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3.7.2010 von Wolfgang.
Identitätsdiebstahl, dubiose Werbung und Geschäftemacherei sind im Internet längst Alltag, beschränken sich allerdings auch nicht auf’s Netz. So hat vor einiger Zeit mal ein Unbekannter in meinem Namen auf eBay nicht existierende Fotoapparate an ahnungslose Kunden verkauft, die dann von mir ihr Geld zurückhaben wollten. Dabei war ich nie bei eBay angemeldet. Es hat viel Mühe und Zeit gekostet, um das gefälschte eBay-Konto löschen zu lassen. Bis heute ist mir nicht klar, mit welchen Dokumenten der Unbekannte diesen Account eröffnen konnte.
Heute gab’s wieder eine unangenehme Überraschung dieser Art: Die britische Wettbörse Betfair schickte mir einen personalisierten Werbebrief (laut Umschlag “per Luftpost”), in dem mir für die Anmeldung gedankt und ein Benutzername zugewiesen wurde. Damit gehörte ich jetzt zu den über zwei Millionen Kunden weltweit.
Der Betfair-Werbebrief - Adresse und Benutzername habe ich gelöscht (für größere Ansicht draufklicken).
Natürlich habe ich mich niemals bei Betfair angemeldet und kann mir deshalb den Ursprung dieses Schreibens nicht erklären. In einer Mail an das Unternehmen bat ich um Aufklärung, die sofortige Löschung eines eventuell auf meinen Namen lautenden Kontos und kündigte rechtliche Schritte an. Falls es noch weitere “Opfer” dieser Aktion gibt, bitte in den Kommentaren melden.
Update 13.15 Uhr: Schon jetzt gab’s eine Antwort vom Betfair-Kundenservice:
“…., vielen Dank für Ihre e-mail.
Wir haben das Konto fuer Sie geschlossen.
Sollten Sie weitere Fragen haben, zögern Sie bitte nicht, sich erneut an uns zu wenden.”
Das lässt darauf schließen, dass tatsächlich ein Konto auf meinen Namen existierte, das aber nie von mir eingerichtet wurde. Stellt sich die nächste Frage: Wer war’s? Betfair selbst ist offenbar nicht sehr an der Aufklärung interessiert. Auf meine erneute Anfrage hieß es:
“Sie können eine Anzeige bei der Polizei erstatten und diese dann an uns per Fax an 00442070747320 faxen. Das Schreiben sollte in englisch sein.”
Ahja - ich soll also die deutsche Polizei dazu überreden, die Anzeige mal ausnahmsweise auf Englisch zu schreiben? Sehr lustig. Zu diesem seltsamen Bild passt auch eine Veröffentlichung des deutschen Betfair-Pressebüros (”wbpr Public Relations” in Berlin), die mit Grammatik- und Kommafehlern gespickt ist, aber immerhin die Information bereit hält, dass Betfair nun über drei Millionen Kunden habe (passt nicht so ganz zu den “über zwei Millionen” im Werbebrief). Eine Pressemitteilung eines seriösen Unternehmens sieht in der Regel jedenfalls anders aus.

Geschrieben in Alles außer Fußball, Finanzen, Werbung, Internet, Privates | Drucken | 2 Kommentare »
3.7.2010 von Wolfgang.
ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein macht seit Januar 2010 Werbung für die Molkerei Weihenstephan, die seit dem Jahr 2000 zur Gruppe Theo Müller (”Müllermilch”) gehört - das hat bisher niemand groß aufgeregt und war offenbar im Herbst 2009 noch mit dem damaligen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender abgesprochen (oder doch nicht? / siehe Update 4.7. unten). Nun klagte aber sein Nachfolger Peter Frey - bis dahin wohl uninformiert - auf Nachfrage des Branchenblatts “medium magazin“:
Ihr Internet-Auftritt auf den Seiten von Weihenstephan ist nicht glücklich und kann so nicht bleiben.
Diese harsche Kritik schlug umgehend hohe Wellen in der Medienszene, weil Müller-Hohenstein derzeit durch ihren Einsatz bei der Fußball-WM in Südafrika hohe Bildschirmpräsenz genießt und generell die privaten Werbeaktivitäten von öffentlich-rechtlich bezahlten Moderatoren kritisch betrachtet werden sollten.
Die veröffentlichten Fakten sind jedoch nicht die ganze Wahrheit. Die Werbeaktivitäten von Katrin Müller-Hohenstein für die Molkerei Weihenstephan beschränken sich nicht auf den Internet-Auftritt, sie war ebenso als “Schirmherrin des Qualitätsbeirats” in Radio-Spots zu hören (auch in ARD-Stationen, was Peter Frey offenbar ebenfalls entgangen ist). Als freie Mitarbeiterin des ZDF (ohne Pensionsansprüche) wollte sie hier wohl die gleichen Rechte haben wie etwa ZDF-Kollege Thomas Gottschalk als Werbebotschafter für “Haribo“. Chefredakteur Frey sieht das jedoch anders:
Der Vertrag enspricht nicht den Vorstellungen des ZDF von Auftritten seiner journalistischen Köpfe. Ich gehe davon aus, dass dieser Internet-Auftritt schon bald Geschichte ist.
Kein Wort darüber, dass auch die Wettervorhersagen im ZDF-Morgenmagazin von der Molkerei Weihenstephan präsentiert wurden, obwohl sich diese noch bis 2008 irreführend als “Staatliche Molkerei Weihenstephan” bezeichnet hatte und illegal das bayerische Staatswappen verwendet hatte. Kein Wort auch darüber, warum sich ein durch knallharte politische Intervention ins Amt gehievter Chefredakteur öffentlich Gedanken über die möglicherweise fehlende Unabhängigkeit oder Glaubwürdigkeit von “Journalisten” machen muss.
Immerhin hat das ZDF ja auch kein Problem damit, dass seine WM-Berichterstattung teilweise durch Sponsoren finanziert wird und dass der Experte an der Seite von Katrin Müller-Hohenstein, Oliver Kahn, hochgeschätzter Werbepartner von Unternehmen wie Boehringer Ingelheim, DWS Investments, Riva-Verlag und Sonax ist. In diesem Umfeld dürfte es öffentlich-rechtlichen Sender schwerfallen, eine Grenze zwischen “hui” und “pfui” zu ziehen; bisherige Versuche erinnern eher an eine diffuse Doppelmoral. Peter Frey erklärte im medium magazin dazu:
Wir müssen, vielleicht in einer Art Selbstverpflichtung, uns die Kriterien noch klarer machen.
Vielleicht sollte beim ZDF auch mal über die unternehmensinterne Kommunikation geredet werden. Katrin Müller-Hohenstein will nämlich laut Spiegel-Online erst an diesem Freitag telefonisch von Peter Frey über dessen Kritik unterrichtet worden sein, als die Vorwürfe schon längst publik gemacht worden waren. Und weil sie ihren Job beim ZDF natürlich ungern verlieren will, muss sie sich jetzt hektisch darum bemühen, den noch bis Jahresende laufenden Vertrag mit der Molkerei Weihenstephan vorzeitig aufzulösen.
Update 13.30 Uhr: Inzwischen hat sich KMH für ihren Werbeauftritt entschuldigt und ihre “Schirmherrschaft” niedergelegt: „Das Engagement war ein Fehler, den ich bedaure“, erklärte sie an diesem Samstag dem “Spiegel“.
Update 4.7.: Ebenfalls im “Spiegel” widersprach sie allerdings auch ihrem eigenen Management, das (wie oben geschrieben) dem “medium magazin” von einer vorherigen Absprache mit Nikolaus Brender berichtet hatte. Brender selbst erklärte dem “Spiegel”, er habe die Genehmigung “für die Mitwirkung bei einer unabhängigen Stiftung zur gesunden Ernährung von Kindern” erteilt: “Eine Aktion für irgendein Produkt hätte ich niemals genehmigt.” Nach eigenen Angaben war Katrin Müller-Hohenstein selbst nicht klar, dass sie für Werbezwecke verwendet werden würde, was allerdings für einen Medienprofi sehr naiv wäre. Spätestens bei der Umsetzung der Zusammenarbeit (wie bereits erwähnt auch mit Werbespots im Radio) hätte sie es wissen müssen.
Geschrieben in Fernsehen, Finanzen, Alles außer Fußball, Radio, Werbung, Medien, Internet, Journalismus | Drucken | Keine Kommentare »