Merkels Super-GAUck

Es kommt nicht oft vor, dass Der Spiegel, Bild, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, SPD, Grüne/Bündnis 90 und ich gleichzeitig einer Meinung sind: Joachim Gauck wäre ein besserer Bundespräsident als Christian Wulff. Auch bei den derzeit kursierenden und nicht repräsentativen Online-Umfragen liegt der niedersächsische Ministerpräsident mit rund 20 bis 30 Prozent weit hinter dem ehemaligen Chef der Stasi-Unterlagenbehörde (auch als „Gauck-Behörde“ bekannt).

Jochim Gauck
Joachim Gauck 2008 beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten Horst Köhler. (Foto: Tohma@Wikimedia Commons)

Macht- und parteipolitisch schien bis jetzt das Gegenteil klar zu sein: Wulff ist der Kandidat der CDU/CSU/FDP-Regierungskoalition, Gauck der Favorit für SPD und Grüne. In der Bundesversammlung, die am 30. Juni den Nachfolger von Horst Köhler wählt, haben die Konservativen und Liberalen eine klare Mehrheit; für Gauck wäre allenfalls ein kleiner Achtungserfolg im ersten Wahlgang drin, aber keine Siegchance. Bis zum vergangenen Wochenende waren auch die „Linken“ klar gegen den Kommunistenhasser und Anti-Stasi-Kämpfer Gauck eingestellt – vor allem die ehemaligen PDS-Mitglieder, die offenbar im Herzen immer noch die doppelte Staatsbürgerschaft „Deutschland/DDR“ tragen und sinnloserweise eine eigene Kandidatin ins Rennen schicken wollen.

Inzwischen scheint aber die Anti-Gauck-Front zu bröckeln: So sagt der Fraktionschef der Linkspartei im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow: „Wenn Herr Gauck mit uns ernsthaft reden wollte, dann müssten wir uns dem Gespräch stellen.“ Und falls Wulff in den beiden ersten Wahlgängen keine Mehrheit bekomme, dann „behalte ich mir vor, was ich im dritten Wahlgang mache“. Das schließt also möglicherweise sogar ein Votum von links für Gauck ein.

Unabhängig davon hat sich eine virtuelle Allianz im Internet gebildet. In zahlreichen Blogs und verschiedenen Petitionen werden klare Voten für Gauck abgegeben; offenbar ist er eine Person, die unabhängig von Partei- oder Religionspräferenzen breite Zustimmung genießt. Dabei dürfte allen klar sein, dass ein Bundespräsident Gauck mit seiner Biografie, seinen Ecken, Kanten und klaren Worten durchaus in diverse Fettnäpchen treten, den Finger in offene Wunden legen und das Volk polarisieren könnte, dass er alles andere als uneitel ist und trotzdem keinen Wert auf ständiges Lob von allen Seiten legt, dass er jede Menge Kritik erhalten wird, die aber erheblich besser wegstecken kann als „Glaskinn“ Horst Köhler und dass er insgesamt kein „bequemer“ erster Mann des Staates sein wird.

Welch ein blasser Repräsentant wäre dagegen Christian Wulff, der außer dem politischen nur wenig echtes Leben erfahren hat, der wahrscheinlich nur durch Machtspielchen und Postengeschacher zum Kandidat gekürt werden konnte und der lieber „everybody’s Darling“ ist als irgendwo anzuecken. Aber wie hat man mir das bei einer Moderations-Schulung mal beigebracht? „Everybody’s Darling is everybody’s Arschloch„. Wie absurd erscheint es da, dass Wulff zwar der Kandidat der Bundeskanzlerin Angela Merkel ist, diese aber offenkundig größere persönliche Sympathien für Joachim Gauck hat, ihn aber nicht als parteiübergreifenden Konsenskandidaten benennen wollte, obwohl SPD-Parteichef Sigmar Gabriel ihr das rechtzeitig vorgeschlagen hatte.

Kaum zu glauben, dass dieser Coup ausgerechnet von der SPD kam, die eigentlich die Oppositionsrolle schon lange an die Regierungskoalition und ihre Ministerpräsidenten abgegeben hatte, weil kein Sozialdemokrat so gnadenlos über die Berliner Politik herziehen konnte wie etwa Stefan Mappus und Roland Koch von der CDU oder Horst Seehofer und Markus Söder von der CSU. Jetzt wird der Gegenwind für Angela Merkel noch schärfer: Es sind jetzt nicht nur Parteifreunde, die über die Wulff-Kandidatur meckern, es sind auch die Koalitionspartner von der FDP und neuerdings halt auch wieder die politische Konkurrenz.

Welch ein Waterloo wäre dieses Szenario für die Regierungschefin und die Koalition: Erst tritt der hessische Ministerpräsident Koch ab, kurz darauf der von Merkel und Westerwelle ins Amt gehievte Bundespräsident Köhler, dann wird bei der Nachfolge-Diskussion CDU-Ministerin Ursula von der Leyen „verbrannt“ und schließlich scheitert am 30.Juni Christian Wulff bei der Wahl zum Bundespräsidenten. Das hält auch Wulff für nicht ganz unwahrscheinlich.

Wenn Sie wollen, können Sie an diesem Szenario mitarbeiten; nicht nur durch die Unterzeichnung einer der oben verlinkten Petitionen. Sie können auch ihren Wahlkreis-Bundestagsabgeordneten schreiben und/oder den Wahlmännern und -Frauen Ihres Bundeslandes für die Bundesversammlung in Berlin und an sie appellieren, parteiunabhängig als Vertreter des Volkes abzustimmen.

Damit können Sie übrigens auch dafür sorgen, dass Christian Wulff den Niedersachsen als Ministerpräsident erhalten bleibt und dass er seinen Geburtstag (übrigens am selben Tag wie ich) auch am 19. Juni nächsten Jahres in der Heimat feiern kann und nicht in einem unwirtlichen Schloss in der politischen Löwengrube Berlin.

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