„Superreiche“ verhindern Millionär/Update 2.6.

by Wolfgang Messer | 1.6.2010 15:32

Sehr unterhaltsame Sache, dieses Promi-Special von „Wer wird Millionär?“[1] am Montagabend bei RTL. Ärgerlich allerdings die Passage der Sendung, die die Berliner Morgenpost[2] so beschreibt:

Nicht mit sportlichem Ehrgeiz, dafür mit seinem gekonnt trockenen Humor versuchte Weltenbummler und Comedian Dieter Nuhr von sich zu überzeugen. Nur die hartnäckige Frage, wie manche Biologen die irdischen Lebewesen unterteilen (Antwort: in sogenannte Superreiche), brachte ihn aus dem Konzept. Das Publikum und sein Telefonjocker halfen nichts. Bei 64.000 Euro war Schluss und Nuhr sagte ein wenig enttäuscht „dann gehe ich“, um sofort nachzulegen: „Aber ich muss noch einmal wiederkommen!“

Die weiteren von der mind the company[3]-Redaktion vorgesehenen Antworten zu dieser Frage hießen „Milliardäre“, „Geldsäcke“ und „Kapitalisten“. Leider war aber die wirklich richtige Lösung nicht dabei: „Domänen[4]„. Von „Superreichen“ als gängigem Begriff spricht noch nicht mal die bekannt hervorragend aufgestellte und informierte Biologie-Fachredaktion[5] der deutschsprachigen Wikipedia. Die kennt außer Domänen nur „Reich[6]“ als die lange Zeit geltende höchste Taxonomie-Ordnung, ebenso wie die ausgewiesene Fachliteratur[7], die das Wort „Superreiche“ in einen Nebensatz vor allem dem englischsprachigen Bereich zuordnet (wo es tatsächlich Superkingdom[8] heißt und direkt übersetzt also „Über-Königreich“) und als eher ungebräuchlich auch noch in Gänsefüßchen setzt – etwa wie ein Kuriosum.

Die Frage-Formulierung „…manche Biologen…“ ist also höchstens halb richtig und von der Tendenz her sehr fragwürdig. Welchen Sinn machen denn – mal ganz allgemein gesprochen – Fragen nach Begriffen, die in einem Fachgebiet vielleicht von ein paar im Urwald Versprengten eines anderen Sprachraums verwendet werden, die aber sonst überhaupt nicht gängig und vielleicht auch noch falsch übersetzt sind? Doch nur den Sinn, dass kein Mensch darauf kommen kann – wie sonst nur in den absurden Call-in-Spielchen dubioser Hütchenspieler-TV-Kanäle.

Und so dürften die sicher nicht superreichen SOS-Kinderdörfer in Ghana im Sudan wohl um einige zehntausend Euro gebracht worden sein, denn ihr (zur Zeit im Sudan reisender) Gönner Dieter Nuhr[9] hatte gar keine Chance, die Frage richtig zu beantworten, 125.000 Euro zu gewinnen und sich dann vielleicht noch bis zur Millionenfrage hochzuarbeiten.

Disclaimer: Wenn hier nur die teuren Wintergarten- oder Reisepläne eines Studienrates geplatzt wären, ginge mir das am Allerwertesten vorbei, bei möglicherweise entgangenen 61.000 Euro für Kinder in Afrika bin ich nicht ganz so gnädig.

Update 2.6.2010/19.12 Uhr: Robert Fey vom RTL-Zuschauerservice hat mir die Genehmigung erteilt, seine Antwort-Mail auf meine Anfrage zu veröffentlichen:

Natürlich sind wir jederzeit für Kritik und Anmerkungen zu unseren Fragen offen. Da wir uns von vornherein gegen eventuelle Fehler absichern wollen, werden die Fragen bzw. Lösungsmöglichkeiten von einer ausschließlich für diese Sendung arbeitenden Redaktion erstellt. Die Fragen werden nur anhand zuverlässigster Quellen erarbeitet und unterliegen einem besonders strengen Kontrollsystem. Außerdem werden alle Fragen mehrmals in verschiedenen Gruppen diskutiert und lektoriert.

Nun jedoch zu der von Ihnen angesprochenen Frage – exakt so wurde sie in der Sendung gestellt:
Bei der Aufteilung der irdischen Lebewesen sprechen manche Biologen von den unterschiedlichen …?
A: Milliardären
B: Kapitalisten
C: Geldsäcken
D: Superreichen
Richtige Antwort: D – Superreichen

Es handelt sich hier selbst in der Biologie um einen sehr speziellen Begriff, weshalb in der Fragestellung auch von „manchen Biologen“ die Rede ist. Das dies so ist, steht allerdings außer Frage. So schreibt der Brockhaus im Zusammenhang mit der Zellbiologie:

Eukaryoten

[zu eu… und griechisch káryon »Nuss«, »Kern«] Plural, Eukaryonten, veraltet Nukleobionten, zusammenfassende Bezeichnung für alle Organismen, deren Zellen einen echten Zellkern, membranumgrenzte Organellen und 80S-Ribosomen besitzen. Systematisch werden sie als eine von drei Domänen neben die Archaebakterien und die Bakterien gestellt, bisweilen auch als eines von zwei Superreichen der Lebewesen neben alle Prokaryoten

(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2006

In diesem Fall sind die Begriffe Superreiche und Domänen Synonyme. Genauso wird es in der wissenschaftlichen Abhandlung „Prokaryoten und die Entstehung der Stoffwechselvielfalt“ beschrieben:

Bacteria und Achrchae bilden die beiden Hauptzweige der prokaryotsichen Evolution. Die Prokayryoten bilden 2 der 3 Superreiche (Domänen), des Stammbaus der Lebewesen. Die beiden prokaryotsichen Stämme trennten sich schon sehr früh in der Evolutionsgeschichte.

Daran erkennt man, dass manche Biologen durchaus auf den Begriff der Superreiche zurückgreifen. Wenn Sie sich die Kommentare auf der von Ihnen angegebenen Internetseite durchlesen, sehen Sie ebenfalls, dass die Frage doch durchaus von vielen als korrekt angesehen wird.

Carsten Schnieders von mind the company (die Fragen-Redaktion) erklärt in seiner Antwort-Mail unter anderem:

Offenbar sind Sie der Auffassung, dass hier alle vier Antwortmöglichkeiten falsch sind, da Ihrer Meinung nach in der Biologie ausschließlich von Domänen, nicht aber von Superreichen gesprochen wird. Dies ist nicht korrekt. Es handelt sich bei diesen Begriffen um Synonyme…

Er bezieht sich ebenfalls auf die genannte Literatur und folgert daraus:

… Daran erkennt man, dass manche Biologen durchaus auf den Begriff „Superreiche“ zurückgreifen und die Fragestellung und Antwort absolut korrekt sind. Die Positionierung der Frage bei 125.000 € ergibt sich daraus, dass es für den Kandidaten möglich gewesen wäre, den Begriff „Superreich“ in Zusammenhang mit biologischen Ausdrücken wie „Tierreich“ oder „Pflanzenreich“ zu bringen und sich die richtige Antwort somit auch ohne aktive Kenntnis des Begriffs herzuleiten. Zudem ist eine offensichtliche Scherzantwort wie „Geldsäcke“ von vornherein auszuschließen gewesen.

Meine persönliche Einschätzung nach diesen (in etwa gleich lautenden Mails): Die Erklärungen von RTL und mind the company sind für mich aus der Distanz von knapp zwei Tagen nach der Ausstrahlung durchaus nachvollziehbar und schlüssig. Der Anmerkung von Robert Fey, dass es sich bei Superreiche „um einen sehr speziellen Begriff“ handelt,  kann ich uneingeschränkt zustimmen. Genau das hatte aber bei mir als Zuschauer für Irritation und nachfolgenden Ärger gesorgt, zumal mir die genannten Quellen nicht zur Verfügung stehen.

Links/Quellen:
  1. Promi-Special von „Wer wird Millionär?“: http://www.rtl.de/cms/unterhaltung/wer-wird-millionaer/prominenten-special-31052010.html
  2. Berliner Morgenpost: http://www.morgenpost.de/vermischtes/article1317523/Fabian-Hambuechens-Handstand-fuer-125-000-Euro.html
  3. mind the company: http://www.mindthecompany.de/
  4. Domänen: http://de.wikipedia.org/wiki/Domäne_(Biologie)
  5. Biologie-Fachredaktion: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Auskunft#.22Superreiche.22_statt_Dom.C3.A4nen.3F
  6. Reich: http://de.wikipedia.org/wiki/Reich_(Biologie)
  7. ausgewiesene Fachliteratur: http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/biok/9730
  8. Superkingdom: http://www.google.de/search?hl=de&safe=off&client=opera&tbo=p&rls=de&tbs=bks%3A1&q=superkingdom+&btnG=Suche&aq=f&aqi=&aql=&oq=&gs_rfai=
  9. Dieter Nuhr: http://twitter.com/dieternuhr

Source URL: http://fastvoice.net/2010/06/01/superreiche-verhindern-millionar/