Spanien-Milliardenhilfen teils für Formel 1 und Ferrari? (Update)

Heute Nachmittag hat der Bundestag mehrheitlich den Milliardenhilfen für spanische Banken zugestimmt. Aber nicht allen Finanzinstituten auf der iberischen Halbinsel scheint es schlecht zu gehen – zu besichtigen bei der Formel 1 am Hockenheimring.

F1-Plakat Hockenheim 2012
Plakat/Banner-Ausschnitt der Hockenheim-Ring GmbH, man beachte die Nennung des Hauptsponsors “Banco Santander” in der Dachzeile.

Spanische Banken profilieren sich schon seit Jahren als eifrige Motorsport-Sponsor. Darüber könnte ich als Motorsportfreund und ehemaliger Hobby-Rennfahrer eigentlich nicht meckern. Wenn allerdings unter anderem dieses Sponsoring offensichtlich die realen finanziellen Möglichkeiten einer Bank weit übersteigt, weil sie völlig marode ist und ohne Milliardenhilfen der EU den Laden dichtmachen müsste (das betrifft nach offiziellen Angaben nicht Santander, siehe Update unten), dann darf man sich schon mal fragen, wo das Geld eigentlich genau landet.

Seit 2007 bezahlt etwa Santander jährlich eine unbekannte Millionensumme an den Formel-1-Zirkus von Bernie Ecclestone, tritt als Hauptsponsor einzelner Rennen auf (wie an diesem Wochenende bei “Großen Preis Santander von Deutschland”), dazu sponsorte die Bank das Team “Vodafone McLaren Mercedes “, seit 2009 darf sich der Ferrari-Formel-1-Rennstall über Werbegelder freuen. Der entsprechende Vertrag wurde erst im Februar bis 2017 verlängert.

Rund 70 Prozent der “Santander”-Aktien sind in der Hand von Kleinanlegern, die zusammen mit den kleinen Kontoinhabern schon seit Monaten keine ruhige Zeit mehr haben und um ihr Erspartes bangen müssen. Sie dürften wohl kaum Verständnis dafür haben, dass ihre Bank immer noch direkt oder indirekt Unternehmen und Magnaten, die nicht gerade unter Armutsverdacht stehen, Geld in den Allerwertesten bläst.

Die in Schieflage geratene “Bankia” war bisher eher als Sponsor bei den Zweiradsportlern vertreten, musste aber diesen Monat die Reißlinie ziehen und als Hauptfinanzier des Moto3-GP-Teams “Aspar” aussteigen. Diese Entscheidung konnte allerdings direkt die spanische Regierung veranlassen, weil die “Bankia” im Mai verstaatlicht worden war. Dass auch andere notleidende spanische Banken und Sparkassen (wie die “Caixa de Catalunya”) traditionell Motorsport-Sponsoren sind, sei hier nur mal am Rand erwähnt, weil eine ausführliche Aufzählung schier endlos wäre.

Heute ging es also de facto um 100 Milliarden Euro für spanische Banken aus dem europäischen “Rettungsfonds” EFSF (der deutsche Anteil liegt bei rund 29 Milliarden). Es würde mich nicht wundern, wenn sich auch Bernie Ecclestone und “Scuderia Ferrari”-Teamchef Stefano Domenicali sehr darüber freuen, dass der deutsche Bundestag die Hilfe am späten Nachmittag mit 473 Ja-, 97 Nein-Stimmen und 13 Enthaltungen gebilligt hat.

Update 23.7.: Heute schrieb mir Alicia Santa Maria, Pressereferentin der “Santander Consumer Bank AG” in Deutschland, zu diesem Beitrag einige Richtigstellungen und Anmerkungen. So sei die Muttergesellschaft “Banco Santander S.A.” – im Gegensatz zu anderen spanischen Finanzinstituten – eine der wenigen europäischen Banken, die im Zuge der Finanzkrise auf öffentliche Finanzhilfe verzichteten und diese Hilfe auch in Zukunft nicht benötigten. Das hätten auch der Internationale Währungsfonds und die „Stresstests“ der unabhängigen Unternehmensberatungen Oliver Wyman und Roland Berger bestätigt. Die im Beitrag gemachten Äußerungen erweckten daher ein falsches Bild.

Banco Santander sei eine international tätige Bank mit einer starken Präsenz in zehn Kernmärkten, darunter Deutschland, Großbritannien, Brasilien und den USA. Gemäß den Kriterien der europäischen Bankenaufsicht sei Santander eine der solidesten und solventesten Banken in Europa und habe weltweit über 100 Millionen Kunden, die in knapp 15.000 Filialen betreut würden. Somit verfüge Santander über das größte globale Filialnetz einer international tätigen Bank.

Die “Santander Consumer Bank AG” wiederum sei ein deutsches Finanzinstitut nach deutschem Recht, das seit über 50 Jahren in Deutschland tätig sei und deren Kundeneinlagen durch ein zweistufiges Einlagensicherungssystem gesichert seien: Über die Mitgliedschaft bei der “Entschädigungseinrichtung deutscher Banken GmbH” (EdB) seien die Einlagen bis zu einer Höhe von maximal 100.000 Euro pro Kunde geschützt. Zusätzlich sei Santander in Deutschland Mitglied im Einlagenfonds deutscher Banken e.V.. Das bedeute, dass alle Einlagen, die nicht über die gesetzliche Sicherungseinrichtung (EdB) abgedeckt würden, durch den Einlagensicherungsfonds geschützt seien – aktuell in Höhe von über 459 Millionen Euro pro Kunde. Geschützt seien dabei alle Guthaben von Privatpersonen, Wirtschaftsunternehmen und öffentlichen Stellen.

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Nürburgring-Pleite: Eigentum ist nicht gleich Betrieb (Update 20.7.)

Nürburgring 2004
Der Nürburgring (im Vordergrund ein Teil der Grand-Prix-Strecke, hinten ein kleines Stück der Nordschleife) sieht wegen enormer Schulden einer ungewissen Zukunft entgegen. (Foto: W. Messer/Archiv 2004)

An diesem Mittwoch musste der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) zugeben, was tags zuvor noch dementiert worden war: Die zu 90% in Landesbesitz befindliche “Nürburgring GmbH” wird voraussichtlich wegen teilweise dubioser Schulden von über 330 Millionen Euro (Insider sprechen sogar von mehr als 410 Millionen) eine Vollbremsung hinlegen und Insolvenz beantragen (hat sie dann auch bereits am Freitag getan, siehe Update unten). Die “Süddeutsche Zeitung” meldete das am Abend in ihrem Online-Angebot unter der Schlagzeile “Becks bittere Wahrheit” mit diesen Einstiegssätzen:

Ministerpräsident Kurt Beck und Rheinland-Pfalz haben in die Traditionsrennstrecke Nürburgring Millionen gepumpt. Jetzt ist die Betreibergesellschaft pleite. Und schuld soll die EU sein. … Bis vor wenigen Tagen sei man noch davon ausgegangen, dass das im Mai beantragte Überbrückungsdarlehen von 13 Millionen Euro für die Betreiber des Nürburgrings genehmigt werde.

Da hat’s die “SZ” leider aus der Kurve getragen. Die Betreibergesellschaft ist nämlich seit dem 2. Mai 2010 nicht mehr die “Nürburgring GmbH”, sondern die damals neu gegründete, private “Nürburgring Automotive GmbH”, kurz NAG. Sie betreibt auch die offizielle Webpräsenz www.nuerburgring.de. Ihr wurde zwar von der Nürburgring GmbH bereits im Februar 2012 wegen ausstehender Pachtzahlungen (was die NAG bestreitet) gekündigt, sie darf aber nach einer aktuellen Übereinkunft noch bis Ende Oktober die Rennstrecken (Nordschleife, Grand-Prix-Kurs) und die defizitäre, umfangreiche Peripherie samt nicht funktionierender Achterbahn betreiben.

Die Insolvenzkandidatin “Nürburgring GmbH” ist somit seit über zwei Jahren keine Betreiber-, sondern eine reine Eigentümergesellschaft, die den Betrieb an die NAG verpachtet. Nicht “die Betreiber”, wie der “SZ”-Beitrag nahelegt, sondern die Eigentümer hatten das Überbrückungsdarlehen von 13 Millionen Euro für sich beantragt und bisher noch nicht genehmigt bekommen.

Die Betreibergesellschaft NAG wiederum könnte zwar theoretisch wegen Wegfalls der Geschäftsgrundlage und Einnahmen ebenfalls in diesem Jahr insolvent werden, ist es aber nicht. Denkbar wäre durchaus auch eine geordnete Liquidation. Die “Zeit” meldete deshalb in ihrem Internetangebot formal korrekt:

Die Betreibergesellschaft der Rennstrecke, die zwei Firmen aus Düsseldorf gehört, sieht sich von der Pleite zunächst nicht betroffen, wie ein Sprecher sagte.

Diesen Unterschied haben gestern einige Medien nicht so richtig verstanden. Um aber die Verwirrung komplett zu machen, findet sich im oben zitierten Beitrag der “Süddeutschen” einige Zeilen später diese Passage:

Dabei will die Regierung eine unterschriftsreife Einigung zwischen der landeseigenen Nürburgring GmbH und der privaten Betreiberfirma Nürburgring Automotive GmbH (NAG) eingefädelt haben, die nur noch der Zustimmung aus Brüssel bedurft hätte. Weil die NAG keine Pacht gezahlt habe, hätten Besitz und Betrieb an die Nürburgring GmbH zurückfallen sollen, so die Regierung. Daraus werde nun nichts, daher das Insolvenzverfahren einleiten (sic!).

Spätestens jetzt landet ein Laie unter den Lesern vollends in der Auslaufzone: Die NAG ist also im Moment noch die Betreiberfirma? Stimmt. Und sie besitzt auch den Nürburgring? Formal ja – weil jeder Mieter oder Pächter auch Besitzer ist. Eigentümer blieb und bleibt die Nürburgring GmbH (die aber streng genommen zur Zeit keine “Besitzgesellschaft” ist, wie es fast überall berichtet wurde). Okay, und wer will da jetzt Insolvenz anmelden – die Betreibergesellschaft? Oder die “Betreiberfirma” NAG? Gibt’s da überhaupt einen Unterschied? Dreimal nein. Die “bittere Wahrheit” lautet in Wirklichkeit: Pleitekandidat ist die Nürburgring GmbH, der der Nürburgring zwar gehört, den sie aber nicht betreibt.

Update 20.7.: Die Nürburgring GmbH hat bereits an diesem Freitag – früher als erwartet – beim Amtsgericht Bad Neuenahr-Ahrweiler einen Antrag auf Eröffnung einer Insolvenz “in Eigenverwaltung” gestellt. Bei einem solchen Verfahren bleibt der Geschäftsführer im Amt, wird aber von einem “Sachwalter” kontrolliert. Wie das Unternehmen am späten Abend mitteilte, betreffe dies auch die Beteiligungsgesellschaften “Motorsport Resort Nürburgring GmbH” und “Congress- und Motorsport Hotel Nürburgring GmbH”.

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