Wie ein Blimp zum Zeppelin wurde

Ein toter Pilot, drei in letzter Minute gerettete Passagiere, ein ausgebranntes Luftschiff: Das war die erste Bilanz eines tragischen Unfalls am Abend des Pfingstsonntags im hessischen Reichelsheim (Wetterau). Bis heute ist die Unglücksursache nicht geklärt, oder wie die „Gießener Allgemeine Zeitung“ in ihrer Online-Ausgabe schreibt:

Die Wrackteile des Zeppelins, der am Pfingstsonntag über dem Flugplatz abgestürzt ist, sind jetzt auf dem Weg zur Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig. Dort werden Fachleute weiter nach der Ursache für das tragische Unglück suchen.

Was die BFU-Experten aber schon seit Sonntag wissen: Sie bekommen keine Zeppelin-Wrackteile. Das Luftschiff war nämlich ein Werbe-Blimp des Typs A-60+ von Lightships, der im Auftrag von Goodyear beim „Hessentag“ unterwegs war – ausgerechnet unter dem Namen „Spirit of Safety“.

Goodyear-Blimp
Ein Prallluftschiff dieser Bauart verunglückte am Pfingstsonntag in Hessen. Motor und Tank sind direkt an der Gondel montiert. (Foto: Chris Wood@Wikimedia Commons, Lizenz: cc by-sa 2.0)

Damit reiht sich die „Gießener Allgemeine“ in die lange Liste der Medien ein, die seit dem tödlichen Unfall konsequent und falsch von einem „Zeppelin-Absturz“ oder einem „Zeppelin-Drama“ berichteten – von den „Nachrichtensendern“ N24 und n-tv über „Bild“ und „Welt“ bis zu den WDR-Hörfunknachrichten. Die Assoziationskette „Luftschiff-Zeppelin-Brand-Lakehurst-Katastrophe“ gibt der Story doch gleich eine gesteigerte Dramatik, auch wenn dadurch die Berichterstattung mit verunglückt. Geholfen hat dabei noch nicht einmal, dass die Passagiere Journalisten (darunter ein „Bild“-Fotograf) waren, die eigentlich wissen konnten, mit was sie da in der Luft waren.

Nun mag es sein, dass „Zeppelin“ im allgemeinen Sprachgebrauch zum Gattungsbegriff für Luftschiffe jeglicher Art wurde, korrekt ist es deshalb noch lange nicht. Schließlich unterscheiden sich ein starres (alter Zeppelin wie in Lakehurst) von einem halbstarren Luftschiff (Zeppelin NT) und einem Prallluftschiff ohne Traggerüst (Blimp) derart fundamental, dass Brandkatastrophen wie in Lakehurst und Reichelsheim mit einem modernen Zeppelin NT („Neuer Technologie“) weitgehend ausgeschlossen sind. Immerhin kamen die meisten Publikationen und Sender nach zwei, drei Tagen endlich auf den Trichter.

Auslöser für den Sinneswandel waren aber vermutlich nicht die eigenen Recherchen der Journalisten oder die zahlreichen und vergeblichen Hinweise von Lesern in den Online-Kommentaren, sondern eher die verzweifelten Versuche des Zeppelin-Werks in Friedrichshafen am Bodensee, mit verschiedenen Presse-Statements und Interviews einen weitreichenden Image-Schaden abzuwenden. Schließlich könnten durch die massive Falsch-Berichterstattung sowohl die Flugbuchungen als auch das Neugeschäft mit Zeppelinen nachhaltig und empfindlich gestört werden.

Zeppelin NT
Ein Zeppelin NT des Typs LZ N07-100 – im Gegensatz zum Goodyear-Blimp sind hier Motoren und Tanks nicht an der Gondel, sondern am Rumpf befestigt. (Foto: Heksa@Wikimedia Commons, Lizenz: cc by-sa 3.0)

Die Wahrheit hinter der von den Medien verfälschten Verbindung Goodyear/Zeppelin ist aber eine ganz andere, die bei den aktuellen Unglücksberichten meist verschwiegen wurde: Goodyear plant schon seit Jahren, sich von den unsicheren und veralteten Blimps zu verabschieden und hat deshalb der Zeppelin-Werft Anfang Mai dieses Jahres einen Riesen-Auftrag beschert. Drei Zeppelin NT zum Stückpreis von rund 14,5 Millionen Euro sollen bis 2017 in Zusammenarbeit mit Goodyear in Friedrichshafen und Akron (USA) gebaut werden.

Das erste der etwa 75 Meter langen Luftschiffe wird voraussichtlich im Januar 2014 fertig und in den USA eingesetzt. Ursprünglich hatte Goodyear geplant, bis dahin auch die Blimps weiter zu verwenden. Nach der Katastrophe vom Hessentag bleiben sie jedoch vorerst am Boden, bis in gut sechs Wochen die ersten Untersuchungsergebnisse der BFU vorliegen.

Es wäre also auch theoretisch nicht möglich gewesen, dass am Sonntag ein Goodyear-Zeppelin verbrannt wäre – weil es bis jetzt noch keinen gibt, erst in über zweieinhalb Jahren.

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