Archive für Juni 2009

Gibt’s den auch mit Blinker?

Das frage ich mich bei zahlreichen Automodellen im deutschen Straßenverkehr, denn offenbar werden immer weniger davon mit Fahrtrichtungsanzeigern ausgestattet. Das ist zum Teil nur lästig (wenn man zum Beispiel bei der Einfahrt in einen Kreisverkehr erstmal längere Zeit dumm ‘rumsteht und vermeintlich die Vorfahrt gewährt, weil die von links kommenden Autos vor Erreichen meiner Einfahrt überraschenderweise die Abfahrt davor nehmen, dies aber nicht durch Rechtsblinken angezeigt haben), zum Teil aber auch höchst gefährlich (beim Spurwechsel, wenn ohne Linksblinken überraschend vom Straßenrand losgefahren wird oder wenn der Vordermann ohne Rechtsblinken plötzlich abbremst, um eine Parklücke zu erwischen).
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Einer der wenigen funktionierenden Fahrtrichtungsanzeiger (Quelle)

Offenbar ist diese Beobachtung nicht nur meine subjektive Sicht, sondern auch belegbar, wobei sich der Anteil der “Blinkmuffel” seit dieser ADAC-Studie eher noch vergrößert haben dürfte. Fast schon belustigend (aber genauso gefährlich) sind dabei die Zeitgenossen, die erst nach einem Spurwechsel entdecken, dass ihr Fahrzeug einen Blinker hat und diesen dann auch weitgehend sinnlos, aber beherzt einsetzen.

Über all das kann ich mich maßlos aufregen, besser wäre es aber, nach den Ursachen zu forschen. Keine Blinker-Hand mehr frei wegen Handy am Ohr? Keine Gehirnzellen mehr frei wegen Überbeanspruchung? Zu bekifft oder zu besoffen? Keine Rücksichtnahme wegen mangelnder sozialer Kompetenz? Legal-illegal-scheißegal-Mentalität (kennen wir schon von den Downloadpiraten)? Oder sind das alles Leute, denen man ohnehin nie hätte verraten sollen, dass es Autos gibt? So viele Fragen, so wenig belastbare Antworten.

Blinkmuffel geben aber immerhin ungewollt ein paar Hinweise, wenn man ihnen zufällig einige Kilometer folgen muss. Häufig handelt es sich nicht um Einzelfalltäter, sondern sie missachten regelmäßig diverse Verkehrsregeln. Neben Dauer-Nichtbenutzung des Blinkers fallen hier etwa Verstöße gegen Tempolimits und Abstandsregeln auf. Auffallend ist auch, dass zahlreiche Straftäter außerhalb ihres “angestammten” Bereiches (etwa Gewaltkriminalität) kleinere Vorstrafen wegen Verkehrsdelikten oder ein dickes Punktekonto in Flensburg haben. Offenbar kumulieren sich verschiedene Formen des Fehlverhaltens gerne bei entsprechend disponierten Personen.

Unbegreiflich finde ich es allerdings, dass Polizeistreifen Blinkmuffel meist unbeachtet und unbestraft lassen oder sogar selbst gerne auf die Benutzung des Blinkers verzichten. Das könnte man als “mangelnde Vorbildfunktion” und “schleichende Disziplinlosigkeit” bezeichnen, man darf angesichts der Toten und Verletzten durch Blinkmuffel aber auch gerne drastischere Worte verwenden.

Wer gut schmiert, der gut fährt?

In meinem früheren Leben war ich ab und zu auch mal als Teilzeit-Motorjournalist tätig und habe fallweise Autos und Motorräder für gedruckte Medien “getestet”. Dafür muss ich mich eigentlich auch im Nachhinein nicht unbedingt schämen, wohl aber für den grundsätzlichen Irrtum des jahrzehntelang praktizierten Systems, dessen Auswirkungen jetzt in voller Wucht spürbar sind. Kurz gesagt: Die hier vom ARD-Magazin “Panorama” bereits 1997 dokumentierte systemimmanente Kumpanei zwischen Industrie und Journalisten hat dafür gesorgt, dass sich alle Beteiligten erstmal die eigenen Taschen vollgemacht und dann in dieselben gelogen haben; immer in der Hoffnung, das alles so nett und ertragreich bleiben möge wie bisher.

Die Hoffnung hat getrogen: Die deutsche Autoindustrie hat zum Beispiel Entwicklungen wie den Hybrid- und Elektroantrieb verschlafen (Mercedes bringt erst jetzt den ersten Hybridantrieb in einem Serienwagen auf den Markt - mit dem S 400 allerdings ausgerechnet in einem über 85.000 Euro teuren Modell der Luxusklasse; kein Volumenmodell, eher ein Alibiprodukt) und hätte auch ohne die weltweite Rezession massive Absatzprobleme. Das liegt nicht allein an der Verschnarchtheit vieler Vorstandsmitglieder, sondern auch an der Kritiklosigkeit vieler Motorjournalisten, denen der eigene Vorteil wichtiger war als die eigentliche Aufgabe ihres Berufs.

Zugegeben, die Versuchung ist groß: Da werden für Modellpräsentationen selbst “kleine” Tageszeitungsredakteure in exklusive Schlosshotels oder Traumurlaubsziele eingeladen, dort exquisit bewirtet, teilweise mit kleinen Geschenken verwöhnt, um dann von hochkarätigen Managern das neue Modell in den schönsten Farben geschildert zu bekommen und anschließend einige entspannte Runden auf meist vorgegebenen Strecken zu drehen. Die Geschenkpalette reichte dabei in der Vergangenheit von Schmuck-Pretiosen über teure Unterhaltungselektronik (vorgeblich, um etwa die Präsentations-DVD des Modells abspielen zu können) bis hin zu Gratis-Dienstleistungen, die mir ein Kollege damals als “Dame auf dem Zimmer” beschrieb. Was da bei solchen zwei- oder dreitägigen Presseterminen nun genau “getestet” werden sollte, ist mir schleierhaft, das Auto kann’s unter diesen Umständen eher nicht gewesen sein.

Okay, die echten Tests werden nicht bei Präsentationen erarbeitet. Dort entstehen eher die so genannten “Fahrberichte” (die aber von manchen Medien dann doch der Leserschaft als “Tests” verkauft werden). Für ausführlichere Begutachtungen stellt die Industrie ein Fahrzeug für etwa zwei Wochen zur Verfügung, das dann tatsächlich vor allem von Fachmedien auf Herz und Nieren geprüft und ausprobiert wird - auch unter Extrembedingungen. Letzteres entfällt allerdings bei Tageszeitungen in der Regel aus Kosten-, Kompetenz- und Kapazitätsgründen, was einige Kollegen aber nicht daran hindert, ihre mit immer knapperem Einkommen kämpfende Leserschaft mit “Tests” von Supersportwagen zu verblüffen, deren Potenzial sich eher auf der Rennstrecke als im öffentlichen Straßenverkehr erschließt.

Diese Missachtung der Zielgruppe könnten wir ja noch als eine lästige, aber weitgehend harmlose Form der “journalistischen” Masturbation abtun, die Arbeit der Fachpublikationen allerdings nicht. Eine gut organisierte Presseabteilung eines Auto- oder Motorradanbieters hat immer einen Fuhrpark von speziell vorbereiteten Testwagen, die höchst sorgfältig überprüft und gegebenenfalls nachbearbeitet sind und deren Motorleistung an der oberen Grenze der möglichen Bandbreite liegt. So kommen in den Tests Leistungs-, Verbrauchswerte und Beurteilungen zustande, die häufig im Alltag mit Fahrzeugen vom Händler nicht nachvollziehbar sind. Diese Pressefahrzeuge können übrigens nach einer gewissen Zeit und gründlicher Überholung zu sehr günstigen Konditionen von eben jenen Journalisten gekauft werden, die sie vorher über den grünen Klee gelobt haben.

Wer in den letzten Jahrzehnten seine Informationen über den Stand der Fahrzeugproduktion und -Entwicklung im Hinblick auf eine Zukunft mit immer knapperen Resourcen ausschließlich von “Motorjournalisten” bezogen hat (und das gilt nicht nur für Deutschland), für den muss eigentlich immer alles in Butter gewesen sein. Und diese rosige Sicht der Dinge hat offenbar auch die Industrie selbst geglaubt - das erinnert an die Realitätsferne des DDR-Regimes in den letzten Jahren seines Bestehens. Die Rache dafür kommt spät, aber sie ist da.

P.S.: Das neueste Beispiel solcher Jubelarien hier von Paul Zitsch auf dem unautodox-Blog. Das Übel nimmt offenbar kein Ende.

Stirb lieber langsam…

…wenn’s dein Radiosender oder deine Tageszeitung noch mitbekommen soll: Der Tod des ehemaligen Pop-Königs Michael Jackson mitten in unserer mitteleuropäischen Sommerzeit-Nacht zum 26. Juni geschah zur denkbar ungünstigsten Zeit für einige deutsche Medien. Die meisten Tageszeitungen erschienen an diesem Tag ohne die Meldung und viele private Radiostationen konnten auch erst zu Beginn ihrer Morning-Shows darauf reagieren. Ersteres liegt natürlich am frühen Redaktionsschluss, Letzteres an der Abwesenheit von menschlichen Lebewesen zu nächtlicher Stunde, wo häufig aus Sparsamkeitsgründen nur eine Automation für das Programm sorgt.

Aber vielleicht stimmt diese Einschätzung ja überhaupt nicht, vielleicht denken private Sender ja einfach länger nach als öffentlich-rechtliche, bevor sie einen Todes- oder ernsthaften Krankheitsfall vermelden. Das jedenfalls lässt diese Einschätzung der Programmchefin von Antenne Bayern vermuten. Dort wurde der erste Michael-Jackson-Titel also erst nach 5 Uhr gespielt, während zum Beispiel im Programm meines Hauptauftraggebers SWR 1 bereits ab Mitternacht stündlich zwei Titel mit den jeweils aktualisierten Meldungen liefen. Und die sprachen nicht erst um 4.30 Uhr zweifelsfrei von Jacksons Ableben, sondern schon drei Stunden zuvor.

Bereits eine halbe Stunde vor Mitternacht unserer Zeit war offiziell bekannt, dass Michael Jackson mit schweren Gesundheitsproblemen in ein Krankenhaus in Los Angeles eingeliefert worden war (zu diesem Zeitpunkt hatten die Ärzte allerdings in Wahrheit schon den Tod festgestellt). Das allein hatte meines Erachtens schon einen hohen Nachrichtenwert, fiel aber offenbar mangels körperlich und geistig anwesendenem Personal bei vielen privaten Radio- und TV-Sendern durch den Rost.

Dass selbst deutsche TV-”Nachrichten”- und “Musik”-Sender Opfer dieses unerwarteten Todes waren, ist fast noch schlimmer als der Todesfall selbst. Und wenn Sie nun einwenden, dass es nun wirklich keine Rolle spiele, ob der Tod eines Pop-Weltstars zwei oder drei Stunden früher oder später vermeldet wird, dann glauben Sie bloß nicht, dass das zum Beispiel beim Tod eines deutschen Regierungsmitgliedes anders ablaufen würde. Spätestens seit dem 11. September 2001 will ich nach dem Einschalten des Radios oder TV-Gerätes zu jeder Tages- oder Nachtzeit wissen, ob - sinnbildlich gesprochen - “die Welt noch steht”. Bei zahlreichen Sendern wird dieser Anspruch nicht (mehr) erfüllt, bei der Tageszeitung kann ich es in dieser schnelllebigen Zeit ohnehin nicht mehr erwarten.

Das erste Medium, das Michael Jacksons Tod meldete, war die Internet-Promigerüchteplattform tmz.com in den USA, die aktuellsten und ausführlichsten Meldungen über die Proteste gegen die unglaubhaften Wahlergebnisse im Iran liefen via youtube und Twitter - sind das jetzt die Informationsquellen, auf die wir uns heutzutage verlassen müssen? Nein, nicht ausschließlich, aber beunruhigenderweise immer häufiger.

It’s money that matters…*

Im Internet ist (fast) alles kostenlos: Musik, Nachrichten, Filme, Blogs wie dieser hier - offenbar will und muss niemand mehr für irgendeine geistige Dienstleistung oder ein kreatives Produkt bezahlen. Ist daran was falsch? Nein, wenn es zum Beispiel um ein sich ständig wandelndes und potenziell unzuverlässsiges Produkt der Schwarmintelligenz geht wie Wikipedia (die grade heftig darüber streitet, ob von Dritten bezahlte Beiträge künftig erlaubt sein sollen), um grottenschlechten, wertlosen Online-”Journalismus”, um mehr oder weniger lustige Amateurvideos oder um private Meinungsäußerungen. Höchst problematisch wird’s aber bei Inhalten, die einen echten künstlerischen oder informativen Wert darstellen und die einer Person oder einem Unternehmen zumindest mal das nackte Überleben sichern sollten.

Der alte Spruch If you pay peanuts you’ll get monkeys stimmt nämlich - langfristig gesehen - immer noch. Eine Industrie oder Autoren, die für ihre Leistungen nur unzureichend oder gar nicht bezahlt werden, können bald auch nur Unzureichendes liefern oder sterben den Hungertod. Beispiele für beide Szenarien gibt es bereits zuhauf, wobei die Schrotthalde im Internet den Leichenberg noch weit überragt.

Aber wer könnte denn bitteschön was dagegen haben, dass ein Hartz-IV-Empfänger oder einkommensloser Schüler seine Teilhabe an der Kultur dadurch sichert, indem er illegal und gratis Musik und Filme über Tauschbörsen herunterlädt? Eigentlich niemand, denn er darf ja als GEZ-Beitragsbefreiter auch gratis öffentlich-rechtlichen Rundfunk empfangen. Aber das ist nur eine Seite der Medaille: Gratis-Downloads werden nämlich auch gerne in Einkommensschichten beansprucht, die das überhaupt nicht nötig hätten. Macht ja jeder, kann ja nicht so schlimm sein. Schließlich klauen ja auch die Boulevardzeitungen ungeniert und unter Missachtung aller Urheberrechte private Bilder und Texte. Genau deshalb ist es aber schlimm: Weil diese Gratis-Selbstbedienungsmentalität jeglicher Autorenschaft die finanzielle Grundlage entzieht, dadurch Dienstleistungen und Produkte tötet und letztendlich die Reichen noch Reicher und die Armen noch ärmer macht (natürlich auch kulturell und geistig). Wer also heute was kostenlos bekommt, kriegt morgen überhaupt nichts mehr.

Schon heute sind die Ergebnisse dieses Prozesses auf beiden Seiten zu beobachten: Filme werden immer anspruchsloser, Journalismus wird immer schlampiger und Radio für den Musikbetrieb oder die Informationsvermittlung immer unerheblicher. Andererseits finden es immer weniger Medienschaffende anstößig, ihr Bankkonto durch Nebentätigkeiten aufzupolstern, die ihre journalistische Unabhängigkeit in Frage stellen. Ein Moderator wie Tom Buhrow müsste mit den ARD-Honorarsätzen doch problemlos in der Lage sein, sich und seine Familie zu ernähren. Bedarf es da wirklich noch zusätzlich fünfstelliger Zuwendungen aus der Industrie für Moderations- und Präsentationseinsätze? Das mag zwar legal sein, aber deshalb nicht unbedingt moralisch einwandfrei.

Ich bin selbst derzeit noch ARD-Mitarbeiter (bis Ende des Jahres), habe aber seit Beginn dieser Tätigkeit alle vorherigen Werbe- und Gewerbetätigkeiten eingestellt. Die Konsequenz geht sogar soweit, dass ich nicht einmal die von fast allen Unternehmen gewährten Journalistenrabatte (eine gehobene und legale Form der Korruption) in Anspruch nehme - im Fall eines Autokaufs macht das schon mal mehrere tausend Euro Unterschied aus. Das mag den meisten Kollegen zu puristisch erscheinen, gehört aber für mich zur Integrität eines Journalisten, von dem die Menschen erwarten, dass er sie möglichst objektiv und unbeeinflusst informiert. Jetzt müssen diese Menschen halt nur noch bereit sein, mich für diese Leistung auch noch ausreichend zu bezahlen, sonst funktioniert dieses Modell auf Gegenseitigkeit nicht mehr.

*Der Song von Randy Newman hat das Grundproblem schon vor Jahren auf den Punkt gebracht

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