Wiki-Nepp und Wikimedia-Ärger

Unglaublich, wie schnell man heutzutage zum Buchautor werden kann, ohne als solcher auch genannt oder gar dafür bezahlt zu werden. Es genügt, wenn man mal einige Wikipedia-Artikel (mit-)geschrieben hat. Da diese Inhalte unter einer Creative-Commons-Lizenz stehen, dürfen sie unter Beachtung der Lizenzvorschriften völlig legal auch kommerziell weitergenutzt werden. Das machen sich derzeit vor allem zwei “Buchverlage” zunutze: Betascript Publishing und Books Llc (auf den Umschlägen als “Bucher Gruppe” firmierend). Diese bieten auf der Amazon-Plattform mehrere Tausend Bücher mit unterschiedlichen Zusammenstellungen von Wikipedia-Artikeln an, ohne die dort vorhandenen Bilder und Grafiken, teils völlig unbearbeitet, teils automatisiert vom Englischen ins Deutsche übersetzt und entsprechend hanebüchen.

Buch-Cover
An diesen beiden “Büchern” habe ich ungewollt mitgeschrieben – und noch an einigen Dutzend weiteren. (Cover-Screenshots aus Amazon.de)

Die Preise für diese Machwerke reichen von rund 14 bis weit über 100 Euro – wobei es durchaus vorkommen kann, dass “gebrauchte” Exemplare teurer angeboten werden als “neue”. Als Autoren nennt Amazon.de bei den Betascript-Bänden durchweg Lambert M. Surhone, Miriam T. Timpledon und Susan F. Marseken, bei den Büchern der “Bucher-Gruppe” werden keine Autoren genannt. Immerhin verweisen die Cover bei Betascript darauf, dass hier “Hohe Qualität durch Wikipedia-Artikel” drin sei und dass die drei genannten Herrschaften offenbar die Herausgeber sind (oder ist es nur Susan F. Marseken, weil nur bei ihr das singulare Ed. für Editor vermerkt ist?). Betascript gehört jedenfalls wie einige andere “Verlage” zur Saarbrücker VDM Publishing-Gruppe, wo man das “Copy & Paste & Print-on-demand“-Prinzip zum alleinigen Geschäftsmodell erhoben hat.

Ein von mir vor zwei Tagen als Kundenrezension des “Acura NSX“-Buches von Betascript geschriebener, entsprechender Hinweis wurde bis heute nicht von Amazon freigeschaltet. Offenbar hat man dort kein Problem damit, an diesen fragwürdigen Angeboten mitzuverdienen, mag das aber auch nicht an die große Glocke hängen. Wohlgemerkt, wir reden hier durchweg von Inhalten, die  bei Wikipedia besser, aktueller und auch noch illustriert kostenlos abrufbar sind. Und wer seine Lieblingsartikel als “Buch” ausdrucken möchte, kann auch das bei Wikipedia ohne weitere Kosten tun – abgesehen natürlich vom eingesetzten Material wie Papier und Druckertinte.

Entsprechend empört reagieren viele Wikipedia-Autoren auf die dreiste Geschäftemacherei (abweichend zu einigen Medienberichten betrifft das nicht nur “Wikipedia-Mitglieder” – die gibt’s ohnehin nicht -, sondern generell alle Autoren); dabei werden rechtliche Schritte seitens des Wikipedia-Trägervereins Wikimedia e. V. allerdings kaum erwartet.

Der muss sich ohnehin gerade mit einer anderen Baustelle herumschlagen. Die in den USA sitzende “Mutter”-Stiftung Wikimedia Foundation drohte nämlich dem deutschen “Chapter” längerfristig mit Lizenzentzug, wenn nicht bald Spendengelder aus Deutschland teilweise auch über den Atlantik wandern. Nach dem deutschen Vereinsrecht ist aber ein solcher Spendentransfer nicht erlaubt. Die vermeintlich elegante Lösung: Der Verein gründet eine gemeinnützige GmbH (gGmbH), die künftig statt des Vereins die Spenden entgegennehmen soll und dann auch weiterleiten kann.

Die Planung und Gründung dieser Fördergesellschaft erfolgte allerdings offenbar ohne vorherige Information aller Wikimedia-Mitglieder, die sich teils überrascht oder verärgert zeigten. Immerhin steht doch das kleine “g” vor “GmbH” nicht für “geheim”. Inzwischen droht möglicherweise sogar eine Austrittswelle, die der Verein mühsam zu verhindern versucht. Andere fühlen sich vom Vorstand betrogen und fordern eine außerordentliche Mitgliederversammlung.

Dankbaren Wikipedia-Nutzern, denen der Ärger hinter den Kulissen eher egal und sowieso kaum verständlich ist, sei im Zweifel empfohlen, direkt an die US-Foundation zu spenden. Diese kann jedoch keine von deutschen Finanzämtern anerkannte Spendenquittungen ausstellen.

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