dpa dichtet SWR-Fernsehen Traumquote an (Update)

Zahlreiche Zeitungen haben heute ungeprüft eine am Freitagnachmittag gesendete Meldung des „Landesdienst Südwest“ (lsw) der Deutschen Presse-Agentur (dpa) über den SWR gedruckt – online wurde sie natürlich schon gestern weitläufig und gleichlautend verbreitet. Ein Auszug (Hervorhebungen von mir):

Der Südwestrundfunk (SWR) sieht sich mit seinen Radioprogrammen weiterhin als Marktführer. Das öffentlich-rechtliche Angebot erreiche im Schnitt täglich 4,8 Millionen Menschen im Ländle, teilte Walter Klingler von SWR-Medienforschung gestern bei einer Sitzung des Rundfunkrates in Mannheim mit. Dies entspreche fast der Hälfte der Bevölkerung. Der Marktanteil der Gesamtradionutzung liege zurzeit bei 52 Prozent. … Weniger positiv stelle sich die Lage beim Fernsehen dar. Mit 11,3 Prozent Marktanteil sei der SWR deutschlandweit das Schlusslicht bei den dritten ARD-Programmen.

Nun kenne ich (als ehemaliger SWR-Mitarbeiter) Walter Klingler aus mehreren Vorträgen und Sitzungen als sehr kompetenten und exakten Medienforscher, der bisher nicht als Märchenerzähler aufgefallen ist. Gehen Sie deshalb davon aus: Das hat er so sicher nicht gesagt. Das SWR-Fernsehen konnte nämlich weder 2011 noch aktuell einen Marktanteil von 11,3% in seinem Sendegebiet erreichen; bundesweit natürlich schon gar nicht. Die Wahrheit sieht eher so aus:

MA Dritte TV-Programme
(Grafik: MDR)

Der SWR könnte sich also tatsächlich mit dem RBB um die zweifelhafte Ehre streiten, welche Anstalt denn wirklich Schlusslicht bei der Zuschauergunst ist, aber auf weit niedrigerem Niveau als die dpa nahelegt: Die Spanne bei den Marktanteilen bewegt sich in jedem Fall nur zwischen 6 und 7 Prozent und nicht im zweistelligen Bereich.

Auf meine heutige Anfrage beim dpa-Landesdienst Südwest, warum und nach welcher Quelle die Agentur einen völlig anderen Wert verbreitete, wurde mir baldige Aufklärung versprochen. 11,3% wären jedenfalls eine Quote, die beim SWR eine umfassende Champagner-Bestellung auslösen würde und von der selbst Spitzenreiter MDR nur träumen kann. Oder eben die Deutsche Presse-Agentur.

Update 17.30 Uhr: Eine freundliche lsw-Redakteurin rief inzwischen zurück und erklärte mir, dass die Reporterin in Mannheim zwar die Zahl „11,3%“ von Walter Klingler gehört haben wollte – allerdings offensichtlich in einem anderen Zusammenhang. Tatsächlich habe der – am Nachmittag auch vom SWR bestätigte – Durchschnitts-Marktanteil Januar/Februar 2012 im Sendegebiet bei 6,6% gelegen. Gegen 17 Uhr habe die dpa deshalb eine entsprechende Berichtigung gesendet.

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