Der Schlosshund heult eins weiter

Schloss Bellevue
Wurde bisher nicht durchsucht: Schloss Bellevue in Berlin, der erste Amtssitz des Bundespräsidenten. (Foto: Stephan Czuratis@Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-sa 2.5)

In der Dauer-Diskussion um den (Noch-)Bundespräsidenten Christian Wulff schadet es nicht, neben den vielen Vermutungen und Spekulationen auch ein paar Fakten zu kennen. Zum Beispiel den Unterschied zwischen „Schloss Bellevue“ und „Bundespräsidialamt“. Nein, das ist nicht dasselbe. In Letzterem gab es am vergangenen Donnerstag eine Durchsuchung, über die zum Beispiel heute.de an diesem Sonntag anfangs so berichtete (inzwischen wurde der Text geändert, siehe Update unten):

In der Korruptionsaffäre um den ehemaligen Sprecher von Bundespräsident Christian Wulff durchsuchten Ermittler das frühere Dienstzimmer von Olaf Glaeseker im Schloss Bellevue. „Wir haben Unterlagen und Computerdateien beschlagnahmt, die jetzt ausgewertet werden müssen“, sagte Hans-Jürgen Lendeckel, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover. Er bestätigte damit einen Bericht der „Bild am Sonntag“. …

Nach Angaben des Bundespräsidialamts wollte Wulffs Ex-Sprecher sein Dienstzimmer am vergangenen Wochenende ausräumen. Mit Hinweis auf ein „mögliches Ermittlungsinteresse der Staatsanwaltschaft Hannover“ sei ihm der Zugang verweigert worden, sagte Wulffs Sprecherin Petra Diroll.

Heute.de war mit dieser Interpretation in guter Gesellschaft. Faz.net titelte heute:

Durchsuchung im Schloss Bellevue

Die Online-Ausgabe der „Westdeutschen Zeitung“ kommentierte in einem „Leitartikel“:

Eine Durchsuchung in Schloss Bellevue – das ist ein Novum in der deutschen Geschichte und ein weiterer Tiefpunkt in der Causa Christian Wulff.

„Financial Times Deutschland“ und Wissen.de erklärten uns Armen und Unwissenden wortgleich:

In der Korruptionsaffäre um den ehemaligen Sprecher von Bundespräsident Christian Wulff (CDU) haben Ermittler das frühere Dienstzimmer von Olaf Glaeseker im Schloss Bellevue durchsucht.

Der Online-Dienst der „Deutschen Welle“ formulierte knackig:

Razzia im Schloss Bellevue

Stern.de stellte eine Frage mit einem falsch geschriebenen Namen, beantwortete aber eine andere:

Hausverbot für Glaeserk (sic!) im Schloss Bellevue?
Nach Informationen der „Bild am Sonntag“ hat Glaeseker inzwischen sogar Hausverbot im Präsidialamt.

Offenbar übernahmen heute zahlreiche Medien die gleiche, falsche (dpa?-)Agenturmeldung (die möglicherweise auch morgen in manchen Zeitungen zu finden sein wird) und/oder fabulierten noch eine irreführende Schlagzeile dazu. Petra Diroll hatte sicher nicht gesagt, dass ein Raum im Schloss Bellevue durchsucht oder Glaeseker der Zugang dort verweigert worden sei. Das alles wäre nämlich falsch. Ausnahmsweise blieb diesmal sogar bild.de korrekter als viele andere Medien:

Um 10 Uhr am Donnerstagmorgen hatten die Fahnder ihr Ziel im Herzen der deutschen Hauptstadt erreicht – das Bundespräsidialamt. Am schwer gesicherten Eingang in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schloss Bellevue wurde der Trupp durchgewunken. Denn die Herren wurden bereits erwartet.

Tatsächlich sind die 180 Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes – inklusive Sprecher/Sprecherin des Bundespräsidenten – in einem erst 1998 eingeweihten Gebäude untergebracht, das zwar über Schlösser verfügt (in den Türen), aber selbst keines ist. Der Chef dieses Amtes heißt auch nicht Wulff, sondern Lothar Hagebölling, dessen Behörde sowohl dem aktuellen Bundespräsidenten zuarbeitet als auch Sekretariate für die noch lebenden Ex-Bundespräsidenten unterhält. In diesem Neubau – und nicht im benachbarten Schloss – fand nun erstmals eine polizeiliche Durchsuchung statt.

Bundespräsidialamt
Wurde teilweise durchsucht: Das Bundespräsidialamt neben dem Schloss Bellevue. Hier hatte Olaf Glaeseker sein Dienstzimmer. (Foto: Achim Raschka@Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-sa 3.0)

Okay, es ist alles ein wenig verworren: Wir haben sowohl das „Amt des Bundespräsidenten“ (eine Planstelle, keine Behörde, eher eine virtuelle Institution) als auch ein Amt für den Bundespräsidenten (180 Planstellen, Bundesbehörde), das jedoch nicht das Amt ist, dem gerüchteweise eine „Würde“ unterstellt wird. Außerdem gibt es noch zwei Amtssitze des Bundespräsidenten: Schloss Bellevue und die Bonner „Villa Hammerschmidt“, die dem „ersten Mann im Staat“ auch als offizieller Zweitwohnsitz dient. Und das Schloss in Berlin müsste doch dann der Erstwohnsitz sein, oder? Nö, seit einigen Jahren nicht mehr.

Denn, wo wir schon bei der großen Ortsverwirrung sind: Mehrfach aufgestellte Behauptungen (etwa von SPD-Chef Sigmar Gabriel), wonach Wulff mit seiner Familie im Schloss Bellevue wohne und bei seinem Amtsende dort ausziehen müsse, sind frei erfunden. Wulff hatte zwar zu Beginn seiner neuen Tätigkeit übergangsweise als „Strohwitwer“ ein kleines Schlafzimmer im Schloss genutzt, logiert aber seit Ende 2010 mit Frau und Kindern auf rund 150 Quadratmetern im 1. Obergeschoss einer frisch renovierten Dienstvilla im Berliner Stadtteil Dahlem – dem offiziellen Erstwohnsitz des Bundespräsidenten. Um falschen Vermutungen vorzubeugen: Für die Wohnung in der ehemaligen Kanzlervilla zahlt Wulff Miete.

Der einzige Bundespräsident, der tatsächlich während der fast kompletten Amtszeit im Schloss wohnte, war von 1994 bis 1998 Roman Herzog mit seiner Frau. Für 95 Quadratmeter musste er rund 2000 D-Mark Kaltmiete pro Monat berappen. Später wurden die Räume zu Büros bzw. Dienstzimmern umgebaut und Bellevue war nur noch „erster Amtssitz“.

Aber wo ein Schloss in der Nähe ist, sind halt auch meist die Märchen nicht weit.

Update: Auf meinen Hinweis bei Google+ zum Standort des Bundespräsidialamts schrieb mir die heute.de-Redaktion am Abend:

„Sie haben vollkommen Recht, zwar gehört es zum Gebäudekomplex Bellevue, ist aber nicht das Schloss selbst. Wir haben den Text konkretisiert.“

Wieder was gelernt: Bisher kannten Tante Gugel und ich noch keinen „Gebäudekomplex Bellevue“ in Berlin.

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5 Gedanken zu „Der Schlosshund heult eins weiter

  1. Wer schon einmal zu Fuß rund ums Schloss Bellevue unterwegs war, weiß aber, dass das „Bundesei“ sich tatsächlich auf einem Gelände ohne Zaun dazwischen befindet. Deswegen ist die die Bezeichnung „Gebäudekomplex“ doch gar nicht so abwegig. Auch wenn Goggel und Sie das nicht kennen. Man kann sich auch wie ein Erbsenzähler über jede Kleinigkeit aufregen.

  2. @Petra: Ach was, ich rege mich nicht über den „Gebäudekomplex“ auf, das ist eine Petitesse am Rande. Im Beitrag geht’s doch darum, dass mehrfach von einer „Durchsuchung im Schloss Bellevue“ berichtet wurde, die es definitiv nicht gab. Wenn das für Sie „Erbsenzählerei“ ist, legen wir beide sehr unterschiedliche Maßstäbe an die Qualität journalistischer Berichterstattung.

  3. Der Kommentar war jetzt tatsächlich nur zum Nachtrag mit dem „Gebäudekomplex“, nicht zum Post als solches. Der war als Klarstellung doch gut und ausreichend.
    Oder sollte unbedingt noch herausgestellt werden, dass Sie zwar nicht Weltfrieden, aber immerhin diese Richtigstellung erreicht haben?

  4. Mir erschien die „Kreativität“, mit der völlig verschiedenartige Bauten im Nachhinein zu einem „Gebäudekomplex“ umgedeutet wurden, durchaus bemerkenswert. Siehe dazu auch diese Definition.

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