“Spotify” und die erfundenen 200 GEMA-Millionen

by Wolfgang Messer | 13.3.2012 15:33

Der schwedische Musik-Streaming-Dienst “Spotify”[1] mit “über 10 Millionen aktiven Nutzern und mehr als drei Millionen zahlenden Abonnenten” (Eigenwerbung[2]) hat heute sein Angebot für Deutschland gestartet. Passenderweise kam so am 13. März das 13. “Spotify”-Land dazu.

Noch gibt es allerdings keinen Vertrag mit der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA[3] über die Nutzungsrechte der angebotenen Songs, die GEMA rechnet aber mit einer Einigung. Halten wir also fest: “Spotify” hat offenbar noch nichts an die GEMA bezahlt und hält sich auch zu den laufenden Verhandlungen bedeckt[4], die am 26. März abgeschlossen werden sollen.

Das hinderte aber den Chemnitzer Musikproduzenten Daniel Rosenfeld[5] (bekannt durch seine Sounds für das Computerspiel “Minecraft”[6]) nicht daran, über seinen Twitter-Account[7] mit rund 52.000 Followern diesen Tweet zu verbreiten:

Spotify paid 200 million Euro to the german GEMA. No artist will ever see that money.

— C418 (@C418) März 13, 2012[8]

In kurzer Zeit wurde diese Nachricht von weit über 50 anderen Twitter-Accounts ohne Rückfrage oder Zweifel am Wahrheitsgehalt übernommen (leider auch von Leuten[9], von denen ich’s nicht erwartet hätte) und mehrere Dutzend mal favorisiert. Dass Rosenfeld keine Quelle für seine Behauptung angeben konnte, störte offenbar niemanden. Entsprechende Nachfragen einiger weniger kritischer Twitter-Nutzer schienen Rosenfeld nicht zu interessieren.

Dabei behauptet nicht mal “Spotify” selbst, jemals 200 Millionen Euro an die GEMA überwiesen zu haben. Dieser Betrag ist stattdessen die offiziell genannte Gesamtsumme, die “Spotify” seit Beginn des Dienstes 2008 an Rechteinhaber (z. B. Verwertungsgesellschaften und Labels) in nun 13 Ländern[10] (inklusive Deutschland) gezahlt hat. Die GEMA bekam offiziell noch nichts von diesem Geldsegen.

Rosenfelds offensichtliche Falschmeldung war erwartungsgemäß ein gefundenes Fressen[11] für alle, die schon bei der Diskussion um YouTube[12] die GEMA für eine Ausgeburt der Hölle[13] hielten und ihre Ansicht[14] nun auf’s Vortrefflichste bestätigt sahen[15]. Auch Lügen können also eine wundervolle Windmaschine für “the next big shitstorm” sein – nachprüfbare Fakten sind da meistens störend[16].

Jetzt muss die GEMA allerdings dem schlecht informierten (und möglicherweise auch schlecht bezahlten[17]) Teil ihrer Mitglieder schonend beibringen[18], dass sie im Moment leider keine zusätzlichen 200 Millionen Euro ausschütten kann. Die Chancen dafür stehen auch in Zukunft nicht gut – angesichts der bisherigen “Spotify”-Vergütungen im Zehntel-Cent-Bereich pro Song-Stream[19].

Update 01.11.2016: Der jahrelange Rechtsstreit zwischen YouTube und der GEMA um die Nutzungsrechte von Musikvideos scheint nun überraschend und außergerichtlich beendet worden zu sein[20]. Die Videos sind deshalb ab sofort auch für Nutzer mit deutschen IPs zu sehen. Laut GEMA sichert das Abkommen „den rund 70.000 Komponisten, Textdichtern und Verlegern endlich eine Beteiligung für die Nutzung ihrer geistigen Schöpfungen auf YouTube“. Wie viel YouTube jetzt pro Videoabruf bezahlt, unterliegt allerdings einer Stillschweige-Vereinbarung.

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Links/Quellen:
  1. “Spotify”: http://www.spotify.com/de/start/?utm_source=spotify&utm_medium=web&utm_campaign=start
  2. Eigenwerbung: http://www.hartware.de/press_15557.html
  3. keinen Vertrag mit der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,821043,00.html
  4. zu den laufenden Verhandlungen bedeckt: http://www.br.de/themen/kultur/inhalt/musik/spotify-gema-start100.html
  5. Chemnitzer Musikproduzenten Daniel Rosenfeld: http://c418.org/boringbullshit/impressum.html
  6. seine Sounds für das Computerspiel “Minecraft”: http://de.minecraftwiki.net/wiki/C418
  7. Twitter-Account: https://twitter.com/#!/C418
  8. März 13, 2012: https://twitter.com/C418/status/179521384194654208
  9. von Leuten: https://twitter.com/#!/udovetter
  10. Rechteinhaber (z. B. Verwertungsgesellschaften und Labels) in nun 13 Ländern: http://faz-community.faz.net/blogs/netzwirtschaft-blog/archive/2012/03/13/endlich-musikstreamer-spotify-startet-deutschen-dienst.aspx
  11. ein gefundenes Fressen: http://de-de.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10150604937134372&id=302774409371&comment_id=20977305
  12. bei der Diskussion um YouTube: http://fastvoice.net/2011/11/25/sinnvolles-ist-diesem-sz-beitrag-leider-nicht-verfugbar/
  13. die GEMA für eine Ausgeburt der Hölle: http://fastvoice.net/2011/12/07/sonnenallee-auf-youtube-das-sperrungs-marchen/
  14. ihre Ansicht: https://twitter.com/#!/0l1vR/status/179532484936073216
  15. bestätigt sahen: https://twitter.com/#!/apidya_/status/179530776566710272
  16. nachprüfbare Fakten sind da meistens störend: http://fastvoice.net/2012/01/25/wenn-die-vernunft-kentert/
  17. und möglicherweise auch schlecht bezahlten: http://www.musiker-online.de/Newsdetails.newsdetails.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=267&tx_ttnews%5BbackPid%5D=10&cHash=226c5da554
  18. schonend beibringen: http://de-de.facebook.com/GEMAdialog/posts/326694637386925
  19. im Zehntel-Cent-Bereich pro Song-Stream: http://on3.de/#/element/12940/on3-schaut-bodi-bill-in-die-geldboerse-je-digitaler-desto-aermer
  20. überraschend und außergerichtlich beendet worden zu sein: http://www.heute.de/youtube-und-gema-beenden-streit-musikvideos-nicht-mehr-gesperrt-45805932.html

Source URL: http://fastvoice.net/2012/03/13/spotify-und-die-erfundenen-200-gema-millionen/