Nachgehakt: Katz Ueno und seine YokosoNews (Update 27.10.)

Kurz nach dem Erdbeben- und Tsunami-Desaster in Japan habe ich hier ein paar Zeilen über Katsuyuki (”Katz”) Ueno und sein „Ein-Mann-Katastrophen-Social-Media-TV“ YokosoNews geschrieben – angeregt durch einen Twitter-Hinweis von Mario Sixtus. Der Blogeintrag wurde – auch mit Hilfe von Bildblog – auf verschiedenen Kanälen weit verbreitet; parallel dazu gab es aber auch weltweit weitere Berichte über den jungen Japaner, der zusammen mit einigen Helfern versuchte, einer äußerst unübersichtlichen Nachrichtenlage medial Herr zu werden.

AlJazeera/Katz Ueno
Katz Ueno beim Skype-Interview in der AlJazeera-Pilotsendung „The Stream“ (ab ca. 9 min.)

Rund einen Monat lang lieferte Ueno täglich über UStream in englischer Sprache zahlreiche Stunden non-profit-Live-Internet-TV aus seinem kleinen Studio in Yokkaichi – mit allen Aspekten zu den Zerstörungen, Nachbeben, zeitweiligen landesweiten Stromsperren und der zunehmend kritischen Lage in den Atomkraftwerken der betroffenen Region. Die Sendungen begannen meist am Abend (japanischer Zeit) und endeten erst am Morgen oder Vormittag. Vor allem in den ersten Tagen nach der Katastrophe konnten das durchaus auch mal 15 Stunden am Stück sein.

Bis zum 11. April hielt Ueno diesen Sendemarathon durch, seither gibt es nur noch ein Mal wöchentlich Zusammenfassungen der Ereignisse, zumal sich die Nachrichtenlage nicht mehr täglich entscheidend ändert. Dazu darf man nicht vergessen, dass Katz seine YokosoNews hauptsächlich als Werbeplattform gegründet hatte, um mit Video-Beiträgen die landschaftlichen und kulinarischen Reize Japans in englischer Sprache zu vermitteln, damit den Tourismus zu fördern und Umsatz für seine Kunden zu generieren. Genau das macht er jetzt auch wieder, damit verdient er sein Geld.

Bei der Planung des Angebots und der Einrichtung des Studios hatte Katz aber von Anfang an die Möglichkeit eines „Breaking News„-Services eingeplant;  Ueno hatte acht Jahre lang in den USA gelebt, dort auch 2005 die katastrophalen Folgen und mangelhafte Arbeit der US-Regierung nach dem Hurricane Katrina mitbekommen. Das war laut Ueno der Auslöser für die sekundäre Auslegung seines späteren YokosoNews-Studios in Yokkaichi für eventuelle Katastrophen. Ursprünglich dachte er dabei zum Beispiel an ein schweres Erdbeben im Raum Tokio, das sein weit entferntes Domizil nicht oder kaum betroffen hätte.

Kulturell steht Katz Ueno zwischen zwei Welten – er ist einerseits durchaus patriotischer Japaner, andererseits deutlich kritischer gegenüber den dortigen Autoritäten als die Mehrzahl seiner Landsleute. Seine Art der Berichterstattung war weniger wertend als die westlicher Journalisten, aber auch nicht so unreflektiert wie die des Staatssenders NHK; er versuchte eher als Chronologist mit seinen Zuarbeitern, die auf japanisch vorliegenden Originalquellen zu komprimieren und ins Englische zu übersetzen – ergänzt durch persönliche Anmerkungen auf Grund seiner Kenntnis des Landes.

Zielgruppe waren also nicht die Japaner selbst (obwohl es auch japanische Zuschauer beim Stream gibt), sondern Ausländer in Japan und Interessierte weltweit – genau jene, die er auch mit seinem regulären kommerziellen YokosoNews-Angebot erreichen will. Meinungen überließ er weitgehend seinen Zuschauern, statt sie selbst vorzugeben.

Katz‘ „Katastrophen-TV“ war vor allem in den ersten Wochen nur mit enormem Einsatz und der Hilfe einiger freiwilliger Helfer zu stemmen, fand aber schnell eine riesige Resonanz weltweit. Für viele Zuschauer war Katz eine Art „Held“, dem man mehr Glaubwürdigkeit zugestand als den traditionellen Medien in Japan oder des jeweiligen Heimatlandes. Vorbildlich war dabei auch seine Einbindung der sozialen Netzwerke und des UStream-Live-Chats in seine Berichterstattung. Schnell eingeflogene westliche Reporter glänzten ja manchmal wegen des Zeitdrucks, der oberflächlichen Arbeitsweise und der mangelnden Vernetzung im Land nicht immer mit fundierten Erkenntnissen (gilt leider auch für die ARD, die ihr Studio auch noch weitgehend grundlos von Tokio nach Osaka verlegte).

Auch persönlich war es für Katz sicher erheblich schwerer, über die Ereignisse zu berichten. Er ist Japaner, lebt in Japan und wird dort auch bleiben, während die Meute der „rasenden Katastrophen-Reporter“ schon längst wieder weg ist. Ich weiß noch, wie ich – selbst als Radio-Profi – ziemlich „neben der Spur“ war, als mitten in der Nacht die Wände wackelten und ich per Telefon live in SWR 1 über ein Erdbeben hier am Oberrhein berichtete. Und das war mit Magnitude 5,4 harmlos im Vergleich zu dem, was Japan seit dem 11. März fast täglich an Beben erlebt.

Katz‘ Heimat ist für lange Zeit schwer getroffen. Das muss man erstmal emotional verkraften. Stellen Sie sich vor, Sie müssten als SWR-Reporter aus Karlsruhe über eine AKW-Katastrophe in Philippsburg berichten, bei der hunderte Anwohner verstrahlt wurden. Das dürfte Ihnen deutlich mehr an die Nieren gehen als ein GAU, der mehrere tausend Kilometer entfernt passiert ist.

Uenos Leistung war vorbildlich und sollte meines Erachtens durchaus mit dem einen oder anderen Medienpreis gewürdigt werden. Nach mir vorliegenden (internen) Informationen gibt es dafür auch konkrete Anzeichen.

Update 27.10.: Jetzt kann ich ja verraten, dass Ueno in der Shortlist für den „Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien 2011“ (kurz auch „Leipziger Medienpreis“) war. Die mit der Auswahlrecherche befasste Medienstiftung bat mich bereits im April um eine Beschreibung und Bewertung der Arbeit des Japaners. Leider blieb meine ausführliche Expertise aber letztlich folgenlos – angesichts der hochkarätigen „Konkurrenz“ aus Russland, Tunesien und Deutschland, die sich diesen Monat den Preis teilen konnte. Ueno wird’s verschmerzen können.

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