„Geplante Obsoleszenz“: Auch ein Thema bei LED-Lampen?

by Wolfgang Messer | 21.3.2013 19:42

„Murks? Nein Danke“[1] nennt sich eine 2012 gestartete Kampagne des Berliner Diplom-Betriebswirts Stefan Schridde, die vor wenigen Tagen von „Bündnis 90/Die Grünen“ aufgegriffen wurde. Sie soll die „geplante Obsoleszenz[2]“ anprangern; es geht also um Produkte, die von vornherein auf eine begrenzte Lebensdauer angelegt sind. Beispielsweise würden unterdimensionierte Kondensatoren in Elektrogeräten eingebaut. Betrifft das auch die als besonders langlebig angepriesenen LED-Lampen?

LED-Treiber-Elkos
Elektrolytkondensatoren[3] in der Vorschaltelektronik eines neuen Osram-LED-Spots[4] – links ein blauer im schwarzen „Mantel“, rechts ein weinroter, unverhüllter Elko. (Foto: W. Messer)

Das Thema ist nicht neu; eine vielbeachtete ARTE-Dokumentation berichtete bereits Anfang 2011 über „Kaufen für die Müllhalde“[5] und nannte unter anderem ein Beispiel aus den 1920er Jahren[6]. Stichhaltige Beweise für eine vorsätzliche Begrenzung der Produkt-Lebensdauer finden sich aber nur in Einzelfällen[7]; umfassende, statistisch aussagekräftige Erhebungen gibt es nicht. Auch Schridde und „Bündnis 90/Die Grünen“ können dazu in ihrer unwissenschaftlichen „Studie“ zum „geplanten Verschleiß“[8] – außer einigen Beispielen – nichts Belastbares vorlegen.

Dennoch kennt wohl jeder aus dem privaten Bereich den Ärger,  wenn ein elektrisches/elektronisches Gerät vorzeitig den Dienst quittiert[9]. Häufig passiert das kurz nach Ablauf der Garantie, was den Verdacht auf eine „geplante Obsoleszenz“[10] nahe legt. LED-Lampen bilden da keine rühmliche Ausnahme, selbst wenn ihnen von den Herstellern teilweise über 25 Jahre Lebensdauer[11] nachgesagt werden (bei durchschnittlich knapp drei Leuchtstunden pro Tag).

Fastvoice-Eigenwerbung neu[12]

In den vergangenen drei Jahren hatte ich bei verschiedenen Fabrikaten rund ein Dutzend Defekte oder Totalausfälle[13]. Jedoch waren es nie die LED-Chips selbst, die den Geist aufgaben, sondern immer Bauteile oder Lötstellen der Vorschaltelektronik. Das lag teils sicher am Einbau in thermisch ungünstige Leuchten und an der überdurchschnittlichen Nutzung. Einige Lampen waren bei mir regelmäßig über acht Stunden täglich im Einsatz.

Unbestritten ist aber auch, dass bei der Konstruktion von „Retrofit“-LED-Lampen viele potenzielle Fehlerquellen lauern: Mangelhaftes Gehäuse-Kühlkonzept[14], zu viel Hitzeentwicklung[15] durch „Ausreizen“ der möglichen Lichtstrom[16]ausbeute durch hohe Stromzufuhr und/oder durch schlechte Wärmeableitung, unterdimensionierte Treiber-Bauteile, inkompatible Chemikalien[17], ineffiziente LED-Chips und mangelhafte Luminiszenzkonversions-Beschichtung[18].

Zielkonflikt zwischen Qualität und Preis

Die nächsten Stolpersteine liegen in der Serienproduktion: Hält sich mein Produzent in Asien tatsächlich 100prozentig an die Design-Vorgaben? Ersetzt er Drosseln, Widerstände oder Elkos heimlich durch billigere Modelle ähnlicher Bauart? Werden wirklich alle Produktionsschritte mit der nötigen Sorgfalt durchgeführt oder produziert die Fabrik beispielsweise häufig „kalte“ Lötstellen mit hohem Übergangswiderstand?

Prinzipiell gibt es natürlich einen Zielkonflikt zwischen möglichst hoher Qualität und einem auch für die sparfixierte/“geizige“ Kundschaft akzeptablen Verkaufspreis. Einem immer größeren Anteil der Verbraucher kann jedoch selbst ein technologisch hochwertiges Produkt nicht blllig genug sein. Auf diversen Schnäppchenportalen[19] gelten beispielsweise knapp 10 Euro für das LED-Äquivalent einer herkömmlichen 40-Watt-Glühlampe als überteuert. Alternativ wird dann gerne auf den China-Eigenimport verwiesen, bei dem es ein vermeintlich gleiches Leuchtmittel schon für 4,99 Euro oder weniger gibt.

Hier gelten aber ähnliche betriebswirtschaftliche Regeln wie beim Hackfleisch aus dem Discounter für 2,78 Euro/kg[20]: Die Zutaten können unterhalb einer gewissen Preisschwelle nicht vom Feinsten sein, selbst wenn es bei den einzelnen Bauteilen jeweils nur um wenige Cent Unterschied zwischen gut und böse geht – beispielsweise für die von Stefan Schridde erwähnten unterdimensionierten Elkos.

Auch bei den Großen gibt’s Rückrufe

In diesem ohnehin brisanten Spannungsfeld[21] einer bei Weitem noch nicht perfekt entwickelten[22], neuen Beleuchtungstechnologie[23] mit teils sehr geringen Renditen[24] kann dann sogar mal den „Großen“ der Branche was daneben gehen. Diese Woche gab es eine umfangreiche freiwillige Rückrufaktion[25] des US-Unternehmens „Osram-Sylvania“[26] (Ausschnitt aus dem pdf-Poster[27]):

Sylvania-LED-Rückruf

Bei drei älteren „Retrofit“-LED-Lampenmodellen mit insgesamt acht Varianten wurde offenbar eine Überhitzungsgefahr festgestellt, die eventuell Brände auslösen könne. Betroffen sei die komplette Fertigung zwischen dem 4. Oktober 2010 und dem 18. März 2011. Die Produkte sind also schon mindestens zwei Jahre alt und dennoch gab es erst jetzt diese massiven Sicherheitsbedenken. In Europa kamen diese Modelle meines Wissens nicht offiziell auf den Markt; die hiesigen[28] Osram-LED-Lampen[29] sind andere Konstruktionen.

Ein „Todeszeitpunkt“ ist nicht planbar

Für LED-Lampen gilt prinzipiell die auch von anderen Elektrogeräten bekannte Ausfallverteilung nach der „Badewannenkurve“[30] (Grafik: Wyatts, McSush, El Grafo @ Wikimedia Commons[31], Lizenz: Public Domain[32]):

Badewannen-Kurve
In der ersten Zeit verabschieden sich also sehr schnell und mit relativ hoher Rate die fehlerhaften „Montagsexemplare“; alle anderen Lampen haben danach eine lange Zeit mit wenigen Ausfällen, und erst sehr viel später steigt die Ausfallrate altersbedingt wieder an.

Was lernen wir daraus? Sie können sich selbst bei hochwertigen Marken-LED-Lampen auch nach Jahren nicht unbedingt auf eine korrekte Funktion verlassen. Ich würde allerdings nicht von einem „geplanten, vorzeitigen Tod“ sprechen. Schlampig konstruierte und produzierte LED-Leuchtmittel halten teils nur ein paar Wochen oder Monate durch – also noch innerhalb unserer gesetzlichen Gewährleistungszeit (die gilt jedoch nicht für China-Eigenimporte). Welcher europäische Anbieter hätte ein Interesse daran, dass sich so was herumspricht? Sein Geschäftsmodell wäre schnell beendet – auch durch die kostenträchtigen Ersatzlieferungen.

Die LED-Branchenführer gewähren dagegen verlängerte Garantien; je nach Lampenmodell bis zu fünf Jahre für private Verbraucher, für gewerbliche Kunden teils auch länger. Wie sollten die eine technische Lösung finden, dass eine Lampe genau so lange hält wie die Garantiezeit? Angesichts der sehr unterschiedlichen Einsatzbedingungen und Nutzungsintensitäten ein Ding der Unmöglichkeit. Auch die „Stiftung Warentest“ hat bei ihren Untersuchungen und Langzeittests von LED-Leuchtmitteln[33] keine Anhaltspunkte dafür gefunden[34].

„Murks“ macht uns die LED-Technik madig

Mein Fazit: „Murks“ gibt es selbstverständlich auch bei LED-Lampen; das ist bei der unübersehbar großen globalen Hersteller- und Produktvielfalt kaum anders zu erwarten. Mich würde es nicht mal wundern, wenn der quantitative Anteil mangelhafter Erzeugnisse an der weltweiten Gesamtproduktion der vergangenen fünf Jahre bei rund 50% liegen würde (asiatische Hinterhofklitschen mitgerechnet).

Das ist Ressourcen-Verschwendung und eine Umweltsünde in doppelter Hinsicht, denn – geplant oder nicht: Schon wenige Schrott-Lampen versauen den Ruf der gesamten LED-Branche und schrecken die Kundschaft vom Umstieg auf eine prinzipiell energiesparende[35], langlebige Beleuchtungs-Technologie ab.

Mehr zum Thema:

LED-Nennlebensdauer: Alles über Leuchtstunden und Schaltzyklen[36]

Blog-Leserfrage (KW 19): Wie sparsam ist die LED-Vorschaltelektronik wirklich?[37]

Spannend: Schneller LED-Tod wegen zu viel Volt im Stromnetz?[38]

Leiden LED-Lampen durch Dunst, Dampf und Staub?[39]

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Links/Quellen:
  1. „Murks? Nein Danke“: http://www.murks-nein-danke.de/murksmelden/information/
  2. geplante Obsoleszenz: http://de.wikipedia.org/wiki/Obsoleszenz#Geplante_Obsoleszenz
  3. Elektrolytkondensatoren: http://de.wikipedia.org/wiki/Kondensator_(Elektrotechnik)#Elektrolytkondensator
  4. neuen Osram-LED-Spots: http://fastvoice.net/2013/02/10/neuer-osram-superstar-spot-das-led-fernlicht/
  5. „Kaufen für die Müllhalde“: http://www.youtube.com/watch?v=zVFZ4Ocz4VA
  6. ein Beispiel aus den 1920er Jahren: http://de.wikipedia.org/wiki/Phoebuskartell
  7. Einzelfällen: http://www.wdr.de/tv/servicezeit/sendungsbeitraege/2012/kw45/1106/00_obsoleszenz.jsp
  8. „Studie“ zum „geplanten Verschleiß“: http://www.gruene-bundestag.de/themen/umwelt/gekauft-gebraucht-kaputt_ID_4387858.html
  9. vorzeitig den Dienst quittiert: http://www.murks-nein-danke.de/murksmelden/pixma-mp550-hersteller-canon/
  10. „geplante Obsoleszenz“: http://blog.br.de/quer/produkt-kaputt-profit-gesteigert-die-konsumtricks-der-industrie-27112013.html
  11. 25 Jahre Lebensdauer: http://fastvoice.net/2012/05/25/led-splitter-osram-werk-in-china-hass-test-bei-ledon/
  12. [Image]: https://www.twitter.com/Fastvoice
  13. Defekte oder Totalausfälle: http://fastvoice.net/2012/09/03/led-schlachtbank-im-fastvoice-studio/
  14. Gehäuse-Kühlkonzept: http://fastvoice.net/2012/08/30/3m-neuartige-led-birne-aus-new-ulm/
  15. Hitzeentwicklung: http://fastvoice.net/2012/08/11/hier-wirds-heis-der-tc-punkt-von-led-lampen/
  16. Lichtstrom: http://fastvoice.net/2012/03/07/led-helligkeit-lumen-sagen-nur-die-halbe-wahrheit/
  17. inkompatible Chemikalien: http://fastvoice.net/2013/02/20/voc-der-un-heimliche-feind-der-led/
  18. Luminiszenzkonversions-Beschichtung: http://fastvoice.net/2012/03/05/wie-leds-zum-gluhlampen-ersatz-werden/
  19. Schnäppchenportalen: http://hukd.mydealz.de/all/deals/hot
  20. Hackfleisch aus dem Discounter für 2,78 Euro/kg: http://fastvoice.net/2011/08/07/fleischpflanzerl/
  21. ohnehin brisanten Spannungsfeld: http://fastvoice.net/2013/02/27/led-kaufer-lost-in-conversion/
  22. bei Weitem noch nicht perfekt entwickelten: http://fastvoice.net/2013/03/05/surrende-led-lampen-der-zufall-spielt-mit/
  23. neuen Beleuchtungstechnologie: http://fastvoice.net/2012/02/07/led-beleuchtung-wackelkontakte-beim-wandel/
  24. teils sehr geringen Renditen: http://fastvoice.net/2012/05/08/led-markt-grose-projekte-kleine-renditen/
  25. freiwillige Rückrufaktion: http://www.lsgc.com/recall/
  26. „Osram-Sylvania“: http://en.wikipedia.org/wiki/Osram_Sylvania
  27. pdf-Poster: http://assets.sylvania.com/assets/Documents/safetyrecall_LED.c4d32092-0203-4caf-93a1-55b9da89f400.pdf
  28. hiesigen: http://fastvoice.net/2013/02/11/neue-classic-a-40-adv-osram-led-lampe-fur-preisfuchse/
  29. Osram-LED-Lampen: http://fastvoice.net/2012/12/20/osram-led-classic-a-75-advanced-sehr-helles-kopfchen/
  30. „Badewannenkurve“: http://de.wikipedia.org/wiki/Ausfallverteilung
  31. Wikimedia Commons: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bathtub_curve_de.svg
  32. Public Domain: http://en.wikipedia.org/wiki/public_domain
  33. Langzeittests von LED-Leuchtmitteln: http://www.test.de/Energiesparlampen-Bester-Ersatz-fuer-die-60-Watt-Birne-4533155-0/
  34. keine Anhaltspunkte dafür gefunden: http://www.test.de/Geplante-Obsoleszenz-Tests-zeigen-keine-Sollbruchstellen-4522633-0/
  35. energiesparende: http://fastvoice.net/2012/11/17/led-umrustung-wie-viel-sparen-sie-wirklich/
  36. LED-Nennlebensdauer: Alles über Leuchtstunden und Schaltzyklen: http://fastvoice.net/2014/01/16/led-nennlebensdauer-alles-ueber-leuchtstunden-und-schaltzyklen/
  37. Blog-Leserfrage (KW 19): Wie sparsam ist die LED-Vorschaltelektronik wirklich?: http://fastvoice.net/2015/06/13/blog-leserfrage-19-wie-sparsam-ist-die-led-vorschaltelektronik-wirklich/
  38. Spannend: Schneller LED-Tod wegen zu viel Volt im Stromnetz?: http://fastvoice.net/2014/12/06/spannend-schneller-led-tod-wegen-zu-viel-volt-im-stromnetz/
  39. Leiden LED-Lampen durch Dunst, Dampf und Staub?: http://fastvoice.net/2012/08/29/leiden-led-lampen-durch-dunst-dampf-und-staub/

Source URL: http://fastvoice.net/2013/03/21/geplante-obsoleszenz-auch-ein-thema-bei-led-lampen/