Nürburgring-Pleite: Eigentum ist nicht gleich Betrieb (Update 20.7.)

Nürburgring 2004
Der Nürburgring (im Vordergrund ein Teil der Grand-Prix-Strecke, hinten ein kleines Stück der Nordschleife) sieht wegen enormer Schulden einer ungewissen Zukunft entgegen. (Foto: W. Messer/Archiv 2004)

An diesem Mittwoch musste der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) zugeben, was tags zuvor noch dementiert worden war: Die zu 90% in Landesbesitz befindliche “Nürburgring GmbH” wird voraussichtlich wegen teilweise dubioser Schulden von über 330 Millionen Euro (Insider sprechen sogar von mehr als 410 Millionen) eine Vollbremsung hinlegen und Insolvenz beantragen (hat sie dann auch bereits am Freitag getan, siehe Update unten). Die “Süddeutsche Zeitung” meldete das am Abend in ihrem Online-Angebot unter der Schlagzeile “Becks bittere Wahrheit” mit diesen Einstiegssätzen:

Ministerpräsident Kurt Beck und Rheinland-Pfalz haben in die Traditionsrennstrecke Nürburgring Millionen gepumpt. Jetzt ist die Betreibergesellschaft pleite. Und schuld soll die EU sein. … Bis vor wenigen Tagen sei man noch davon ausgegangen, dass das im Mai beantragte Überbrückungsdarlehen von 13 Millionen Euro für die Betreiber des Nürburgrings genehmigt werde.

Da hat’s die “SZ” leider aus der Kurve getragen. Die Betreibergesellschaft ist nämlich seit dem 2. Mai 2010 nicht mehr die “Nürburgring GmbH”, sondern die damals neu gegründete, private “Nürburgring Automotive GmbH”, kurz NAG. Sie betreibt auch die offizielle Webpräsenz www.nuerburgring.de. Ihr wurde zwar von der Nürburgring GmbH bereits im Februar 2012 wegen ausstehender Pachtzahlungen (was die NAG bestreitet) gekündigt, sie darf aber nach einer aktuellen Übereinkunft noch bis Ende Oktober die Rennstrecken (Nordschleife, Grand-Prix-Kurs) und die defizitäre, umfangreiche Peripherie samt nicht funktionierender Achterbahn betreiben.

Die Insolvenzkandidatin “Nürburgring GmbH” ist somit seit über zwei Jahren keine Betreiber-, sondern eine reine Eigentümergesellschaft, die den Betrieb an die NAG verpachtet. Nicht “die Betreiber”, wie der “SZ”-Beitrag nahelegt, sondern die Eigentümer hatten das Überbrückungsdarlehen von 13 Millionen Euro für sich beantragt und bisher noch nicht genehmigt bekommen.

Die Betreibergesellschaft NAG wiederum könnte zwar theoretisch wegen Wegfalls der Geschäftsgrundlage und Einnahmen ebenfalls in diesem Jahr insolvent werden, ist es aber nicht. Denkbar wäre durchaus auch eine geordnete Liquidation. Die “Zeit” meldete deshalb in ihrem Internetangebot formal korrekt:

Die Betreibergesellschaft der Rennstrecke, die zwei Firmen aus Düsseldorf gehört, sieht sich von der Pleite zunächst nicht betroffen, wie ein Sprecher sagte.

Diesen Unterschied haben gestern einige Medien nicht so richtig verstanden. Um aber die Verwirrung komplett zu machen, findet sich im oben zitierten Beitrag der “Süddeutschen” einige Zeilen später diese Passage:

Dabei will die Regierung eine unterschriftsreife Einigung zwischen der landeseigenen Nürburgring GmbH und der privaten Betreiberfirma Nürburgring Automotive GmbH (NAG) eingefädelt haben, die nur noch der Zustimmung aus Brüssel bedurft hätte. Weil die NAG keine Pacht gezahlt habe, hätten Besitz und Betrieb an die Nürburgring GmbH zurückfallen sollen, so die Regierung. Daraus werde nun nichts, daher das Insolvenzverfahren einleiten (sic!).

Spätestens jetzt landet ein Laie unter den Lesern vollends in der Auslaufzone: Die NAG ist also im Moment noch die Betreiberfirma? Stimmt. Und sie besitzt auch den Nürburgring? Formal ja – weil jeder Mieter oder Pächter auch Besitzer ist. Eigentümer blieb und bleibt die Nürburgring GmbH (die aber streng genommen zur Zeit keine “Besitzgesellschaft” ist, wie es fast überall berichtet wurde). Okay, und wer will da jetzt Insolvenz anmelden – die Betreibergesellschaft? Oder die “Betreiberfirma” NAG? Gibt’s da überhaupt einen Unterschied? Dreimal nein. Die “bittere Wahrheit” lautet in Wirklichkeit: Pleitekandidat ist die Nürburgring GmbH, der der Nürburgring zwar gehört, den sie aber nicht betreibt.

Update 20.7.: Die Nürburgring GmbH hat bereits an diesem Freitag – früher als erwartet – beim Amtsgericht Bad Neuenahr-Ahrweiler einen Antrag auf Eröffnung einer Insolvenz “in Eigenverwaltung” gestellt. Bei einem solchen Verfahren bleibt der Geschäftsführer im Amt, wird aber von einem “Sachwalter” kontrolliert. Wie das Unternehmen am späten Abend mitteilte, betreffe dies auch die Beteiligungsgesellschaften “Motorsport Resort Nürburgring GmbH” und “Congress- und Motorsport Hotel Nürburgring GmbH”.

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