„DeutschlandTrend“: Eine Frage der Wahrnehmung

Der ARD-Demoskopie-Spezialist Jörg Schönenborn macht sich heute in einem Beitrag für den „Tagesschau-Blog“ Gedanken über vermeintliche Widersprüche in den „DeutschlandTrend“-Umfrageergebnissen zu Bundespräsident Christian Wulff. 65 Prozent fänden Wulff noch „sympathisch“, aber nur 22% hielten ihn für „glaubwürdig“ und gerade mal 16% für „ehrlich“. Eine der möglichen Erklärungen für dieses kuriosen Differenzen formuliert Schönenborn so:

Das Image unserer Spitzenpolitiker könnte so schlecht sein, dass sich viele Befragte über Wulffs Verhalten gar nicht wundern, sondern es für relativ normal halten. Das wollte ich diese Woche wissen. Deshalb haben wir gefragt: „Glauben Sie, dass sich die meisten Politiker wirtschaftliche Vorteile im Amt sichern oder glauben Sie, dass sich nur eine Minderheit so verhält?“ Das Ergebnis macht schon nachdenklich: 53 Prozent der Befragten glauben, dass sich die meisten Politiker durch ihr Amt wirtschaftliche Vorteile sichern. Ich persönlich glaube das übrigens nicht. Ich bin davon überzeugt, dass der Eindruck, den da eine Mehrheit der Befragten hat, falsch ist.

Da hat Schönenborn sicher Recht. Zum Einen, weil die Mehrheit der Politiker nicht zum „Profi-Lager“ gehört, sondern ihre Arbeit in Ortsverbänden, Kommunal- und Kreisparlamenten weitgehend ehrenamtlich absolviert. „Wirtschaftliche Vorteile“ dürfte es für die eher unbeachtete Ackerei an der politischen Basis sehr selten geben.

Dumm nur, dass sich diese für ein funktionierendes Gemeinwesen unverzichtbaren Menschen plötzlich in einer Stimmungslage wiederfinden, in der eine ganze Gattung unter Generalverdacht steht. Die Frage hätte also besser gelautet: „Glauben Sie, dass sich die meisten Spitzenpolitiker wirtschaftliche Vorteile im Amt sichern?“ Aber selbst dann wäre kein wirklich aussagekräftiges Ergebnis herausgekommen.

Zum Andern gibt es nämlich eine durch die Medien verursachte Wahrnehmungsverschiebung, die man zum Beispiel schon von der Berichterstattung über Kindsmorde und ähnliche Verbrechen her kennt: Ein einziger Fall, über längere Zeit 300fach verbreitet, entfaltet die gleiche Wirkung auf die Öffentlichkeit wie 300 Fälle, über die jeweils nur kurz und singulär berichtet wird. Die mediale Breitseite steigert Einschaltquoten, Auflagen- und Klickzahlen und löst die völlig irrationale Angst aus, womöglich bald selbst zum Opfer zu werden, obwohl die Statistik eindeutig für das Gegenteil spricht.

Analog genügt auch ein „schwarzes Schaf“ unter den Spitzenpolitikern, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass alle Politiker solche Raffzähne sind wie dieser eine böse Bube. Und weil wir in den vergangenen Monaten sogar mehrere solcher Fälle hatte, multipliziert sich dieser Effekt nochmals und entfernt unsere Wahrnehmung meilenweit von der Realität. Von der „Affären“ rund um zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Wulff etc. profitieren deshalb auch nicht die Politiker der Oppositionsparteien. Sie gehören ja selbst zu der in Verruf geratenen Kaste.

Schönenborns Frage im Beitragstitel: „Noch mal Wulff: Sind Politiker alle so?“ kann zwar eindeutig mit „Nein“ beantwortet werden. Das interessiert aber niemanden mehr.

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