Auto-Nostalgie

Rund 20 Jahre ist es her, dass Toyota zu Ehren des spanischen Rallye-Weltmeisters ein besonders leistungsstarkes Celica-Sondermodell namens Carlos Sainz anbot. Etwas später hatte ich so ein Turbo-Allrad-Geschoss als Gebrauchtwagen und wurde zum besten Freund des Tankwarts. Die Formensprache von damals lebt zumindest ansatzweise in einem aktuellen Toyota-Modell weiter – der horrende Benzinverbrauch glücklicherweise nicht.

Celica "Carlos Sainz"
Mein damaliger „Carlos Sainz“ – Coupé-Chic der 1990er Jahre mit leichten Rundungen, kleinem Heckspoiler und 208 Turbo-PS. (Fotos: W. Messer)

GT86 Seite 2
Der Toyota GT86 heute: Jede Menge Styling-Zitate aus dem vergangenen Jahrhundert mit modernem 200-PS-Boxer-Saugmotor.

Permanenter Allradantrieb, 2-Liter-Turbo-Reihenvierzylinder, Rallye-taugliche, relativ weiche Fahrwerksabstimmung und versoffen wie ein vollzähliger irischer Pub-Stammtisch: So interpretierte Toyota vor gut zwei Jahrzehnten die sportliche Mittelklasse. Von 0 auf 100 in rund 7 Sekunden, Spitzentempo laut Tacho gut 240 km/h – wer „Reisbrenner“ nicht von vornherein verschmähte, hatte seinen Spaß an der Spitzen-Celica aus der 5. Modellgeneration.

Die Schlagzeile „Auto-Nostalgie“ hier drüber ist durchaus doppeldeutig zu verstehen: Es geht natürlich um Automobile, aber auch um Selbstreflektion der Erinnerungen. 1994 bekam ich vom Toyota-Händler ein gebrauchtes „Carlos Sainz“-Sondermodell, das fast 10 Prozent schneller lief als der Prospekt versprach. Das erfreut natürlich erstmal. Allerdings nur bis zu den ersten, sehr frühen Tankstopps. Wie – noch nicht mal 300 km Reichweite mit einer Tankfüllung? Mit Spitzenwerten von fast 30 Liter Super auf 100 Kilometer?

Da lag die Vermutung nahe, dass der Vorbesitzer mittels „Chip-Tuning“ ein wenig nachgeholfen hatte. Bei Turbo-Motoren geht das relativ einfach über einen höheren Ladedruck, schlägt aber enorm auf Lebensdauer und Genügsamkeit der Antriebseinheit. Das Auto ging also zurück zum Händler und meldete sich nach kurzer Zeit gezähmt zurück: Etwas langsamer und sparsamer, aber immer noch flott genug.

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„Schön“ ist anders

Okay, eine klassische Schönheit war diese Celica nicht, die kleinen Serienräder sahen etwas verloren aus unter den Kotflügelverbreiterungen und bei mehr als 200 km/h auf der Autobahn fühlte sich die Fuhre ziemlich schwammig an. Aber dafür ging’s in jeder Kiesgrube und auf manchem Feldweg der Region wundervoll quer und ohne Traktionsprobleme zur Sache. „ESP“ war vor 20 Jahren ohnehin noch ein Fremdwort.

Schneereiche Winter in der Schwarzwald-Halbhöhenlage? Herrlich! Die meisten anderen Verkehrsteilnehmer schienen im Vergleich wie Pylonen auf einer Slalomstrecke still zu stehen und kamen sich wohl vor wie in der Kurzparkzone, wenn der schneeweiße Blitz durch die Flockenauflage pflügte und links vorbei schoss.

Diese Erinnerungen blieben hängen, auch als der Wagen nach gut drei Jahren weiterverkauft und durch einen Honda-„Rice burner“ ersetzt worden war. 16 Jahre lang hatte ich danach keinen Toyota mehr im Fuhrpark – bis zu diesem Frühling (der eigentlich keiner ist, klar).

„Flashback“ im Unterbewusstsein?

Auf irgend einer Meta-Ebene muss sich vergangenen Herbst das neueste Sportwägelchen des Konzerns mit meinen gespeicherten Fragmenten aus der Celica-Zeit verknüpft haben: Der GT86 und sein fast baugleiches Pendant „Subaru BRZ“ haben ähnlich rundliche, etwas aus der Zeit gefallene Formen, verstehen sich als Fahrmaschinen ohne großartigen Technik-Schnickschnack und können einer bestimmten, seltsamen Sorte von Menschen innerhalb weniger Minuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern:


Sonne und trockene Straßen beim Test des Toyota GT86-Schwestermodells Subaru BRZ. „Wann regnet’s denn hier endlich? Scheißwetter hier in … äh … Spanien, Italien … äh … Frankreich!“ mosert Rennfahrer Tim Schrick.

Dabei gibt’s weitaus mehr technische Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen 2010er-Jahre-GT86 und 1990er-Jahre-Celica: Hinterrad- statt Allradantrieb, Saugmotor statt Turbo, eher Zwei- als „2+2“-Sitzer, tief liegender, leichter, knackiger Asphalträuber statt hochbeiniges, etwas übergewichtiges, weiches Rallye-Tier mit elend langen Federwegen. Die Fahrleistungen sind zwar vergleichbar, werden aber fast doppelt so effizient erzielt. Unter 8 Liter Super plus auf 100 km sind möglich, rund 11 Liter bei zügigem Mischbetrieb realistisch und über 15 Liter allenfalls auf der Rennstrecke oder bei Autobahn-Dauervollgas erreichbar.

Toyota AE86
Beliebtes Tuning-Objekt: Die Corolla-Baureihe AE86 – hier als Modell „Sprinter Trueno“. (Foto: Motohide Miwa@Wikimedia Commons, Lizenz: CC by 2.0)

In der offiziellen Ahnengalerie des „GT86“ taucht die 5. Celica-Generation nicht auf. Namensgeber und Konzeptvorlage ist die als „AE86“ bekannt gewordene Corolla-Version aus den 1980ern mit bis zu 130 serienmäßigen PS – auch schon ein sehr leichtes, Drift-freudiges Gerät mit Hinterradantrieb. Beim Styling nahmen die Toyota-Designer vor allem bei den eigenen Coupé-Ikonen aus den 1960ern Maß: „Sports 800“ und „2000GT“. Letzterer war als Cabrio-Version im James-Bond-Streifen „Man lebt nur zweimal“ zu sehen, hatte ebenfalls einen 2-Liter-Sauger unter der Haube und Heckantrieb. Trotz seiner nur 150 PS war er kaum langsamer als der GT86 heute.

Toyota 2000GT
Coupé-Mode der 1960er: Toyota 2000GT mit einem von Suzuki entwickelten Sechszylinder-Reihenmotor unter der langen Haube. (Foto: Mytho88@Wikimedia Commons, Lizenz: GNU)

Ein wenig hatte Toyota damals schon abgekupfert – beim Jaguar E-Type mit seiner unendlich langen Fronthaube. Dessen erste Version ist exakt mein Jahrgang und gehört zu meinen Allzeit-Auto-Favoriten – natürlich nur mit Speichenrädern. Bis zum „GT86“ hat sich vom Jaguar-Styling allerdings nicht viel über das gute halbe Jahrhundert gerettet – höchstens als kleine Ahnung am Horizont.

Jaguar E-type
Design-Ikone: Jaguar E-Type mit Speichenrädern. (Foto: Luc106@Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Für mich persönlich steckt bei der Gestaltung des „GT86“ – auch im Innenraum – viel eher 1990er-Jahre-Feeling drin. Die alte Celica lässt grüßen; und auch mein Tankwart verdrückt ein wehmütiges Tränchen bei der Erinnerung an die Jahre, in denen wir uns viel öfter sahen als heute.

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