LED-Markt: Große Projekte, kleine Renditen

by Wolfgang Messer | 8.5.2012 15:15

Falls sich der eine oder andere Blog-Leser wundert, warum ich hier schon lange keine LED-Beleuchtungs-Sonderangebote aus Bau-, Supermärkten und Discountern mehr unter die Lupe genommen habe: Es gab in den vergangenen Wochen keine; abgesehen von LED-Taschenlampen oder den saisonüblichen Solar-LED-Gartenleuchten und -Gimmicks. Das ist für den ins Stocken geratenen LED-Konsumentenmarkt kein gutes Zeichen. Schlagzeilen machen zur Zeit auch nicht bezahlbare Produkte für Privatanwender, sondern gewerbliche Großprojekte und teure “Glühbirnen”-Ersatz-Entwicklungen mit immer neuen Helligkeitsrekorden, aber meines Erachtens begrenzter Sinnhaftigkeit.

Stadionfassade Warschau
Die Fassade des EM-Fußballstadions in Warschau wird mit 1700 digital gesteuerten LED-Leuchten der Osram-Tochter “Traxon” zu einem riesigen Farbbildschirm. (Foto: Osram-PR[1]) 

Morgen (9. Mai) startet in Las Vegas die nach eigenen Angaben größte Messe und Konferenz für Architektur- und Gewerbebeleuchtung, die “Lightfair International”[2] (Twitter-Hashtag #LFI2012[3]). Vordergründig werden dort die Protagonisten der Szene – wie Cree, Nichia, Philips, Osram, General Electric und Toshiba – voller Stolz neue Entwicklungen und Leistungsrekorde präsentieren. Im Hintergrund schwelt aber die ungünstige Gemengelage aus Wirtschaftskrise und Umbruch im Lichtmarkt[4].

Zwar haben die europäischen Beleuchtungs-Marktführer Osram und Philips schon begonnen, ihre Strukturen und Produktionsstätten mit Millionen-Investitionen und umfangreichem Arbeitsplatzabbau auf LED- und OLED[5]-Technik umzustellen. 2011 machte LED-Beleuchtung aber nur rund zwei Prozent des Lichtmarkts in Deutschland aus. Wir reden also immer noch von einer teuren Nischentechnologie, die von privaten Haushalten nur zögernd angenommen wird (die Gründe habe ich bereits in einem anderen Blogbeitrag ausführlich erläutert[6]).

LED-Lampen sind keine “Schnelldreher”

Dass ich in den vergangenen Wochen nur wenige LED-Sonderangebote in den Prospekten der “Mainstream”-Händler (OBI, Aldi, Lidl, Bauhaus etc.) gefunden habe, liegt vermutlich nicht daran, dass sie’s wegen meiner ständigen Meckerei[7] über mangelnde[8] oder falsche Produktbeschreibungen[9] und teils zu dunkle[10] Leuchten und Lampen aufgegeben haben. Was in diesem Blog steht, interessiert wahrscheinlich in der Kohlenstoff-Welt der Beilagenbastler und Marketing-Meetings fast niemanden. Die Wahrheit ist viel unspektakulärer: Baumärkte und Discounter arbeiten in der Regel nach dem “Darwin-Prinzip”[11] – was sich nicht schnell und massenhaft verkauft (“dreht”)[12], fliegt gnadenlos aus dem Sortiment. Nur so kann auch mit günstigen Preisen Rendite erzielt werden.

Das gilt vor allem für Produkte, die schnell veralten. Bei LED-Lampen beträgt dieser Zyklus laut Osram-Chef Wolfgang Dehen[13] teils nur ein halbes Jahr. Gleichzeitig liege der Preisverfall für LED-basierte Produkte bei 15 bis 20 Prozent pro Jahr. Die Herausforderung für die Unternehmen ist also, dass sie ständig teure Neuentwicklungen auf den Markt bringen müssen, die bei geringeren Kosten mehr leisten als die jeweiligen Vorgängermodelle. Der Handel wiederum hat massive Probleme, seine Kundschaft zum schnellen und wiederholten Kauf von Lampen zu überreden, die trotz fallender Preise rund 20- bis 40mal teurer sind als die bekannten “Glühbirnen” und teilweise auch noch Qualitätsprobleme haben[14].

Wer braucht Luxus-“Retrofit”-LEDs?

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft bei einigen Herstellern noch eine große Lücke. So sehnt sich Siemens-Tochter Osram vor dem geplanten Börsengang trotz schwieriger Marktlage nach höheren Umsatzrenditen, oder Philips entwickelte eine preisgekrönte “L-Prize”-LED-Lampe, die aber letztendlich mehr als doppelt so teuer verkauft wird wie geplant[15] (seit April in den USA, bei uns noch nicht). Und selbst diese horrenden Preise dürften den Herstellern wegen der hohen Entwicklungs- und Produktionskosten bei begrenzten Stückzahlen nur geringe Gewinne bescheren.

Ich frage mich ernsthaft, in wie vielen Haushalten noch herkömmliche 75 oder 100 Watt starke Glühlampen mit E27-Fassung in nennenswerter Zahl im Einsatz sind, die durch LED-Lampen ersetzt werden könnten. Gibt es wirklich einen auskömmlichen Markt für weit über 50 Euro teure LED-“Retrofit”[16]-Lampen mit deutlich mehr als 1400 Lumen Lichtstrom[17], wie sie aktuell von Philips und General Electric angekündigt werden?
GE27Watt
Der in Las Vegas vorgestellte Prototyp einer 27 Watt starken LED-Lampe von “GE”[18], die mit über 1600 Lumen Lichtstrom heller leuchtet als eine traditionelle 100-Watt-“Glühbirne”. Geplanter Verkaufsstart: 1. Halbjahr 2013. (Foto: GE-PR)
Philips23Watt
23 Watt hat die kommende Version der Philips-“EnduraLED”[19]. Auch sie soll mit fast 1700 Lumen herkömmliche 100-Watt-Glühlampen übertrumpfen. Die Markteinführung ist für diesen Herbst geplant. (Foto: Philips-PR)

Ich würde fast jede Wette annehmen, dass Sie bis Juni 2013 keine dieser beiden Lampen in ihrem Baumarkt finden werden. Stattdessen werden sie als “Leuchttürme” im Sortiment von diversen Online-Shops und dem gehobenen Fachhandel dienen – Luxusprodukte für Spezialisten und “Geeks”. Dem durchschnittlichen Lampenkäufer dürften sie am Allerwertesten vorbei gehen – ebenso wie die vermeintliche Werbewirkung von LED-erleuchteten Fußballstadien in Polen und der Ukraine, die bei “Otto Normalverbraucher” wohl kaum als Vorbild zur Umstellung der heimischen Beleuchtung dienen werden.

Allenfalls die Assoziation “LED-Licht ist hochwertig, edel und teuer” dürfte nach der Fußball-Europameisterschaft hängenbleiben, unter Umständen auch der eine oder andere negative Beigeschmack. Denn wer – wie zum Beispiel Osram in den Stadien Kiew und Lemberg[20] – gute LED-Geschäfte mit dem pseudo-demokratischen Regime in der Ukraine macht, profitiert derzeit nicht unbedingt von einem positiven Image-Transfer auf seine Produkte.

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Links/Quellen:
  1. Osram-PR: http://www.osram.de/osram_de/presse/_publikumspresse/2012/em-stadien-2012/index.jsp
  2. “Lightfair International”: http://www.lightfair.com/lightfair/V40/
  3. #LFI2012: https://twitter.com/#!/search/%23LFI2012
  4. Umbruch im Lichtmarkt: http://fastvoice.net/2012/02/07/led-beleuchtung-wackelkontakte-beim-wandel/
  5. OLED: http://fastvoice.net/2011/07/30/oled-beleuchtung-noch-keine-helle-freude/
  6. in einem anderen Blogbeitrag ausführlich erläutert: http://fastvoice.net/2012/04/18/ein-paar-hausaufgaben-fur-die-led-branche/
  7. ständigen Meckerei: http://fastvoice.net/2012/03/18/osram-led-spots-bei-obi-gunstig-geht-anders/
  8. mangelnde: http://fastvoice.net/2012/03/03/bauhaus-led-spotserie-alte-bekannte/
  9. falsche Produktbeschreibungen: http://fastvoice.net/2012/03/08/elv-schwindelt-bei-led-heimleuchter/
  10. zu dunkle: http://fastvoice.net/2012/02/29/obi-holt-mal-wieder-die-alten-led-funzeln-raus/
  11. “Darwin-Prinzip”: http://de.wikipedia.org/wiki/Darwinismus
  12. schnell und massenhaft verkauft (“dreht”): http://de.wikipedia.org/wiki/Schnelldreher#Schnelldreher
  13. laut Osram-Chef Wolfgang Dehen: http://www.focus.de/finanzen/news/wirtschaftsticker/unternehmen-osram-will-an-alte-margen-anknuepfen_aid_739391.html
  14. 20- bis 40mal teurer sind als die bekannten “Glühbirnen” und teilweise auch noch Qualitätsprobleme haben: http://www.n24.de/news/newsitem_7850051.html
  15. “L-Prize”-LED-Lampe, die aber letztendlich mehr als doppelt so teuer verkauft wird wie geplant: http://www.theenvironmentalblog.org/2012/04/philips-prizewinning-light-bulb-shine-earth-day/
  16. “Retrofit”: http://fastvoice.net/2011/12/08/retrofit-led-leuchten-immer-heller-bald-auch-billiger/
  17. Lumen Lichtstrom: http://www.energie-bewusstsein.de/index.php?page=thema_strom_beleuchtung&p2=lumen_auswahl_tabelle
  18. 27 Watt starken LED-Lampe von “GE”: http://www.led-professional.com/products/led-lamps/ge-plans-world-debut-of-led-bulb-that-replaces-100-watt-incandescent-using-synjet-technology#.T6i5IGey4w4.twitter
  19. Philips-“EnduraLED”: http://news.cnet.com/8301-11386_3-57428951-76/philips-led-replaces-100-watt-incandescent/
  20. wie zum Beispiel Osram in den Stadien Kiew und Lemberg: http://www.osram.de/osram_de/presse/_publikumspresse/2012/em-stadien-2012/index.jsp

Source URL: http://fastvoice.net/2012/05/08/led-markt-grose-projekte-kleine-renditen/