9/11 aus Kabul

Vermutlich gibt es am nächsten Sonntag kaum eine deutsche TV-Nachrichtensendung, die aus Deutschland moderiert wird. Zum 10. Jahrestag des 11. September 2001 fallen Scharen von Journalisten, Moderatoren und Technikern aus aller Welt in New York ein, um von dort noch einmal das damalige Geschehen Revue passieren zu lassen und die weit reichenden Folgen der Anschläge für die Megastadt, die USA und den Rest der Welt zu beleuchten.

Natürlich widmet auch ARTE den 11. September 2011 „Big Apple“ – ausführlich im TV-Programm mit dem Thementag „New York forever“ ab 9.30 Uhr und schon jetzt im Netz. Die Nachrichtensendung „Journal“ findet als verlängerte Sonderausgabe zwischen 19.45 und 20.15 Uhr statt, allerdings nicht aus New York.

Bereits vor ein paar Tagen hat sich nämlich ein ARTE-Team vom elsässischen Strasbourg aus auf den weiten Weg nach Kabul in Afghanistan (das echte, nicht das „Afghanistan“ in Strasbourg) gemacht, um ein „Journal“ vorzubereiten, das sich in vielerlei Hinsicht von den Nachrichten anderer Sender unterscheiden wird. Natürlich wird auch hier über New York berichtet, der Fokus liegt aber auf der anderen Seite der Welt: Am Hindukusch, wo die Anschläge von al-Qaida geplant wurden und wo auch jetzt noch zahlreiche Staaten mit ihren Soldaten einen verlustreichen Krieg gegen die Taliban und Terroristen jeglicher Couleur führen.

Kabul/Irigoyen
William Irigoyen wird am 11. September das ARTE-„Journal“ live aus Kabul moderieren. (Fotos: ARTE-PR/Joe Burger@Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-sa 2.0

Anders gesagt: ARTE sendet von da, wo es wirklich weh tut, wo derzeit tatsächlich Entscheidendes passiert, und das ist eben nicht in New York. Dort halten sich vor allem die jüngeren Einwohner kaum mit der Rückschau auf 2001 auf – hier wird für die Gegenwart und Zukunft gelebt, nicht für die Vergangenheit. Das Bedürfnis, erneut und in ständiger Wiederholung die Bilder der Anschläge zu sehen, dürfte auch am 11. September 2011 im Rest der (westlichen) Welt deutlich größer sein als in New York selbst.

In Afghanistan dagegen findet sich jede Menge Nachrichtenstoff zu aktuellen Problemen: Die ISAF-Truppen ziehen allmählich ab, wer füllt das folgende Machtvakuum? Gibt es Teile der Taliban, mit denen man verhandeln kann, um das Land nicht komplett zur Beute korrupter und gewalttätiger Politiker, Drogenbarone und Fanatiker werden zu lassen? Hat sich die Lage für die Zivilbevölkerung – vor allem der weiblichen – wirklich verbessert seit dem Eingreifen der NATO am 22. Dezember 2001? Können die westlichen Alliierten nach der für Ende 2014 geplanten Machtübergabe an afghanische Sicherheitskräfte wirklich von einem gewonnenen oder verlorenen Krieg reden oder war der Einsatz von vornherein sinnlos?

Es sind spannende Themen, die am nächsten Sonntag ab 19.45 Uhr im ARTE-„Journal“ behandelt und uns auch die nächsten Jahre noch weltweit beschäftigen werden. Und so ergibt auch die gegen den Strich gebürstete Entscheidung, an diesem Tag keine Sondersendung wie alle anderen zu machen, einen Sinn. Chapeau, liebe Kollegen, und kommt bitte alle heil und gesund aus Kabul zurück!

(Disclaimer: Ich bin ab und zu als Off-Sprecher für ARTE-Produktionen tätig, unter anderem auch für das „Journal“)

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