Nir Rosen, Debbie Schlussel, Sascha Lobo: Die Netz-Proleten (Update)

So ein paar saftige Beleidigungen im Internet seien doch okay, meinte jüngst Web-Pseudo-Irokese Sascha Lobo in einem Blogbeitrag für Spiegel-Online. Die Betroffenen sollten nicht gleich mit juristischen Mitteln kontern, sondern die herben Worte und Sprüche einfach hinnehmen oder ignorieren. Schließlich seien viele Kommunikationsformen im Internet zwar schriftlich, aber eher mit Teeküchengesprächen vergleichbar, wo auch nicht gleich jedes böse Wort auf die Goldwaage gelegt oder mit Klage bedroht werde.

Dieser Ruf nach einer „digitalen Beleidigungskultur“ fand nicht überall Zustimmung, wurde von Kritikern teils prompt (offenbar im Sinne des Erfinders) mit Beleidigungen belegt – und fast gleichzeitig entwickelte sich in den USA eine ähnliche Diskussion anhand eines ganz speziellen Beleidigungsfalls: Die 39jährige südafrikanische CBS-Reporterin Lara Logan wurde am vergangenen Freitag in Kairo nach den Feierlichkeiten zum Rücktritt Mubaraks Opfer einer Horde von Männern, die sie teils schlugen, teils sexuell missbrauchten. Am Dienstag machte CBS diesen Vorgang öffentlich und erntete damit unter anderem hämische, Muslim-feindliche und menschenverachtende Kommentare.

So twitterte der US-Journalist und -Buchautor Nir Rosen zum Beispiel: “Lara Logan had to outdo Anderson. Where was her buddy McCrystal.” Oder: “Jesus Christ, at a moment when she is going to become a martyr and glorified we should at least remember her role as a major war monger.” Die Radiomoderatorin, politische Kommentatorin, Kolumnistin und Anwältin Debbie Schlussel schrieb in ihrem Blog unter dem Titel „Wie Muslime einen Sieg feiern“: „So sad, too bad, Lara. No one told her to go there. She knew the risks. And she should have known what Islam is all about. Now she knows….This never happened to her or any other mainstream media reporter when Mubarak was allowed to treat his country of savages in the only way they can be controlled.“

Kurz zusammengefasst bedeutet das, Logan sei selbst schuld an diesem traumatischen Ereignis gewesen und solch ein Übergriff wäre unter Mubarak nicht möglich gewesen, weil der ja gewusst habe, wie mit seinem Land voller Wilder umzugehen sei. Noch entsetzlicher als diese Ansicht sind die zahlreichen Zustimmungen, die Schlussel erhält – in den USA, aber auch in Deutschland (siehe Kommentar Nummer 2 unter dem Artikel).

Nir Rosen hat sich jetzt für seine (inzwischen gelöschten) Tweets wortreich entschuldigt, erklärte sich für Twitter-ungeeignet und musste seine „Fellowship“ bei der Fakultät für Recht und Sicherheit an der New Yorker Universität niederlegen. Schlussel verteidigt dagegen ihre Ergüsse in einem Blog-Update (oben schon verlinkt).

In beiden Fällen wurde ein Missbrauchsopfer öffentlich und in schriftlicher Form beleidigt. Ich hoffe nicht, dass Sascha Lobo glaubt, dass dafür der Maßstab für „Teeküchengespräche“, die außerhalb dieser Küche keiner mitbekommt, herhalten sollte. Im Internet gelten meines Erachtens die selben Regeln wie für alle anderen öffentlichen Medien – Beleidigungen (sofern sie nicht als Offizialdelikt strafwürdig sind) können von den Betroffenen hingenommen werden, müssen aber nicht. Und hanebüchener Blödsinn bei Twitter oder in Blogs darf genau so hanebüchener Blödsinn genannt werden wie hanebüchener Blödsinn in der Bild-Zeitung (nur so als Beispiel).

Update 17.40 Uhr: Nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung dieses Beitrags hat mich eine E-Mail von Sascha Lobo erreicht, die ich hier veröffentlichen darf:

„lieber wolfgang messer,

selbstredend können sie schreiben, was sie möchten, erst recht über
mich. der zusammenhang, den sie herstellen, ist aber einfach nicht
vorhanden, jedenfalls nicht, wenn sie meinen artikel bis zu ende
gelesen haben:

„Der Beschimpfungsmarkt kann und muss liberalisiert werden, ohne
gleich Mobbing und Hetze zu legalisieren. Das ist auch möglich: Es
gibt einen feststellbaren Unterschied zwischen einer kränkenden
Beleidigung und einer verbalen Vernichtungsjagd.“

das beispiel, was sie benutzen, lässt sich wohl einfach zuordnen – es
deshalb im meinem kontext zu benutzen, ist in meinen augen
unanständig, weil irreführend.

mit lieben grüssen,

sascha lobo

Meine Antwort darauf lautete wie folgt:

„Lieber Sascha Lobo,

danke für die schnelle Reaktion. Ich schrieb bereits im Blogbeitrag, dass ich genau diese Hoffnung hatte: Dass Sie den „Teeküchen“-Maßstab hier nicht anlegen würden. Schön, dass Sie mir das auch bestätigen. Den Zusammenhang gibt’s meines Erachtens trotzdem, denn eine Grenzziehung zwischen „okay“ und „scheiße“ fällt in der Praxis nicht immer derart eindeutig aus (auch Hetze kann sehr subtil verpackt werden) – insofern würde ich diesen von mir hergestellten Kontext zwar für provokant, aber nicht für unanständig halten.“

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