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Archive für September 2010

HTML5 und die Vorlieben der Browser

Wenn Sie Webseiten programmieren und gestalten, kennen Sie das Problem schon seit Beginn Ihrer Arbeit: Jeder Browser interpretiert Ihre HTML-Codes auf seine Weise, einige sogar überhaupt nicht. Unrühmliche Ikone ist hier der Internet Explorer vom Microsoft, für den Webseiten-Entwickler stets ein ganz eigenes Süppchen kochen mussten, weil er sich mit Konfektionsware nicht zufrieden geben wollte. Aber was sollte man machen, solange dieser Browser der am weitesten verbreitete war? Kröte schlucken und die Webseite mit vielen Tricks und Workarounds aufwendig “tunen”, damit auch der Microsoft-Browser daraus eine vernünftige Darstellung ableiten konnte.

Inzwischen hat sich vieles geändert. Der Internet Explorer krebst nach meiner Statistik irgendwo bei 10% Marktanteil herum, dicht gefolgt von Safari von Apple, die Mozilla-Browser (wie Firefox und SeaMonkey) haben großflächig das Kommando übernommen und mit HTML5 steht ein neuer Web-Standard vor dem Durchbruch. Damit habe ich schon vor einiger Zeit ein wenig herumprobiert, aber mit geringem Erfolg, weil eigentlich nur Safari mit Spielereien wie embedded audio und video problemlos klarkam.

Safari-Screenshot
So sieht der embedded audio player in Safari 5.1 aus (Ausschnitt aus meiner Webseite)

Das fand ich aus zwei Gründen ziemlich schade: Erstens könnte man bei größerer Verbreitung völlig auf die von mir ungeliebte Adobe-Flash-Technologie verzichten und zweitens bin ich bekanntlich Audio-Produzent und arbeite nebenher auch noch für’s Fernsehen, also interessiert mich auch die Einbindung von Videos auf der Webseite.

Mein - zugegebenermaßen etwas vorsintflutliches - Werkzeug für solche Spielereien ist der Composer der SeaMonkey-Suite, bei dem HTML5-Elemente nur als reine html-Befehle eingegeben werden und vor dem Upload nicht auf volle Funktionsfähigkeit überprüft werden können. Deshalb, und weil ich als Standard-Browser Camino verwende (der ohnehin nichts mit HTML5 anfangen kann und für den ich als fallback beim Text “und so klingt’s” einen Hyperlink auf die Audiodatei gesetzt habe), ist mir wohl der Lapsus passiert, dass das als autoplay definierte HTML5-audio element auf meiner Startseite zwar unter Safari, aber nicht unter Firefox und Co. funktionierte, obwohl auch dort das Control-Panel zu sehen war; allerdings mit einem großen weißen X auf grauem Grund darüber.

Firefox-Screenshot
Das korrekt eingebundene HTML5-Audio-Element unter Firefox 3.6.10 (alles auf MacOS 10.6.4)

Nach einigem Suchen und Herumprobieren konnte ich das Rätsel lösen (das bei Experten wohl eher ein Gähnen auslöst, mir aber ziemliche Kopfschmerzen bereitete und mich eine halbe Nacht kostete): Die mit dem audio element verknüpfte Audio-Datei war im MP3-Format. Damit kommt zwar Safari klar (ebenso wie mit AAC-Dateien), aber nicht Firefox. Der weigert sich einfach, solche Dateien zu laden und besteht auf WAVE- oder Ogg-Container. Wobei WAVE ein ziemlicher Unsinn ist (wenn’s nicht auf die höchste Soundqualität und die Möglichkeit der Weiterbearbeitung ankommt), weil die Dateien um Welten größer sind als bei Vorbis-Ogg- oder MP3-Komprimierung. Ähnliche Unterschiede gibt’s natürlich auch bei Video-Dateien.

Und jetzt kommt mit dem Internet Explorer 9 noch ein neuer Mitspieler auf’s HTML5-Feld, der ebenfalls besondere Ansprüche hat. Aber halt: Die hat er ja gar nicht! Er mag genau wie Safari MP3 und AAC bei Audios sowie MP4-Container, h.264, alle Profile, bei Videos. Was für ein glücklicher Zufall und welch ein Unterschied zu den historischen Extrawürsten des Microsoft-Browsers.

Und wie löst nun der genervte Webseiten-Designer das Problem, mundgerechte HTML5-Elemente für alle HTML5-fähigen Browser zu basteln? Ganz einfach: Er lädt Audios und Videos mindestens doppelt in verschiedenen Formaten hoch und bindet sie dann nacheinander in den Programmcode ein. Etwa so:

<audio controls=controls>
<source src="mySong.aac">
<source src="mySong.ogg">
</audio

Eine gesonderte Browser-Erkennung ist nicht notwendig; jeder holt sich im Idealfall das passende Format und überspringt die anderen Angebote. Die bei älteren Firefox-Versionen eingebaute Divenhaftigkeit, dass das passende Ogg-File nur dann erkannt wird, wenn es ganz oben in den Liste steht, wurde inzwischen ausgemerzt. Wer ganz sicher gehen will, kann dem Browser auch noch eine kleine MIME-type-Hilfestellung geben:

<audio controls=controls>
<source src="mySong.aac" type="audio/mp4">
<source src="mySong.ogg" type="audio/ogg">
</audio>

Diese Zeilen sollten nun problemlos erkannt und das Audio-File abgespielt werden können. Absichtlich weggelassen habe ich bei den Beispielen die zahlreichen möglichen Attribute wie autoplay, autobuffer und loop sowie die Größenvorgaben für das Control-Panel (unnötig, wenn man mit der default-Standardgröße klarkommt).

Vielleicht geschehen aber auch noch Zeichen und Wunder und der kommende Firefox 4.0 reiht sich in die Riege der MP3-Versteher ein. Dann könnte man auf das multiple Hochladen verzichten. Oder eine der nächsten Safari-Versionen gibt sich mit (den auch bei Wikimedia üblichen) Vorbis-Audio-Dateien im Ogg-Container zufrieden… - ach nee, das versteht ja der neue Internet Explorer noch nicht. Und vermutlich werden Sie in diesem Blog HTML5-Elemente auch erst nach dem Jahr 2020 sehen, denn der 1&1-Blogbausatz erlaubt keine extravaganten Befehle und hinkt mehrere Jahre hinter der sonstigen Wordpress-Entwicklung und dessen zahlreichen plug-ins hinterher.

http://www.wikio.de

Motiv-Recherche zur Rätsellösung

Angehende Kriminalisten wissen es spätestens am dritten Tag ihrer Ausbildung: Die Suche nach dem Motiv einer Tat, oder besser der Motivation, führt meist auf direktem Weg zur Aufklärung. Die zentrale Frage ist also nicht das aus Kriminalfilmen bekannte Prinzip whodunit?, sondern why did he/she do it? Beantwortet wird sie in der Regel durch intensive Recherchen im Umfeld von Opfern und Verdächtigen, lange Befragungen und psychologisches Einfühlungsvermögen.

Liegt hier vielleicht schon die Erklärung dafür, warum Journalisten offenbar nur wenig von den Kriminalisten lernen wollen, obwohl doch erst die Beantwortung der “Warum?”-Frage eine komplette Story ergibt? Denn nicht nur in der Kriminalistik, auch im alltäglichen Leben - von lokal bis global - existiert keine Aktion oder Reaktion ohne Motivation: Der Vorsitzende des Kleintierzuchtvereins tritt urplötzlich und vermeintlich grundlos zurück, der Star eines Bundesliga-Teams will seinen Vertrag vorzeitig beenden und den Verein wechseln, ein langjähriger Spitzenpolitiker gibt seine Posten auf, eine Aktiengesellschaft will ihr Grundkapital erhöhen, ein mittleres Unternehmen will einen weitaus größeren Konkurrenten übernehmen, eine Partei setzt im Koalitionsvertrag eine Steuerermäßigung für eine bestimmte Branche durch, ein stadtbekannter Bauunternehmer spendet der privaten Kindertagesstätte eine namhafte Summe - alles Vorgänge mit komplexem Hintergrund.

Diesen zu recherchieren gehört zum echten investigativen Journalismus, der uns Volontären leider vor gut drei Jahrzehnten in der Ausbildung bei der Tageszeitung kaum beigebracht wurde und der wohl auch heutzutage nur selten vermittelt wird. Allzu oft werden Lesern, Hörern und Zuschauern maximal fünf der sechs journalistischen W-Fragen beantwortet, das “Warum?” bleibt ausgespart oder wird nur oberflächlich behandelt. Dabei könnte das Herausarbeiten der echten Motivation sogar zu einer komplett anderen Beurteilung des “Was?”, “Wer?”, “Wo?”, “Wann?” und “Wie?” führen.

Nur selten sind dabei die offensichtlichen und freiwillig genannten Gründe die wahre Motivation, auch wenn der Betroffene vielleicht selbst daran glaubt. Vieles spielt sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle im Unterbewussten ab - Psychotherapeuten bestreiten mit diesem Wissen ihren gesamten Lebensunterhalt (und da diese ebenfalls über ein Unterbewusstsein verfügen, benötigen sie zur schadenfreien Fortsetzung ihrer Arbeit regelmäßige Supervision - sozusagen die Motivations-Recherche für die Motivations-Rechercheure).

Sie kennen dieses Phänomen vielleicht schon aus Ihrem familiären Umfeld: Ihr Vater war viele Jahre begeisterter Kinogänger, will aber jetzt plötzlich nicht mehr mit Ihnen den neuesten Tarantino-Streifen sehen? Seine Erklärung: “Diese neuen Filme sind mir zu brutal, zu schnell geschnitten und eine echte Handlung haben die auch nicht mehr”. Klingt erstmal einleuchtend, es könnte aber auch sein, dass er wegen eines noch nicht diagnostizierten “Grauen Stars” das Geschehen auf der Leinwand kaum noch verfolgen kann, oder dass er wegen des nachlassenden Hörvermögens die Dialoge nur bruchstückhaft wahrnimmt. Solche Alterserscheinungen sind häufig derart bedrückend, dass sie vom Bewusstsein “unter dem Deckel” gehalten werden, also auch der Außenwelt nicht mitgeteilt werden können.

Und da sind wir wieder beim Bauunternehmer mit der Spende an die Kindertagesstätte. Von der rationalen Motivation her scheint alles klar: Der Mann will Gutes tun, um das Image seines Unternehmens zu verbessern und um direkt oder indirekt neue Bauaufträge zu erhalten. Bei der Wahl zwischen einem rationalen und einem emotionalen Motiv gewinnt aber meistens das emotionale. Will er nicht vielleicht eher sein Gewissen entlasten, weil er als vielbeschäftigter Unternehmer kaum Zeit für die eigenen Kinder hatte? Oder denkt er gar an die eigene Kindheit, als sein (kürzlich verstorbener) Vater ihn während der Gründungsphase des Unternehmens sträflich vernachlässigt hatte?

Die gleiche Nachricht kann also je nach Rechercheaufwand zu einem völlig anderen Artikel in der Lokalzeitung führen und dem Leser ein sehr unterschiedliches Bild des Bauunternehmers vermitteln. Bei Unterschlagung des Motivationsaspekts ist er nur ein berechnender Geschäftsmann, bei gründlicher Arbeit des Lokaljournalisten ein Mensch mit nachvollziehbaren Gefühlen.

Solche Recherchen können auf jeder Ebene - etwa im Berliner Politikbetrieb - natürlich auch zu gegenteiligen Ergebnissen führen. Wie viele Entscheidungen sind dort schon gefallen, die nicht (wie vorgegaukelt) dem “Wohl der Menschen im Land” dienten, sondern nur dem Wahl- und Machtkalkül? Welcher Politiker ist nur Apparatschik der Funktionärskaste und welcher agiert als menschliches Wesen? Das herauszuarbeiten, sollte eigentlich die Arbeit eines Journalisten sein und die findet nicht auf Pressekonferenzen statt.

Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch, wenn ich behaupte, dass Journalisten von Kriminalisten lernen können. Damit ist nicht die neue Unsitte gemeint, Detekteien im Auftrag der Redaktion auf Prominente loszulassen, um mutmaßliche private Fehltritte, Liebschaften und uneheliche Kinder zu enthüllen. Das wäre nur Suhlen um Schlamm und hat mit Journalismus nichts zu tun. Eine Motivations-Recherche bei den daran beteiligten “Redakteuren” und “Reportern” wäre sicher spannend.

http://www.wikio.de