Ausflugsziel Gewerbegebiet

Wie schon kurz angekündigt, hier der erste Gast-Blog-Beitrag in unserer sommerlichen „Alles außer Fußball“-Reihe. Christiane Renye ist eine liebe Freundin und Kollegin, die in Baden-Baden für die SWR-Nachrichten (auch Abteilung „Zentrale Information“ genannt) arbeitet und privat im Baden-Badener Stadtteil Steinbach zusammen mit ihrem Freund (aus der Tontechnik- und Veranstaltungsbranche) das Abenteuer „Wohnen und Arbeiten im Gewerbegebiet“ wagt. Und was sie dort erlebt, das lässt ihr immer mal wieder die Haare zu Berg stehen, wie ihr Brief an einen anonymen Neugierigen zeigt:

Gewerbegebiet Steinbach-West
Tourismus-Geheimtipp: Ein idyllisches Gewerbegebiet bei Baden-Baden. (Foto: Google Earth)

Ah, da sind Sie ja wieder, Sie unliebsamer, uneingeladener Gast!

Da heben Sie das Bein, um über meinen Zaun zu steigen, auf meinem Parkplatz zu stehen und mein Haus zu beäugen. Ja, kommen Sie ruhig näher! Das ist unsere Lagerhalle, und ja, da ist ein kleines Fenster, durch das Sie unbedingt hineinspähen sollten, um zu sehen, was sich darin befindet. Sie sollten auch unbedingt wissen, dass darin gerade ein Tonstudio gebaut wird. Spannend, gell?

Sie möchten auch mein Haus sehen? Aber gerne! Das hier ist unser Wohnzimmer, bitte entschuldigen Sie, dass da noch die Flaschen und Gläser von gestern Abend herumstehen. Ich bin einfach noch nicht zum Aufräumen gekommen, weil schon sechs andere Neugierige eine Hausbesichtigung vornehmen wollten. Wie? Nein, ich will mein Haus nicht weitervermieten oder verkaufen. Es ist nur offenbar von großem Interesse für die Menschen am Ort. Die aus den stinknormalen Wohngebieten, mit ihren kleinen Vorgärtchen, mit ihren schicken Carports und den pittoresken Reh-Gemälden an der Hauswand.

Da gibt es natürlich nicht so viel zu gucken wie im Gewerbegebiet, wo die Häuser selten, die Lagergebäude geheimnisvoll und die Grundstücke weitläufig sind. Und wo Zäune oder andere Absperrungen offenbar kein Hindernis für den Voyeurismus des Alteingesessenen darstellen. Schließlich muss er ja wissen, was sich im Gewerbegebiet so tut. Und so pilgert er in Scharen am Wochenende ins Naherholungsgebiet Steinbach-West, um hier bauliche Neuerungen oder wirtschaftliche Niedergänge in Augenschein zu nehmen.

Natürlich rechnet er nicht damit, dass hier Menschen leben, die vielleicht sogar Wert auf ein Privatleben legen. Wenn keiner da ist, darf man ja schließlich mal gucken. Oder?

Gaffer
Mal ’nen Blick riskieren: Was da wohl zu sehen ist hinter den Jalousien? (Foto: M. Paha)

Aber hiermit tue ich kund und zu wissen: ICH wohne hier und ich lege Wert auf meine Privatsphäre. Deshalb habe ich einen Zaun, an dem sogar ein Schild hängt: Privatgrundstück. Das habe ich wegen Ihnen da hingehängt, lieber unliebsamer und uneingeladener Gast. Und trotzdem erdreisten Sie sich, das Bein zu heben und drüberzusteigen. Darf ich Ihnen sagen, dass ich das dreist finde, unhöflich und respektlos? Ich denke schon.

Aber vielleicht mache ich am nächsten Wochenende mal einen Ausflug ins Wohngebiet. Dann werde ich mich durch Ihre Kirschlorbeerhecke drängeln und an Ihrer Küchentür stehen. Ob Sie mir dann einen Tee anbieten und mir Ihr Schlafzimmer zeigen? Ich glaube nicht. Im schlimmsten Fall gibt´s eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Denn genau das ist es. Und daran denken Sie doch bitte mal, wenn Sie sich am Sonntag wieder ein Ausflugsziel suchen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Christiane Renye

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