Wer gut schmiert, der gut fährt?

In meinem früheren Leben war ich ab und zu auch mal als Teilzeit-Motorjournalist tätig und habe fallweise Autos und Motorräder für gedruckte Medien „getestet“. Dafür muss ich mich eigentlich auch im Nachhinein nicht unbedingt schämen, wohl aber für den grundsätzlichen Irrtum des jahrzehntelang praktizierten Systems, dessen Auswirkungen jetzt in voller Wucht spürbar sind. Kurz gesagt: Die hier vom ARD-Magazin „Panorama“ bereits 1997 dokumentierte systemimmanente Kumpanei zwischen Industrie und Journalisten hat dafür gesorgt, dass sich alle Beteiligten erst die eigenen Taschen vollgemacht und dann in dieselben gelogen haben; immer in der Hoffnung, dass alles so nett und ertragreich bleiben möge wie bisher.

Die Hoffnung hat getrogen: Die deutsche Autoindustrie hat zum Beispiel Entwicklungen wie den Hybrid- und Elektroantrieb verschlafen (Mercedes bringt erst jetzt den ersten Hybridantrieb in einem Serienwagen auf den Markt – mit dem S 400 allerdings ausgerechnet in einem über 85.000 Euro teuren Modell der Luxusklasse; kein Volumenmodell, eher ein Alibiprodukt) und hätte auch ohne die weltweite Rezession massive Absatzprobleme. Das liegt nicht allein an der Verschnarchtheit vieler Vorstandsmitglieder, sondern auch an der Kritiklosigkeit vieler Motorjournalisten, denen der eigene Vorteil wichtiger war als die eigentliche Aufgabe ihres Berufs.

Zugegeben, die Versuchung ist groß: Da werden für Modellpräsentationen selbst „kleine“ Tageszeitungsredakteure in exklusive Schlosshotels oder Traumurlaubsziele eingeladen, dort exquisit bewirtet, teilweise mit kleinen Geschenken verwöhnt, um dann von hochkarätigen Managern das neue Modell in den schönsten Farben geschildert zu bekommen und anschließend einige entspannte Runden auf meist vorgegebenen Strecken zu drehen. Die Geschenkpalette reichte dabei in der Vergangenheit von Schmuck-Pretiosen über teure Unterhaltungselektronik (vorgeblich, um etwa die Präsentations-DVD des Modells abspielen zu können) bis hin zu Gratis-Dienstleistungen, die mir ein Kollege damals als „Dame auf dem Zimmer“ beschrieb. Was da bei solchen zwei- oder dreitägigen Presseterminen nun genau „getestet“ werden sollte, ist mir schleierhaft, das Auto kann’s unter diesen Umständen eher nicht gewesen sein.

Okay, die echten Tests werden nicht bei Präsentationen erarbeitet. Dort entstehen eher die so genannten „Fahrberichte“ (die aber von manchen Medien dann doch der Leserschaft als „Tests“ verkauft werden). Für ausführlichere Begutachtungen stellt die Industrie ein Fahrzeug für etwa zwei Wochen zur Verfügung, das dann tatsächlich vor allem von Fachmedien auf Herz und Nieren geprüft und ausprobiert wird – auch unter Extrembedingungen. Letzteres entfällt allerdings bei Tageszeitungen in der Regel aus Kosten-, Kompetenz- und Kapazitätsgründen, was einige Kollegen aber nicht daran hindert, ihre mit immer knapperem Einkommen kämpfende Leserschaft mit „Tests“ von Supersportwagen zu verblüffen, deren Potenzial sich eher auf der Rennstrecke als im öffentlichen Straßenverkehr erschließt.

Diese Missachtung der Zielgruppe könnten wir ja noch als eine lästige, aber weitgehend harmlose Form der „journalistischen“ Masturbation abtun, die Arbeit der Fachpublikationen allerdings nicht. Eine gut organisierte Presseabteilung eines Auto- oder Motorradanbieters hat immer einen Fuhrpark von speziell vorbereiteten Testwagen, die höchst sorgfältig überprüft und gegebenenfalls nachbearbeitet sind und deren Motorleistung an der oberen Grenze der möglichen Bandbreite liegt. So kommen in den Tests Leistungs-, Verbrauchswerte und Beurteilungen zustande, die häufig im Alltag mit Fahrzeugen vom Händler nicht nachvollziehbar sind. Diese Pressefahrzeuge können übrigens nach einer gewissen Zeit und gründlicher Überholung zu sehr günstigen Konditionen von eben jenen Journalisten gekauft werden, die sie vorher über den grünen Klee gelobt haben.

Wer in den letzten Jahrzehnten seine Informationen über den Stand der Fahrzeugproduktion und -Entwicklung im Hinblick auf eine Zukunft mit immer knapperen Resourcen ausschließlich von „Motorjournalisten“ bezogen hat (und das gilt nicht nur für Deutschland), für den muss eigentlich immer alles in Butter gewesen sein. Und diese rosige Sicht der Dinge hat offenbar auch die Industrie selbst geglaubt – das erinnert an die Realitätsferne des DDR-Regimes in den letzten Jahren seines Bestehens. Die Rache dafür kommt spät, aber sie ist da.

P.S.: Das neueste Beispiel solcher Jubelarien hier von Paul Zitsch auf dem unautodox-Blog. Das Übel nimmt offenbar kein Ende.

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6 Gedanken zu „Wer gut schmiert, der gut fährt?

  1. Als Gelegenheitsleser der Motorpresse erinnere ich mich an einen Leserbrief, der in der prä-Rußpartikelfilterflicht sich gegen den Filter aussprach, da er nur koste, ihm aber im Gegensatz zu einer Klimaanlage keine zusätzliche Leistung böte. (Erinnert an den ADAC, der immer wieder mal ein Recht auf Autofahren ohne Pflichten fordert.)

    Ich frug mich, ob es wirklich ein Leserbrief war oder sich um eine lancierte Meinungsmache handelte, denn der Brief gab wunderschön die Meinung deutscher Autobauer wider. Einige Zeit später wurde der Rußpartikelfilter zur Pflicht und während er in französischen Autos zum Standard gehörte, mussten die deutschen Autobauer die Hosen runterlassen: „Das kommt völlig überraschend, wir sind noch nicht so weit.“ Tja …

  2. Und heutzutage muss ein deutscher „Premium“-Autokonzern mit einem dieser Franzosen kooperieren…honi soit qui mal y pense

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