Sisal-Kratzbäume: Für die Katz‘ oder für den Müll? (Update)

Eine erstaunliche dpa-Meldung geistert seit Mitte Februar durch die Zeitungen und News-Portale: Sisal-Kratzbäume seien für Katzen nicht geeignet, erklärt darin der Offenbacher „Tierarzt für Verhaltenstherapie“ Stephan Gronostay. Grund: Die Krallen könnten beim Kratzen in den kleinen horizontalen Lücken stecken bleiben. Für die Pfoten einer Katze sei eine vertikale Rillenstruktur das Beste. Er rate daher zu Teppichmaterialien oder einem Textilüberzug.

Nun wissen wir langjährigen Katzenhalter aus Erfahrung, dass sich Katzen einen Teufel darum scheren, was unserer Ansicht nach gut für sie ist. Meine ersten Kitties wetzten ihre Krallen an Polstermöbeln, Teppichböden, Rauhfasertapeten und Vorhängen – nichts davon war von mir für diesen Zweck freigegeben worden.

Honda-Katze
Als „Katzenbaum“ musste anfangs fast alles herhalten, was eben so herumstand – zum Beispiel eine Honda XL 250 S. (Fotos: Messer)

Natürlich sah es andererseits auch sehr spektakulär aus, wie die kleinen Racker die Wände bis zur Decke hochklettern und wieder herunter springen oder die Vorhang-Stores als Schaukel benutzen konnten. Im Gegensatz zur Wohnungseinrichtung nahmen die Tiere bei diesen Stunts auch nie Schaden.

Aber man lernt ja mit der Zeit dazu. Inzwischen haben wir in diversen Fachgeschäften und unserer „Fressnapf“-Filiale schon mehrere Katzen-Kratzbäume gekauft; manche sogar raumhoch – und was soll ich Ihnen sagen? Die Dinger haben zu rund 100 Prozent Sisal-umwickelte Stämme. Vor allem Natur-Sisal ist ja nach Angaben der Hersteller ideal für Katzen geeignet.

Ninive, Minka, Mona
„Ninive“ bei einer gnadenlosen Kratzbaum-Attacke (links, vor gut zehn Jahren) und meine beiden ersten „Gardinen-Turner“ Minka und Mona (rechts, vor fast 30 Jahren).

Unglaublicherweise waren unsere Katzen meist der gleichen Meinung wie die menschlichen Experten. Mit Begeisterung malträtierten sie die Sisal-Stämme, bis irgendwann nur noch Fetzen am Stamm hingen und es drumherum nur so von abgewetzten alten Krallenresten wimmelte. Beim Duell „Fellträger gegen Sisalstamm“ blieb letztendlich immer die Katze Sieger, auch wenn sie sich mal kurz mit einer Pfote am Baum festgehakt hatte.

Nie dachte ich daran, dass wir da vielleicht eine falsche Kaufentscheidung getroffen haben könnten, auch wenn es hin und wieder Erfahrungsberichte über Alternativen oder Kritik an der Qualität einiger Kratzbäume gab. Und nun erklärt ein Tierarzt, dass Teppich oder Textilien in jedem Fall besser seien als Sisal? Ähnlich überrascht wäre ich nur noch, wenn mir jemand nachweist, dass Katzen lieber sieben Tage pro Woche im Büro schuften würden statt faul in der Sonne zu liegen.

Katzenbaum
Mein früherer Riesen-Kater „Florian“ beim Ausruhen nach einem anstrengenden Kratzbaum-Test.

Bei so grundlegenden Fragen des Lebens konsultiere ich wegen mangelnder eigener Fachkenntnis gerne Leute, die sich damit richtig gut auskennen müssten. Also zum Beispiel diejenigen, die jedes Jahr mutmaßlich zehntausende Katzenbäume verkaufen – die Experten von „Fressnapf“. Anfang des Monats konfrontierte ich den Kundenservice via Kontaktformular mit der erwähnten dpa-Meldung und bat um Stellungnahme. Und dann kam … nichts.

Nach knapp einer Woche ohne Reaktion reifte in mir der Verdacht, dass bei „Fressnapf“ möglicherweise Katzen-ähnliche Wesen angestellt sind, die artgerecht lieber sieben Tage pro Woche faul in der Sonne liegen statt im Büro zu schuften. Mein Nachfrage per E-Mail brachte dann immerhin diese Antworten:

Ihre E-Mail haben wir soeben erhalten – vielen Dank!
Bitte gedulden Sie sich etwas, in Kürze hören Sie von uns.

Kurz darauf dann die nächste Nachricht:

Ihre E-Mail ist leider noch in Bearbeitung.
Bitte entschuldigen Sie die Verzögerung und jetzt schon vielen Dank für Ihr Verständnis.

Einen Tag später diese Meldung:

Wir haben Ihre Anfrage am 3.05.2011 weitergeleitet an unsere Nebenstelle in Nürnberg. Die Kollegen werden sich mit Ihnen in Verbindung setzten. Gerne können Sie sich auch persönlich nach der Bearbeitung Ihrer Anfrage erkundigen.

Weitere fünf Tage gingen ohne neue Störung ins Land. Heute dann mein letzter Versuch eines Nachhakens – sicherheitshalber gleich an zwei „Fressnapf“-E-Mail-Adressen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

bis heute (10 Tage danach!) habe ich noch keine Nachricht von Ihnen bekommen. Fällt Ihnen zu dem Thema nichts ein oder hat’s Ihnen die Sprache verschlagen? Sind Sie vielleicht gerade dabei, alle Sisal-Produkte auszulisten?

Das wurde – überraschenderweise bereits heute – von einer Abteilung so beantwortet …

Ihre Anfrage vom 03.05.2011 haben wir erhalten. Wir haben diese soeben an die zuständige Fachabteilung weitergeleitet. Die Kollegen dort werden sich schnellstmöglich wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.

… und von einer anderen Abteilung so:

vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir können Ihren Ärger gut nachvollziehen. Wir bitten Sie sich an die Zentrale in Nürnberg zu wenden, da die Kollegen den Fall übernommen haben.

Das ist doch Kundenservice at it’s best: Bevor man eine übereilte Antwort hastig zusammenbastelt, lieber mal zwei Wochen nachdenken. Vielleicht auch zwischendurch mal einen kräftigen „Fressnapf“-Mitarbeiter nach Offenbach schicken, der einem bekannten Veterinär dort wegen Geschäftsschädigung eine Sisal-Schlinge um … – ach nee, das war jetzt wohl zu weit gedacht.

Und schließlich haben wir als Katzenhalter schon rund drei Jahrzehnte lang mehrere Tier-Generationen mit Sisalprodukten versorgt, da kommt’s ja wohl auf eine Woche mehr oder weniger nicht an. Oder wissen Sie vielleicht mehr darüber als der „Fressnapf“-Service und ich? Dann schärfen Sie die Krallen und kratzen es bitte in die Kommentare.

Update 16.05.: „Fressnapf“ hat endlich geantwortet.

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4 Gedanken zu „Sisal-Kratzbäume: Für die Katz‘ oder für den Müll? (Update)

  1. Pingback: Fastvoice-Blog » Blog Archive » Sisal-Kratzbäume: “Fressnapf” gibt Entwarnung

  2. Pingback: Fastvoice-Blog » Blog Archive » Von Äpfeln und Affen (Update 27.6.)

  3. Nun ja.. gibt es nicht bei allen Dingen immer irgendjemanden, der sagt, dass es nicht gut ist?
    Meine Katzen haben seit Jahren immer Kratzbäume, die auch intensiv benutzt werden. Selbst bei meinem 13 Jahre alten Moritz haben mir bereits 2 Tierärzte bestätigt, dass es an den Pfoten und Krallen nichts auszusetzen gibt.

Kommentare sind geschlossen.