARD-Datenbank

Erster Rettungsanker in solchen Situationen ist die vom Hessischen Rundfunk in Frankfurt betriebene Aussprachedatenbank (ADB), die für alle ARD-TV- und Radiosender verbindlich sein soll und auch vom deutschsprachigen ARTE-Programm als solche genutzt wird. Da aber dort nicht jeder fragliche Name zu finden ist, dienen Korrespondenten, Botschaften oder diverse Online-Quellen als weitere Stützen.

Die Resultate sind nicht immer konsistent und können sich im Lauf der Zeit ändern. So wurde etwa der US-Schauspieler Warren Beatty in der ARD jahrzehntelang „‚Bihti“ ausgesprochen, obwohl er sich selbst „‚Bäitti“ nennt. Die ADB änderte das vor rund zehn Jahren und gibt seither als Quelle „Library of Congress“ an.

Fastvoice-Eigenwerbung neu

Einem gewissen Wandel unterworfen war auch die syrische Schabiha-Miliz. Die hieß laut ADB zuerst ein paar Tage lang „‚Schabi-ha“ (Betonung erste Silbe) und aktuell „Scha’bi-ha“. Zwei verschiedene Aussprachevarianten hört man öfter in der „Tagesschau“, wenn’s um den syrischen Staatspräsidenten Assad geht: „A’ssatt“ und „‚Assat“. Letzteres ist laut ADB korrekt; das ZDF setzt dagegen konsequent auf die erste Version. Ein kleine Überraschung gibt’s bei den indischen Bundesstaaten (etwa „Madhya Pradesh“). Die heißen nicht – wie häufig in Deutschland ausgesprochen – „‚Pradesch“, sondern „Pra’dehsch“.

Äußerst vielfältig präsentiert sich die afghanische Hauptstadt Kabul. Für sie bietet die ADB drei Aussprachevarianten: „‚Kah-bul“ (gemäßigte Eindeutschung), „Ka-‚bul“ oder „Ka-‚bəl“. Nummer zwei und drei sollen die afghanische Sprechweise nachahmen, wobei andere Quellen in der Landessprache Dari eher von „‚Koh-bull“ ausgehen. Kein Wunder, dass Sie in deutschen TV- und Radio-Nachrichten (oder auch im letzten „Tatort“ aus Leipzig) verschiedene bunte Varianten-Mischungen vernehmen können.

Bloß nicht „Worchester-Soße“ sagen!

Aber würden sich TV-Kollegen in England, Italien, Spanien oder Frankreich in solchen Detail-Diskussionen verzetteln? Kaum. Briten ist es wichtig, dass zum Beispiel ihre geliebte Original-„Worcestershiresauce“ auch von Ausländern in etwa „‚Wuster-scher“-Soße ausgesprochen wird (nur die Plagiatwürzmittel heißen kurz „Worcestersauce“), Italiener legen Wert auf ein sauber dargebotenes Ghia („Gia“, nicht „Dschia“), Katalanen möchten bitte „‚bəɾsəˈɫonə“ hören, wenn von Barcelona die Rede ist, und Franzosen haben einen natürlichen Anspruch darauf, dass der alte Schwerenöter Dominique Strauss-Kahn nicht wie der Vogel Strauß heißt, sondern „Strosˈkan“.

Das machen wir deutschen Sprecher auch (fast) alles brav nach jeweiliger Landessitte. Nie würde uns einfallen, den „étang de Lacanau“ in „Teich von Lacanau“ oder die „Cathédrale Notre-Dame de Paris“ in „Kathedrale unserer lieben Frau von Paris“ einzudeutschen. Anders herum geht’s aber: Das Freiburger Münster (auch „Münster unserer lieben Frau“ genannt) heißt in Frankreich mit größter Selbstverständlichkeit „Cathédrale Notre-Dame de Fribourg“.

Vergebliche Suche nach Konsistenz

Der tiefere Hintergrund dieses deutschen „Sonderwegs“ ist mir nicht ganz klar. Ist es etwa das Bemühen, angesichts vergangener Großmacht-Verirrungen einen eventuellen Verdacht erneuter hegemonialer Bestrebungen schon im sprachlichen Ansatz zu zerstreuen? Toben deshalb in der deutschsprachigen Wikipedia gerade zum x-ten Mal heftige Diskussionen um die mutmaßlich korrekten Lemmata polnischer, tschechischer und slowakischer Städte? Darf es zum Beispiel wirklich „Karlsbad“ heißen oder wäre nicht „Karlovy Vary“ angebrachter?

Mal ehrlich: Wir Deutschen sind ziemlich inkonsistent bei den „Exonymen“ und „Endonymen“. Wir nennen „Nice“ nicht französisch korrekt „Nihss“, sondern beim italienischen Namen Nizza. Wir sagen nicht „Pa-‚rih“, sondern „Pa-‚rihs“, „‚Lon-don“ statt „‚Lən-den“, Mailand statt „Mi-‚lano“, Rom statt „‚Ro-ma“, Genua statt „Genova“ („‚Dsche-nova“), Kopenhagen statt København“ und Peking statt „Beijing“ („beɪˈdʒɪŋ“, Betonung 2. Silbe). Andererseits fällt mir auf Anhieb keine einzige US-amerikanische Stadt ein, die in Deutschland nach ADB anders ausgesprochen werden dürfte als in den USA.

Häufigkeit als Anhaltspunkt

Irgend ein global übergreifendes System erkennbar? Mir ist jedenfalls noch keins aufgefallen. In der deutschsprachigen Wikipedia orientiert man sich deshalb bei der Findung des richtigen Namens-Lemmas hauptsächlich an der Häufigkeit von Vorkommen und Verwendung der verschiedenen Varianten in unserem Sprachraum. Die kann sich allerdings mit der Zeit durchaus verändern.

Offenbar geht’s bei den deutschen Ausspracheregeln so zu wie bei unserer Grammatik: Es wimmelt von Unregelmäßigkeiten, Ausnahmen und dynamischen Entwicklungen. Und die können nicht nur den Deutsch lernenden Ausländer, sondern auch uns selbst hochgradig verwirren.

P. S.: Es gibt seit dem Jahr 2000 eine öffentlich zugängliche Aussprachedatenbank der „Voice of America“ – natürlich eher für US-Sprecher gedacht.

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77 Gedanken zu „Typisch deutsche Sprachverwirrung

  1. Der Grund für das ganze Durcheinander ist und bleibt meiner Meinung nach diese komplett sinnlose Rechtschreibreform damals, die war auch dementsprechend umstritten und einige Zeitungen haben sie auch bewusst boykottiert, weiß nicht ob immernoch…
    Für Schüler, die von vornherein nichts anderes lernen vielleicht eine Vereinfachung (wenn überhaupt), für die älteren Generationen eine unnötige Belehrung – und es ist nun mal so, dass die Bevölkerung nicht nur aus einzuschulenden Schülern besteht.
    Also der Gesamtnutzen dieser Reform ist sicher nicht besser als bestenfalls Note 3, eher wohl 4.

    • Ich glaube nicht, dass sie die Rechtschreibreform überhaupt kennen. Die sagt nichts über ausländische Ortsnamen. Und Sie schreiben auch „dass“ statt „daß“. Das hat einen ganz logischen Sinn.

  2. Das kann doch gar nichts mit der Rechtschreibreform zu tun haben, den das wird ja schon viel länger so gemacht. Darüber hinaus finde ich die Rechtschreibform sehr gelungen. Da niemand mehr weiß, wie man es schreibt, kann jeder so schreiben wie er will 🙂

  3. Auch bei France Musique hat diese Deutsch-Französische Unsymmetrie Tradition. An den Klang von Mozart und Bach muß man sich neu gewöhnen, während Lully und Rameau wie beim SWF klingen.

  4. Pingback: Wie spricht man das aus? · Typisch deutsche Sprachverwirrung — Carta

  5. Interessant wird es mit dem fast ausschließlich falsch betonten Fukushima: Die Deutschen sagen „Fuku-’shi:-ma“, näher am Original wäre aber – wie bei Hiroshima („Hi-‚roshima“) – „Fu-‚kushima“. Seltsamerweise höre ich seit der Fukushima-Katastrophe häufig nun auch „Hiro-’shi:-ma“. *schauder*

    • schauder – aber wenn interessierts? Vielleicht tröstet es dich, dass es vielleicht auch irgendwo irgendeinen Japaner gibt (vermutlich), den es schauert, wenn irgendwo irgendein andere Japaner, na sagen wir mal, „Erzgebirge“ seltsam ausspricht. *schauder*

      (m.a.w.: einfach mal locker machen…)

    • @datenhalde: Letzteres haben wir Älteren vermutlich unter anderem von einem gleichnamigen Hit der britischen Band „Wishful Thinking“ abgekupfert – auch da wurde (vermutlich aus musikalischen Gründen) die dritte Silbe betont. Und das schon Jahrzehnte vor dem Erdbeben.

  6. Dass us-amerikanische Städte/Bundesstaaten auch im deutschen i.d.R. englisch ausgesprochen werden, ist mir auch des öfteren aufgefallen. Einzige Ausnahme: Kalifornien. Keine Ahnung, warum gerade da nicht…

      • Stimmt, aber ich bezog mich auf die Aussprachedatenbank, und da wird natürlich das „T“ weggelassen 😉

        Amüsant finde ich auch das Phänomen, dass manche Deutsche amerikanischer sein wollen als die Amerikaner und beispielsweise „Colorädo“ sagen statt „Colorado“ oder „Sjuperman“ statt „Superman“.

        • Richtig, Wolfgang. Gleiches gilt für „YouTube“, was gern als „JuTjub“ ausgesprochen wird – richtig aber ist „JuTüub“.
          Dein Beispiel von „Colorado“ geht sogar noch einen Schritt weiter! Das „a“, welches mancher deutsche Sprecher im Wort gern übertrieben amerikanisch als „ä“ ausspricht, ist im Original sogar ein sehr langgezogenes „aa“. Also genau das Gegenteil dessen, was ein deutscher Sprecher vermutet.
          „Coloraado“ muß es also heißen und – wichtig – das typische gerollte „r“ bleibt dort aber erhalten.

          • Nur so als Einwurf, da wir gerade bei Ländernamen sind:
            ‚London‘ (also die gleichnamige englische Stadt) wird doch richtigerweise ganz normal, auch wörtlich so ausgesprochen?
            Hier gibt es beim ORF (Österreichischen Rundfunk) ansonsten recht gute Sprecher, die sagen dazu aber eher ‚Londn‘ …

          • @Johannes: Die ARD-Aussprachedatenbank nennt sowohl die deutsche Version ‚Lonndonn als auch die englische ‚Lanndenn. Bei uns gebraeuchlich ist aber nur die erste. Allerdings: Bei zusammengesetzten Begriffen/Woertern mit „London“ vorne (etwa „London Bridge“, „London Eye“ „Londonderry“) gilt nur die englische Aussprachevariante.

  7. Hervorragender Bericht der mir tief aus der Seele spricht. Ich rege mich immer darüber auf, wenn (besonders im Ersten) die Sprecher den Anschein erwecken als hätten sie als Einzige die Hauptkompetenz die Namen der Welt richtig auszusprechen.
    Wir Deutsche haben uns von allen Nationen beeinflussen lassen, da wir gute Weltenbürger sein möchten (besonders nach den beiden verlorenen Weltkriegen) und „schleimen“ uns damit im Ausland ein.
    Ich habe noch ein schönes Beispiel: Jahrelang, bevor Bill Clinton Präsident der USA wurde, hat man in Deutschland Arkansas zu Arkansas gesagt. Gesprochen wie geschrieben. Kaum wird Billy-Boy Präsident lässt die ARD verlauten, er käme aus Ohr-Kän-Sor …. Albern!

  8. Als Beispiel für Amerika fällt mir „Kalifornien“ ein, ist zwar keine Stadt, aber wird in Deutschland statt des einheimischen Begriffes genutzt.

    Bei aller Recherche finde ich es immer noch putzig wie nach mittlerweile knapp zehn Jahren in den deutschen Nachrichten bei einigen Sprechern hartnäckig die Rede von „Börek Obama“ ist.

  9. Auch im Gedruckten lässt sich das Phänomen häufig beobachten: So liest man bspw. in deutschen Zeitungen zuweilen „Beijing“ statt „Peking“ – und in der Zeit war im Zusammenhang mit dem letzten Russland-Georgien-Konflikt häufiger von „Tbilissi“ und „Tbilisi“ statt „Tiflis“ die Rede. Da fragt man sich: Warum nur?

    • Solche Fälle treten häufig bei ehemaligen Sowjetrepubliken auf, wo mal die russische, mal die ortsübliche Schreib-/Sprechweise verwendet wird (etwa Charkow/Charkiw in der Ukraine, war 2012 öfter mal Thema wegen der Fußball-EM).

      Und dann gibt’s natürlich noch die üblichen Schreib- und Flüchtigkeitsfehler. Etwa im aktuellen „Spiegel“, wo auf Seite 70 innerhalb eines Absatzes von „Madhya Pradash“ (falsch) und von „Madhya Pradesh“ (korrekt) die Rede ist 😉

  10. Mir ist etwas ähnliches aufgefallen, wenn es um die Niederlande bzw. Holland geht. Ich benutze meistens das Wort Holland und wurde schon oft verbessert, ich solle doch Niederlande verwenden. Wenn ich dann nach dem Warum frage, wird mir gesagt Holland sei doch nur ein Teil der Niederlande. Wenn ich dann daraufhin frage, ob man auch Franzosen das Allemagne oder Spaniern das Alemania verbessern würde, schließlich haben die Alemannen auch nur in einem kleinen Teil Deutschlands gelebt, dann ernte ich meist entgeisterte Blicke.

    • Das hinkt aber. „Holland“ statt „Niederlande“ zu sagen wäre eher, als würde man im Ausland „Bayern“ statt „Deutschland“ sagen.

        • Wenn Du meinst der Unterschied zwischen Holland und Niederlande ist nicht existent, und als Vergleich angibst, dass Allemannien nur ein Teilgebiet von Deutschland sei … Dann möchte ich gerne das Französische Wort für das Gesamtgebiet wissen. Wenn es keines gibt, dann ist die Analogie zwischen Holland und Allemannien eben nicht treffend.
          Es ist in meinen Augen der gleiche Unterschied wie zwischen England und Großbritannien. Das sind ebenfalls zwei deutsche Begriffe.
          Holland und Niederlande sind ja eindeutig deutsche Wörter. Schließlich redet kein Niederländer von ‚Niederlande‘ – die sagen Nederland. Also ist Niederlande ein deutsches Wort. Und Holland Deiner Aussage zufolge ebenfalls.
          Also: Wie lautet das französische Wort für ganz Deutschland, dass die Franzosen sich weigern zu benutzen? Das muss es (wenn Dein Vergleich stimmt) ja geben … 😉

          • Im *Niederländischen* sollte man tatsächlich immer von „Nederland“ und „Nederlands“ sprechen, das ist richtig. Im *Deutschen* habe ich die Erfahrung gemacht, dass es vorwiegend Deutsche sind, die darauf hinweisen, dass „man“ ja nicht „Holland“ sagt, Deutschsprachige Niederländer sprechen und schreiben dagegen selbst gerne von Holland. In der Umgangssprache rede ich auch oft von Holland und Holländisch, einfach weil mir die Wörter wesentlich leichter von den Lippen gehen als „die Niederlande“ und „Niederländisch“, die auch deutlich länger als ihre niederländischen Pendants sind.

          • Das war mir auch gerade eingefallen: England und Großbritannien – was die Engländer selbst ja bis heute bevorzugen, allerdings in der englischen Form
            GREAT BRITANNY.

            Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht und über das Naserümpfen von uns ‚Gebüldeten‘, wenn jemand Champs Élysée nicht korrekt ausspricht (und erst die Amerikaner!). Das habe ich mir jedenfalls mühsam abgewöhnt. Hat es nicht etwa mit dieser Arroganz der Intelligenzija zu tun, als ‚Man‘ noch allgemein französisch sprach? Und der Vorliebe der Leute, sich in ihrem ‚Fach-Chinesisch‘ zu unterhalten? Bei Ärzten sehr beliebt, damit du wie ein blödes Rindvieh dastehst.

            Ein Faktor ist vielleicht auch, dass wir Deutschen die Angewohnheit haben, Ausländern (nicht generell, die werden auch sortiert) gegenüber sich anzupassen, indem man sagt: Du gehen hier gerade … D. h. nicht normal spricht und auf keinen Fall jemanden korrigiert.

            Wir (meine Familie und ich ) fanden es in Tansania wunderbar, dass die Menschen ganz selbstverständlich einen korrigierten und Erklärungen abgaben. Ein Grund, dass wir alle recht gut und relativ schnell Kisuaheli lernten.

  11. Nun ja, ganz konsequent sind wir nicht.
    Wir sagen Brünn statt Brno, Warschau statt Warszawa und Prag statt Praha. Oder Edinbörg statt Edinboro und London statt Landen usw. usf.
    Ich finde das auch nicht schlimm, aber dann kommt ein Heini und weist mich darauf hin, dass es doch bitte Bratislava und nicht Breslau heißt.
    Ich haue ihm die oben genannten Namen um die Ohren, weise ihn darauf hin, dass es ja auch Lusiäna und nicht Luisiana heißt und Norlins nicht Nu Orlins.
    Und dann grinse ich und rede wie ich will. Meistens weiß man, was gemeint ist, das zählt.

    • Da haben wir’s. Bratislava war eben nicht Breslau, sondern Pressburg. (Obwohl Wroclaw sich wie Bratislava in der latinisierten Form „Wratislavia“ schrieb). Wer das nicht weiß, sollte eben besser Bratislava sagen.
      Was ist eigentlich Schlechtes daran, wenn wir den Respekt gegenüber anderen auch dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir ihre Bezeichnungen verwenden? Das mag nicht immer gelingen, aber konsistent ist die deutsche Sprache ohnehin nicht. Was die anderen mit deutschen Namen machen, muss mich nicht kümmern.

    • Nur nebenbei:
      Bratislava wäre dann Preßburg, Breslau wäre Wroclaw…

      um noch etwas Verwirrung zu stiften….

  12. Warum bringt eigentlich niemand den Sprechern bei, wie der Herr van Rompuy ausgesprochen wird (nämlich Rompöi und nicht Rompeu)? Wer kann denn den „Ironman“ noch richtig aussprechen (Aienmän, nicht Airenmän) – und wo wir gerade dabei sind: weiß eigentlich noch irgendwer bei Hörfunk oder Fernsehen, dass z. B. das Wort „erst“ eerst ausgesprochen wird und nicht ärst? Dass es nicht neemlich heißt, sondern nämlich? Vohrsicht und nicht Voarsicht? Aber inzwischen fahren wir ja schon kollektiv ans Mähr – ich fürchte, da ist nichts mehr zu retten, weil es von den Verantwortlichen absolut niemanden interessiert. Ich arbeite beim (öffentlich-rechtlichen) Fernsehen und kann ein trauriges Lied von davon singen.

    • Zumindest für uns freie Sprecher kann ich sagen, dass wir uns große Mühe geben, unseren Job korrekt auszuüben – unter anderem auf Grundlage der ADB. Fehler können natürlich dennoch immer wieder passieren – über die eigenen ärgere ich mich selbst vermutlich am meisten.

      • Da erlebe ich fast täglich leider anderes – weise ich einen Kollegen, gleich ob Redakteur, freier Autor oder Moderator, auf einen Aussprachefehler hin, so heißt es meist schnippisch, dass Sprache sich eben entwickle …

    • Nana, mit dem „richtig“ bei Aienmän wäre ich ganz vorsichtig. Nur weil es nicht-rhotische Dialekte gibt (genau, die ohne „r“), sind die nicht automatisch „richtig“.

      Ich habe den Eindruck, gerade solche Probleme wie Meer-Mähr entstehen aus einer gewissen Nostalgie für eine deutsche Standardsprache, die es in der Form nicht gab – einem Äquivalent der Received Pronunciation im Englischen etwa, aus dem ja auch der Unsinn mit den „richtigen“ Aussprachen englischer Wörter kommt…

  13. In der Schweiz habe ich es schon gehört, dass amerikanische Städte, die „New [Name]“ heißen, mit „Neu“ eingedeutscht wurden, also „Neu York“ oder „Neu Orleans“, ich weiß aber nicht, ob das in irgendeiner Art und Weise „offiziell“ ist.

    Was den Grund betrifft, warum sich deutsche Sprecher lieber die Zunge abbrechen sollen als ausländische Namen falsch auszusprechen: Kann das vielleicht einfach daran liegen, dass die einfache „Eindeutschung“ eines ausländischen Namens furchtbar klingt? Um bei den obigen Beispielen zu bleiben, also „Neff Jork“ statt „nju jork“ oder „Neff Orle-ans“ statt „nju ohrliens“. Oder auch der Fauchlaut, der am Anfang von „Chicago“ kommen müsste („chhikago“).

      • Es ist doch „Nju York“, nicht „Nu York“. Am Schlimmsten finde ich übrigens – und das hört man oft, gerade bei älteren Semestern – „Hugh York“ („chiuh“).

          • Korrekt. Die Aussprache „Nju Jork“ ist schlichtweg FALSCH. Das scheinbar dem „u“ vorgesetzte „j“ wird – wenn überhaupt!!! – NUR DANN mit ausgesprochen, wenn der ANFANGSbuchstabe ein „u“ ist. Beispiel: „united“=“junaited“ – ABER: „utterly“ „atterli“ (wobei hier das ausgesprochene scheinbare „a“ sogar noch einen winzigen Hauch ins „ö“ übergeht).

        • „Hugh“ würde aber wie „hju“ (fast sogar wie „you“), und nicht wie „chiuh“ ausgesprochen werden. Die Aussprache „chiuh“ käme nämlich vom Verb „chew“.
          Was du sagen wolltest ist, daß manche Leute, wie du so schön beschreibst, des „alten Semesters“ New York gern wie „Chew York“ aussprechen, korrekt?

    • Neu-York etc waren um die Jahrhundertwende in deutschsprachigen Zeitungen durchaus üblich. Wann sich das geändert hat, müsste man einmal in Ruhe untersuchen.

  14. Ich weiß: anderes Thema. Aber wer bringt den vielen Rundfunk- und Fernsehsprechern mal bei, dass ihr Berufsstand Journalist nicht „Dschurnalist“ ausgesprochen wird, sondern vom französischen Journal abgeleitet ist?

    Im Übrigen war es auch in deutschen zeitungen vor 100 Jahren durchaus üblich, aus „neu York“ zu berichten.

  15. Das Ganze ist zwar wenig konsistent und kann auch leicht verwirren, aber grundsätzlich ist das historisch bedingt. Bekannte Orte wurden früher eben eher in die jeweilige eigene Sprache eingedeutscht/anglisiert/etc.
    Im Deutschen mag sich das schneller gewandelt haben als z.B. im Französischen, aber auch wir haben noch so gute Beispiele, wie das oben genannte Kalifornien. Früher hat man auf Deutsch schon auch mal von Neu York gesprochen, jetzt nicht mehr. Auf falsche Aussprachen, wie bei Arkansas, brauchen wir hier gar nicht eingehen.

    In anderen Sprachen ist es ähnlich, wenn auch die Gewichtung etwas anders ist. Bei bekannten Städten wie Wien oder München, die auch früher oft genannt wurden, gibt es eben noch die früher üblichen (z.B. anglisierten) Namen wie Vienna oder Munich, bei anderen Orten wie Regensburg (Ratisbon) gibt es sie zwar, aber sie sind so wenig bekannt, dass sie auch nicht verwendet werden. Von Orten, nach denen früher kein Hahn im Ausland gekräht hat, gibt es sie gar nicht.

    Auch wenn es keine festen Regeln dafür gibt, einen Grund gibt es. Rumärgern müssen wir uns trotzdem damit. Im Zweifelsfall sollte man den originalen Namen benutzen – das zeugt auch von Respekt. Den haben wir scheinbar anderen nationen etwas voraus. Früher wurden auch Namen eingedeutscht, das ist zum Glück nicht mehr so oft der Fall.

  16. »Offenbar geht’s bei den deutschen Ausspracheregeln so zu wie bei unserer Grammatik: Es wimmelt von Unregelmäßigkeiten, Ausnahmen und dynamischen Entwicklungen.«

    Dieser Eindruck ergibt sich, wenn man der Sprache unterstellt, sie würde nach der simplen Logik unseres Verstands funktionieren. Die Sprache wird jedoch nicht dort prozessiert, wo in unserem Gehirn der gesunde Menschenverstand haust, was man daran erkennt, daß ihre Regeln nicht offen vor uns liegen. Wir müssen sie wie eine Blackbox erforschen.

    Unregelmäßigkeiten sind fast immer erkenntnistheoretische Fehlschlüsse. Auf Unregelmäßigkeiten in der Aussprache kommt man nur, wenn man vom Schriftbild auf die Aussprache schließt. Die Stadt heißt im Deutschen /tschi’kago/ mit Lauten des deutschen Lautinventars und der Betonung auf der Pänultima (vorletzten) Silbe. Wir betonen deshalb auch /’fuku’shi:ma/, weil das Deutsche beim Betonen vom Wortende (nicht von vorn) rechnet und Trochäen herstellt.

    Natürlich gibt es daneben auch motivierte Aussprachen (pseudojapanisch /fu’kushimmmmma/ mit teutscher Ersatzdehnung des Sonoranten), wie bei professionellen Sprechern und Gebildeten üblich. Das Motiv liegt außerhalb des Sprachzentrums im Verstand und besteht darin, den ausländischen Namen authentisch auszusprechen.

    Man kann das für mehr oder weniger sinnvoll und weltmännisch halten und der Motivlosigkeit der Franzosen gegenüberstellen.
    Es ändert nichts daran, daß eine authentische Aussprache praktisch und theoretisch unmöglich ist. ‚Stockholm‘ wird im Deutschen auf der letzten Silbe betont, weil beide Silben als Lexem erkannt werden (im Gegensatz zu Chicago). Auch wenn man die Betonung dem Schwedischen zuliebe verschiebt, bleibt die Aussprache deutsch. So deutsch, wie es auch klingt, wenn man bei ‚Paris‘ das Es wegläßt.

    Neben den naheliegenden Gründen auch deshalb, weil der Begriff ja von Sprechern stets als Wort in einem deutschen Satz verwendet wird.

  17. Doch, bei US-Namen gibt es noch mehr Diskrepanzen zwischen amerikanischer und deutscher Aussprache: Tennessee, Arkansas, Virginia.
    Und dann die nie gelöste Frage (auch wenn es da um Canada geht), ob man den französischen Namen der im frankophonen Canada gelegenen Stadt Montreal eigentlich französisch ausspricht – oder, wie das fast alle US-Amerikaner und Canadier tun, mit dem langen O am Ende (das freilich auch nicht gerade englisch ist). Aber ich will mich nicht beschweren: Ich weiß, wer gemeint ist, wenn die einen mein Zimmer im Urlaub für Mr. Backhouls, die anderen für M. Büscholts reserviert haben.

    • Diese Diskrepanzen bei der Aussprache von US-Namen gibt es natürlich in der Umgangssprache, aber nicht in der ARD-Aussprachedatenbank, wo höchstens mal eine „gemäßigte Eindeutschung“ als mögliche Alternative steht – und auf die bezog ich mich im Text.

  18. Es gibt meiner Auffassung nach einen Unterschied zwischen dem „Lac de Constance“ und bspw. der richtigen Aussprache von Kabul. Ersteres ist ein historisch gewachsener „übersetzter“ Ausdruck, letzteres die übliche Alternative, wenn man keinen solchen Ausdruck hat (was ja nun für die Mehrzahl der Ortsnamen gelten dürfte): Man versucht, möglichst nah ans Original heranzukommen.

    Demzufolge finde ich „Kopenhagen“, „Oslo“ (oh ja, auch das wird im Deutschen falsch ausgesprochen – richtig wäre „Uslu“ oder „Uschlu“), „Warschau“ etc. gerade konsequent: Es ist die Nutzung eines übersetzten Ausdrucks, weil der so historisch gewachsen ist. Dass alternativ versucht wird, möglichst nah ans Original heranzukommen, finde ich absolut richtig und begrüßenswert.

    Das kommt im Übrigen durchaus auch im Ausland vor… soweit ich weiß, gibt es ein lustiges Video, das Nachrichtensprecher aus verschiedensten Ländern zeigt, die sich beim Versuch, den Eyjafjallajökull richtig auszusprechen (Ehjafjatlajöküttl), fast die Zunge verknoten.

  19. Heissassa, hier geht’s aber bunt durcheinander! Viel Nicht- oder Halbwissen um die ADB oder um andere Aussprachehilfen mischt sich in den Kommentaren zu Messers Blogeintrag mit unsäglicher Polemik gegen die Berufsgruppe der Profi-Sprecher.

    Erstes Missverständnis: In anderen Ländern gebe es keine Aussprachewörterbücher. Ach? Was steht denn da in meinem Bücherregal? Der in Fachkreisen wohlbekannte Warnant aus Frankreich: „Dictionnaire de la prononciation dans sa norme actuelle“, der legendäre „Jones“ aus Großbritannien: „Everyman’s English Pronouncing Dictionary“ und die betreffende BBC-Ausgabe dazu: „Oxford BBC Guide to Pronunciation – the essential handbook of the spoken word“, der Longman Pronouncing Dictionary, der „D.O.P“ aus Italien: „Dizionario d’ortografia e di Pronuncia“ — Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Der Sender „Voice of America“ bietet einen Online-Service zur Aussprache fremder Namen an, Analoges findet sich bei anderen Rundfunksendern weltweit. Wieso also die locker-flockige Behauptung „Gibt’s woanders nicht“? Der Verfasser möge sich doch bitte erst einmal informieren, bevor er zur Stärkung seiner fragwürdigen Thesen Unwahrheiten in die Welt setzt.

    Zweites Missverständnis: Konsistenz. Die Aussprachedatenbank der ARD ist nicht unfehlbar. Bei einem Bestand von geschätzten 300.000 Namenseinträgen, zu denen täglich einige „zig“ hinzukommen, sind Fehleinträge und Korrekturen der Aktualität geschuldet: Ein neuer Name taucht auf. Ideal wäre es, wenn der Namensträger selbst sagen würde, wie er ausgesprochen wird. Das tut er aber in den wenigsten Fällen. Also recherchiert man bei der ADB entweder bei der Botschaft des Landes oder im Wörterbuch oder in Hörfunk- und Fernsehsendungen (in der Hoffnung, dass der Namensträger dort selber sagt, wie er heißt oder ein Interviewer ihn anspricht) oder man „reimt sich“ aus dem hervorragenden Werk von Max Mangold zur Aussprache fremder Namen einen Näherungswert zusammen, wohlwissend, dass dieser nicht absolut korrekt ist. Wenn aber im Nachhinein eine Korrektur nötig ist, führen sie die MitarbeiterInnen der ADB umgehend aus und informieren die angeschlossenen Rundfunksender über die Änderung. Außerdem gibt es regelmäßige Anwendertreffen (inkl. Tagesschau), um Unklarheiten bei der Artikulation zu besprechen und die „gültige“ Aussprache festzulegen.

    Und ein drittes: die Formulierung in einem Kommentar „Kann denn niemand den Sprechern mal beibringen…“ stößt mir wirklich sauer auf. Bitte, lieber Poster, unterscheiden Sie doch zwischen Profisprechern (egal ob frei oder fest), die genau dieses Anliegen der Korrektheit auf dem Sender auch haben und ebenfalls am Mikrofon oder vor der Kamera Tätigen, die keine Ausbildung zum Berufssprecher haben und denen die korrekte Artikulation weniger wichtig ist. Wir Profis bemühen uns jeden Tag in den Nachrichten und in den vielen anderen Sendungen um Glaubwürdigkeit und Korrektheit bei den Fakten. Wir checken, ob Zahlen stimmen, Formulierungen – und sind eben auch bemüht um eine möglichst stimmige Aussprache. Wenn dies manchen übertrieben scheint, bitte. Für mich persönlich, der ich seit 34 Jahren jeden Tag in diesem Job tätig bin, hat eine möglichst korrekte Artikulation sehr mit der Seriosität und Glaubwürdigkeit meines Arbeitgebers, einer ÖR-Anstalt, zu tun. Die Einstellung von Herrn Kollegen Messer zu seiner Arbeit ist mir – gelinde gesagt – zu lax.

    • Aber hallo, Herr Kollege, wieso halten Sie meine Einstellung zur Arbeit für „zu lax“? Aus welchem Teil des Textes wollen Sie das herausgelesen haben? Ich bin eigentlich eher als „Pedant“ verschrien und immerhin auch schon seit 1988 in diversen Funktionen im Rundfunk aktiv.

      Das von einem Belgier namens Warnant herausgegebene französische Aussprachewörterbuch ist meines Wissens Anfang der 1960er das erste Mal und Ende der 1980er das letzte Mal erschienen. Keiner der von mir befragten französischen Sprecher kannte es, ein Online-Ableger existiert auch nicht und eine französische Aussprachedatenbank wie die der ARD ist mir ebenfalls nicht bekannt. Insofern bleibe ich bei meiner Darstellung: Gab es wohl mal, gibt’s aber nicht mehr.

      Über die Existenz oder Nichtexistenz ähnlicher Werke in anderen Ländern habe ich kein Wort geschrieben – unterstellen Sie mir bitte keine Auslassung, wo’s keine gibt. Ich schrieb: „Gibt’s dort nicht“ (bezogen auf Frankreich) und nicht „gibt’s woanders nicht“.

      Meine Beispiele für mangelnde Konsistenz der deutschen Aussprache ausländischer Namen sind an keiner Stelle Kritik an der ADB – wie kann man so was aus meinem Text herauslesen? Sprache ist dynamisch, Datenbanken können nicht umfehlbar sein, Sprecher auch nicht – genau das wollte ich vermitteln. Meine Bezeichnung „Rettungsanker“ für die ADB wurde hoffentlich von den meisten meiner Leser als Lob verstanden.

      Wahr ist allerdings auch, dass man innerhalb einer „Tagesschau“ immer mal wieder verschiedene Aussprachevarianten eines Namens hören kann – die On-Sprecherin/der Sprecher hält sich in der Regel an die ADB, manche Korrespondenten tun das nicht.

      Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Sie meinen Beitrag in den völlig falschen Hals bekommen haben – oder habe ich ihn derart missverständlich formuliert?

  20. Und natürlich hat jeder Mensch ein Recht darauf korrekt mit seinem Namen angesprochen zu werden. Inzwischen sollte sich überall herumgesprochen haben, daß im asiatischen Raum zuerst der Nachname und dann der Vorname geschrieben wird. Wer dann immer noch seinen Gesprächspartner mit „Mister [Vorname]“ anspricht macht sich ganz sicher bei ihm lächerlich/unbeliebt und zeigt nur falsche Eitelkeit.

    Es würde doch wohl hoffentlich auch keinem einfallen irgendwelche Namen einzudeutschen und einen eventuell zu wählenden US-Präsidenten Miller in den Nachrichten ausschließlich „Müller“ zu nennen.

    • Franzosen haben kein Problem damit, ausländische Namen zu „frankophonisieren“. So heißt unsere Kanzlerin dort „Mer-‚kel“ (Betonung 2. Silbe), was einigermaßen französisch klingt. 😉

  21. Ich stolpere über „US-amerikanisch“… Nun ja, besser als im Osten, wo oft das ideologisch besetzte „angloamerikanisch“ für amerikanisch zu hören ist.
    By the way, leider oft zu hören: „ColoREHdo“ und beim MDR die Ortsmarke „Washington“ – gemeint ist D.C.

      • Die alte auf die Geografie ausgerichtete Diskussion. Mein Vorschlag: amerikanisch.
        Die meisten Einwohner Venezuelas identifizieren sich weniger mit den USA.
        Vielleicht kommt in der EU auch noch diese Diskussion auf: My fellow EU citizen from Southern Europe 😉

        • „Amerikanisch“ ist mir persönlich auch im sprachlichen Kontext zu ungenau (im politischen Sinn sowieso). Immerhin geht es um den gesamten Kontinent zwischen Kanada (teils französischsprachig) und Feuerland. Käme ja auch keiner auf die Idee, Europa als einheitlichen Sprachraum zu sehen.

          • Wenn es irgendwo heisst: „Die Amerikaner haben dies oder jenes getan/erfunden/unterlassen“ kommt im deutschen Sprachraum niemand auf die Idee, es könnte sich um Chilenen oder Kanadier handeln. Mal davon abgesehen, das US-Amerikaner auch ungenau ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Mexiko Es handelt sich bei Mexico auch um „Vereinigte Staaten“, Estados Unidos Mexicanos. Das US davor zu setzen ist einfach überflüssig und nur an seltenen Stellen richtig und notwendig.

  22. @ Wolfgang:
    Bezüglich des Einwandes, dass einige Radiomoderatoren ‚eerst‘ anstatt ‚erst‘ sagen: Hängt dies nicht auch noch etwas davon ab, ob am Satzanfang oder nicht? Bei Nachrichten-Radiomoderatoren fällt fallweise eine Tendenz auf, Satzanfänge bzw. die erste Wortsilbe etwas in die Länge zu ziehen. Da solche Moderatoren aber sicher gewisse Schulungen absolvieren, war meine Vermutung hier eher, dass sie dies bewusst so machen, und zwar der Verständlichkeit am Radio wegen. Bei einem persönlichen Gespräch sieht der Zuhörer, wenn der Sprecher einen neuen Satz beginnt. Am Radio muss der Zuhörer erst ‚umschalten‘. Ist aber nur eine Vermutung, besucht habe ich noch kein Nachrichtensprecher-Seminar…

    • Mein Einwand war, dass sie ärst statt eerst (bzw. in korrekter Lautschrift “e:ɐ̯st”) sagen (entsprechend auch Ärde statt Eerde bzw. „ˈeːɐ̯də“)!

  23. Der Einwand stammte ja nicht von mir, sondern von einem Kommentator namens „M. R.“. Die Aussprache eines Wortes hängt nicht von der Stellung in einem Satz ab, nur die Betonung. Ein betontes „Erst“ kann natürlich etwas anders klingen als ein unbetontes.

    Die (nicht korrekte) Abweichung „ärst“ dürfte aber eher einer unerwünschten Dialektfärbung geschuldet sein; die korrekte Aussprache ist „e:ɐ̯st“ – siehe hier.

    Ähnliche „Sprachschlampereien“ sind auch bei Wörtern wie „zunächst“ (mit „ch“-Laut in der Mitte, nicht mit „k“) oder „zwanzig“, „König“ etc. („ch“ am Ende, nicht „g“) häufig zu hören.

    • das Ä und das E: Luther hat noch (zumindest am anfang) Ä als E geschrieben, un heute sagt keiner ein /E:/ (ää), weshalb jeman, der ‚kefer‘ heisst, es jedesmal buchstabieren muss, um nicht falsh geschrieben zu werden. es sei denn, man is sprecher, lehrer or eventual alemanne – die ersten zwei, weil si verpflichtet sein, es „richtig“ tu prononcieren, die alemannen weil in ihrem dialect tatsachlich diferenciert werd. das curz Ä cann man so o so nit von a curzen E diferencieren (ställen – stellen) un a langes Ä /E:/ gibt es glaub i nur in den englishen wördern ‚fan‘ un ‚band‘.

      also cann man davon ausgeen, dass es ni a langes /E:/ gegeben hat, dass es a construct von gelertis war, wi so files im hochdeutshen.

      sprache dine der communication, un wenn perfect communiciert werd, is si correct. also cann die prononcirung ‚keese‘ nit falsh sein. clar, a leri cannat a scüli dafür bestrafen, sozusagen im namen des states, aba wenn man am freidag weshe washen hat, sich des judentums verdächtig make hat un von der inquisition abfakelet wurde, heisst es imma noh nit, dass es falsh war, wesh in die freidag tu washen.

  24. Es geht ja inzwischen schon weiter: Fragen Sie mal in USA oder England nach einem Handy („Händih“). Im englischsprachigen Raum weiß keiner
    was das ist. Für die deutsche Sprache (!) wurde ein englisch klingender
    Begriff kreiert. Das soll noch einer verstehen.
    Ähnlich verhält es sich mit einem „Slip“. Eine Amerikanerin erwartet da einen Unterrock und keine Unterhose….

    • Naja, die Sache mit ‚Handy‘:
      Nicht, dass ich zwangsläufig für neu eingeführte Begriffe wäre, aber das Wort ‚Mobiltelefon‘ hat nun mal deutlich mehr Silben als ‚mobile phone’…
      Und die in der Schweiz herauskristallisierte auch allgemeine Handybezeichnung ‚Natel‘ wollte man den Schweizern halt lassen, die haben’s erfunden 😉

  25. einerseits sag ju, die deutschen schreiben eher den originalnamen als die anderen, dann geb ju aber mehrere beispiele von ländern und städten, die man eindeutscht (mailand, kopenhagen, usw). ich bezweifle, dass die deutschen „originaler“ schreiben als die andren. ich hab grade die unterschide in den namen der länder bis K nachgezält: englisch hatte 45 unterschide, französisch 54, portugisisch 63 und deutsch 99. länder, in denen die schrift nich die römische is, hab ich rausgelassen: da gibt es zu oft laute, die ma sowieso nich richtig aussprechen und mit dem römischen alfabeet widergeben kann. klar, englisch und französisch (und ein bisschen portugisisch) sind ein bisschen im vorteil, da in vilen kolonien der lokale name und der name in der sprache der kolonialmacht identisch sind. wenn ma die ex-kolonien von ländern, wo die involvierten sprachen gesprochen werden, rauslässt, ändert sich kaum was. deutsch ybersetzt ‚belarus‘ zu weissrussland (warum denn auch nicht ‚die engel‘ fyr ‚los angeles‘ und ‚der frieden‘ fyr ‚la paz‘?), es macht aus einem C ein K (kanada, kuba), aus einem internazionalen J ein DSCH, und die internazionale endung ‚ia‘ macht es zu ‚ien‘ (bulgarien, kalifornien, kolumbien).

    in meinem system ultradoitsh und auch in meinen anderen systemen heisst die regel, ma schreibt wie im original, und wo das römische alphabet nich verwendet wird, dann so wie die ex-kolonialmacht es schreibt, wenn es eine kolonialmacht gab, oder wie im englischen. natyrlich bin ich nich fyr irgendwelche kolonisierungen, aber der name is fast immer, wie die leute den namen ires landes schreiben, wenn sie ihn im römischen alfabet schreiben. ausgesprochen werden die namen so na wi möglich an der originalaussprache, oder doitsch, also wi ein doitsher es ausspricht wenn er nich weiss bzw nich wissen will, wi man es ausspricht. wi soll jemand in doitshland wissen, wie man die brasilianische stadt xique-xique ausspricht? (zur info: /Sik(i)Sik(i)/, das heisst schickischicki aba das zweite und das vierte I sehr schwach, oft lautlos).

    die deutschen sprecher bemühen sich vielleicht, englishe und französishe namen richtig auszusprechen, o wenigstens das, was ma für richtig halt (das englishe kurz A is nicht wirklich ein /E/ (ä), das englishe kurz U nicht wirklich ein /a/, das english ‚ur‘ or ‚er‘ (purple) nit wirklich en /ö/, usw). vermutli weil man sich in der pflicht füle, namen in disen sprachen richtig auszusprek. bei portugaliano namen aba, vor allem in die fussball, is es a katastrof: entweda werde die namen deutsh aussproken o espanian (zu beispil ‚junior‘ als /xunior/ statt als /Zunior/ (Z wi franciano J in ‚journaliste‘). un klar, ma nenn el EU-chef /ba’rozo/, nit /ba’roz(u)/, ma sage nit /hiu d Za’ner(u)/ sondan /rio de Sa’neiro/, o bestenfalls /rio de Za’nero/. au el espaniano ‚venezuela‘ werd nit /bene’swela/ ausspreket, sondan /venetsu’ela/. klar, einige laute sind difficil zu prononcieren, und man kann von keinem sprecher verlangen dass er die wildesten laute korrekt prononciert, aba bei anderen hat man sich simple nicht informiert. ‚Barroso‘ als /ba’rozu/ zu prononcieren wär wahrlich keine kunst, ‚venezuela‘ mit a sharfen S genauso wenig – wer kein probleem wenn der sprecher alles deutsh ausspricht, aba da gebt es imma dise discrimination contra plus mini linguas…

    • Ich kann nicht behaupten, alles verstanden zu haben, fühle mich aber angemessen geehrt, dass hier ein in Deutschland lebender brasilianischer Schriftsteller kommentiert (dies als kleiner Hinweis für alle, die mit dem Namen Zé do Rock nichts anfangen können). Danke dafür!

      • ja, manchmal übertreib ich ein bisschen mit meiner sprachakrobatik… ma lu vou bin encora plu mau if i scrivau in main europan! (es wär noch schlimmer wenn ich in meinem europano schreiben würde…)

        eigentlich is der titel „typisch deutsche sprachverwirrung“ nich richtig zutreffend, da die sprachverwirrung bei geografischen namen in allen sprachen (wenigstens in denen, die ich kenne) grosz is. nur, in der deutschen sprache fällt es eher auf, da sowohl deutsche wie nichtdeutsche von dieser sprache behaupten, sie is sehr präzis. aber für die retorik passt der titel schon…

  26. Da haben es die Eidgenossen wieder einmal gut. Für jede Stadt haben die drei Namen: Es heisst deutsch Luzern, frz. Lausanne und ital. Lugano…

  27. Hinter der Neigung, ausländische Namen (ob von Menschen oder von Orten) original auszusprechen, steckt wahrscheinlich zweierlei: Einerseits eine gewisse Zurückhaltung (vor allem nach 45 verständlich), anderen die eigene Sprache aufzudrücken, andererseits vielleicht auch der Drang, zu beweisen, wie sprachgewandt man ist.

    Mit dem Aufkommen der polnischen unabhängigen Gewerkschaft „Solidarność“ (richtig so?) samt ihres Vorsitzenden wurde die korrekte Aussprache zu einer Art Volkssport (oder Quizsendung).

    Da ich an einer der historisch einstmals empfindlichen Sprachgrenzen aufgewachsen bin, habe ich mir einen gewissen Pragmatismus angewöhnt: Wenn es einen eingebürgerten deutschen Namen für einen Ort gibt, benutze ich ihn, wenn ich deutsch spreche. Also Warschau, Lüttich, Rom, Kopenhagen, Jerusalem… (Das gleiche gilt für die Fremdsprachen, die ich spreche: Warsaw, [öh: Liège], Rome, Copenhagen, Jerusalem…)

    Wenn es so einen Namen nicht gibt, benutze ich den in der Landessprache, und bemühe mich, bei der Aussprache einen guten Kompromiss zwischen der Landessprache (sofern ich überhaupt einen Schimmer davon habe) und den Erwartungen meiner Gesprächspartner zu erreichen. Das Hauptziel ist die Verständlichkeit… Sonst geht es mir wie bei IKEA, wo mich keiner versteht, wenn ich die Produktbezeichnungen Schwedisch ausspreche 😉

  28. Es ist falsch, dass man sich im Deutschen möglichst nah and die Originalaussprache hält. Es liegt nur an der Geschichte. Kleinere, unbekannte Orte wird man heutzutage beibehalten. Aber wenn man schon Italienisch als Beispiel angibt, sollte man auch die Gegenseite betrachten. Die meisten italienischen Regionen und Städte haben deutsche Namen. Und viele Laute gibt es in anderen Sprachen nicht. Deshalb ist es für Deutsche leichter als andersherum. Warum sollte man es nicht original aussprechen, wenn es die deutsche Zunge hinbekommt?

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