Millionengrab Nürburgring: Das Mahnmal steht schon

12 Millionen Euro sind eigentlich nicht viel Geld heutzutage. Griechenland oder die Hypo Real Estate zum Beispiel könnte man damit höchstens ein paar Minuten lang in Betrieb halten. 12 Millionen Euro können aber auch sehr weh tun – wenn sie aus Steuermitteln kommen und für ein Monument des Größenwahns verbraucht wurden, das bisher keinerlei sinnvolle Funktion erfüllt und stattdessen immer mehr Geld verschlingt.

Die schnellste Achterbahn der Welt sollte er 2009 werden, der “ring°racer” an der Zielgerade des Nürburgrings in der Eifel. Bis heute gab es jedoch nur diverse Pannen, einige Test- und Demonstrationsläufe in moderatem Tempo und negative Schlagzeilen. Wann der reguläre Betrieb startet, ist nach einem lautstarken Zwischenfall im Mai wieder völlig offen: Vielleicht in diesem Jahr, vielleicht im nächsten, möglicherweise aber auch nie.

Nürburgring Ring-Racer
Könnte bald den Wikipedia-Artikel „Investitionsruine“ bebildern: Der „ring°racer“. (Foto: Pitlane02@Wikimedia Commons, Lizenz: GNU)

Die Finanzierungs- und Kommunikationswege des „ring°racer“ sind ähnlich verschlungen wie die Trasse der Achterbahn oder die des gesamten Projekts „Nürburgring 2009“. Eigentümer ist die Nürburgring GmbH, die wiederum zu 90 Prozent dem Land Rheinland-Pfalz und zu 10 Prozent dem Kreis Ahrweiler gehört. Betrieben wird der „ring°racer“ (wie auch die Rennstrecke samt Infrastruktur und Freizeitanlagen) jedoch von der „Nürburgring Automotive GmbH“ (kurz NAG). Sie gab auch alle Pressemitteilungen zum Achterbahn-Debakel ab.

So erklärte die NAG nach der Panne im Mai zuerst, der Startschlitten sei testweise mit sehr hoher Geschwindigkeit abgeschossen worden und anschließend planmäßig in die Bremsvorrichtung eingeschlagen. Im Normalbetrieb werde eine solche Beschleunigung nicht erreicht. Am 8. Juni jedoch schrieb das rheinland-pfälzische Innenministerium in der Antwort auf eine kleine Anfrage von zwei CDU-MdLs:

Am 14. Mai 2011 kam es während der Testläufe zur Inbetriebnahme des Ring°Racer am Nürburgring durch den Hersteller S&S zu einer Betriebsstörung an der pneumatischen Beschleunigungsanlage. Die Testläufe wurden daraufhin unterbrochen. Die Nürburgring GmbH hat unverzüglich den TÜV Süd beauftragt, die Ursachen der Betriebsstörung zu ermitteln und etwa erforderliche Maßnahmen vorzuschlagen.

Vor diesem Hintergrund beantworte ich die Kleine Anfrage nach dem bisherigen Erkenntnisstand der Nürburgring GmbH wie folgt:

Nach Angaben des TÜV Süd resultierte die Betriebsstörung im Wesentlichen aus einem mit einer nicht aktuellen Programmversion der Steuerungssoftware durchgeführten Testlauf. Die Betriebsstörung führte zu einer Beschädigung einzelner Teile der Anlage. Die für die Schadensbehebung notwendigen Maßnahmen werden derzeit geprüft.

Zweierlei fällt auf: Der „Testlauf“ verlief offenbar wegen einer falschen Software irregulär, und es war die Nürburgring GmbH, die sich um das Debakel kümmerte und das vorläufige Urteil des TÜV Süd dem Ministerium mitteilte, nicht der Betreiber NAG (das hat die Koblenzer „Rhein-Zeitung“ offenbar falsch interpretiert). SPD-Innenminister Roger Lewentz erwähnte jedenfalls in seiner Antwort auf die CDU-Anfrage den Nürburgring-Pächter und -Betreiber NAG mit keinem Wort.

Eine Pressemitteilung zu dieser Anfrage gab es weder von der Nürburgring GmbH noch von der NAG. Wieso sollte auch der Steuerzahler darüber informiert werden, warum und wie sein Geld mit einem Knall verpufft? Soll er doch dumm sterben. Stattdessen entpuppt sich das offizielle Pannen-Fazit der NAG vom 17. Mai …

Das Ergebnis ist eigentlich eine Erfolgsmeldung. Alle Bremsen haben gegriffen.

… im Nachhinein mindestens als PR-Euphemismus bis hin zur Verdrehung der Realität. Was ursprünglich als eine High-Tech-Sensation gedacht war, die auch außerhalb der Rennveranstaltungen tausende Besucher an den Nürburgring locken sollte, ist inzwischen zum weithin sichtbaren Mahnmal für ein Millionengrab geworden.

Ungeachtet dieser Pannenserie und Kommunikations-Desaster rund um den „Ring, der nie gelungen“ wurde die schnellste Achterbahn der Welt übrigens schon im November 2010 völlig problemlos eröffnet. Sie steht allerdings nicht am Nürburgring und heißt auch nicht „ring°racer“, sondern schmückt die „Ferrari World“ in Abu Dhabi und nennt sich Formula Rossa. Mit einem Spitzentempo von 240 km/h ist sie exakt 23 km/h schneller als der „ring°racer“ je sein sollte.

(Disclaimer: Einige Informationen und Hinweise zu diesem Beitrag habe ich den Nürburgring-Kennern Mike Frison und Wilhelm Hahne zu verdanken)

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2 Gedanken zu „Millionengrab Nürburgring: Das Mahnmal steht schon

  1. Schade, dass der Ring sich so schwer tut und nicht einmal Fehler eingestehen kann. Da bekommt der beliebte Rennsport und Festival Grand Prix doch schon einen ganz schön großen Imagekratzer.

Kommentare sind geschlossen.